Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Hephaistos, der Schmied der Götter

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt noch jung war in ihrer Schönheit, lebte unter den Unsterblichen einer, den die anderen selten nannten, wenn sie von Glanz und Herrlichkeit sprachen. Er saß tief unter dem Berg, wo die Erde warm war vom Feuer, und sein Hammer schlug seinen eigenen Takt in die ewige Stille. Er hieß Hephaistos, Sohn des Zeus und der Hera, und seine Hände schufen Dinge, die kein anderer Gott zu schaffen vermochte.

Doch der Anfang seiner Geschichte war kein ruhiger. Es heißt, Hera habe ihren Sohn, als er noch ein Kind war, vom Olymp geworfen, hinab in die Tiefe, weit weg von den goldenen Hallen. Einen ganzen Tag soll er gefallen sein, und als er auf der Insel Lemnos aufprallte, war er verletzt an dem, was ihn für immer begleiten würde: seinen Beinen trugen ihn fortan nicht mehr so leicht wie andere Götter. Andere Überlieferungen erzählen, er sei schon beim Sturz auf die Erde zu früh aus den Armen seiner Mutter gefallen, damals, als ein Streit unter den Göttern tobte wie ein Gewitter über dem Meer.

Welche Fassung die wahre ist, wissen vielleicht nur die Musen, doch beide führen zum selben Ende: Hephaistos lebte von nun an fern vom Gipfel, und das Feuer wurde sein Reich. Die Menschen auf Lemnos fanden ihn und pflegten ihn, und er lernte bei ihnen die erste Sprache des Feuers. Er lernte, wie man Erz bändigt, wie Metall sich erweicht, wenn die Glut heiß genug brennt, und wie man ihm mit Hammer und Amboss eine Form gibt, die hält.

Bald aber überflügelte er jeden Lehrmeister, denn in seinen Händen lag eine Gabe, die aus dem Blut der Götter stammte: Er sah das Ding, das entstehen sollte, bevor er den ersten Schlag tat. Seine Esse leuchtete in den Nächten wie ein zweiter Mond über der Insel, und die Fischer sagten, wenn sie ihn sahen, dass kein gewöhnliches Feuer so ruhig und so mächtig zugleich brennen könne. Tief in seiner Werkstatt schuf Hephaistos Werke, die bis heute in den alten Liedern klingen. Er schmiedete den Palast des Olymp, alle Häuser der Götter, aus Gold und Silber und Erz, mit Türen, die sich von alleine öffneten, wenn ein Unsterblicher nahte.

Er schuf Automaten aus glänzendem Gold, Dienerinnen, die dachten und sprachen und ihrem Meister folgten wie lebende Wesen; Hunde aus Silber, die nie schliefen und nie müde wurden; einen Wagen, der sich durch die Lüfte trug. Die Götter staunten, wenn sie seine Arbeiten sahen, auch jene, die ihn nicht zum Fest luden. Dann kam der Tag, an dem Hephaistos sich erinnerte. Er erinnerte sich an den Sturz, an Hera, die ihn verstoßen hatte, und er fasste einen Entschluss, wie ihn nur ein Handwerker fassen kann: leise, gründlich und mit langer Geduld. Er schmiedete einen Thron.

Einen Thron von solcher Schönheit, dass kein Auge sich satt daran sehen konnte, Gold, das warm leuchtete wie Sommersonne, Silber, das kühl wie Mondlicht schimmerte, mit Blüten aus Edelstein und Ranken, die sich über die Lehnen wanden wie lebendiges Grün. Er ließ ihn auf den Olymp bringen, als Geschenk für seine Mutter. Hera, die Götterkönigin, sah den Thron und setzte sich darauf.

Und in dem Augenblick, da sie saß, schlossen sich unsichtbare Bande um sie, ein Gespinst aus Metall, so fein wie Spinnfäden, so fest wie Ankerketten, und kein Gott des Olymp vermochte sie zu lösen. Die Götter riefen und berieten, und schließlich wandten sie sich an Hephaistos, der weit unten in seiner Werkstatt schlug und schwieg. Nur er kannte das Gespinst, nur er konnte es öffnen. Da schickten die Götter Hermes, den geflügelten Boten, hinab zu Hephaistos, und Hermes redete und scherzte und flatterte um ihn herum, doch Hephaistos rührte sich nicht. Dann schickte man Dionysos, den Gott des Weines, und Dionysos brachte seinen besten Wein mit, und die beiden tranken miteinander, bis Hephaistos lachte und das Feuer in seinen Augen milder wurde.

So kehrte er zurück auf den Olymp, von Dionysos gestützt, und löste die Bande, die er selbst geknüpft hatte, und Hera war frei. Was zwischen Mutter und Sohn an jenem Tag gesprochen wurde, berichten die Lieder nicht genau, doch von da an nahm Hephaistos seinen Platz unter den Zwölfen ein. Sein Platz war der heißeste und der tiefste, und er war ihm recht.

Auf dem Olymp hatte er seine Werkstatt, mit zwanzig Blasebälgen, die er mit einem einzigen Wort in Gang setzen konnte, und mit Ambossen so groß wie Inseln. Hier schmiedete er die Blitze des Zeus, jene goldenen Keile, die der Wolkenversammler über den Himmel schleuderte, wenn sein Zorn aufstieg wie ein Sturm. Hier entstanden die unverwundbaren Rüstungen, die Götter und Helden trugen, wenn sie in große Kämpfe zogen.

Die Götter kamen zu ihm mit Wünschen, und er erfüllte sie, weil er ein Handwerker war und weil das Schaffen seine Sprache war, wenn ihm andere Worte fehlten. Für Helios schmiedete er den leuchtenden Wagen, mit dem die Sonne jeden Morgen über den Himmel zog. Für Achilles, als dessen Mutter Thetis ihn bat, schuf er einen Schild, auf dem die ganze Welt eingraviert war: Städte in Frieden und Städte im Krieg, Felder bei der Ernte, Weinlesen im Herbst, Tänze unter dem Sternenhimmel.

Wer diesen Schild ansah, sah das Leben selbst in Metall gebannt, und die alten Sänger brauchten viele Atemzüge, um alles zu beschreiben, was dort zu sehen war. Es heißt auch, dass Hephaistos die erste Frau formte, die je aus seiner Werkstatt hervorging: Pandora, aus Lehm geformt, der er ein Gesicht gab, das die Götter mit ihren Gaben zierten, bevor Hermes ihr den Odem des Lebens einhauchte. Das aber ist eine Geschichte, die ein anderes Kapitel füllt, und die Musen werden sie zu ihrer Zeit erzählen.

Aphrodite, die aus dem Meeresschaum geboren worden war und deren Schönheit die Götter betörte, wurde seine Gemahlin, so bestimmten es die anderen Götter des Olymp. Es war eine Verbindung wie Feuer und Wasser, wie Amboss und Morgenwind, und die Lieder erzählen, dass Aphrodite das stille Reich des Schmiedes oft verließ, um in der Welt der Sonne zu wandeln. Hephaistos aber arbeitete weiter, denn seine wahre Liebe galt dem Metall und der Flamme, und darin fand er etwas, das beständiger war als vieles andere auf dem Olymp.

Auf der Insel Lemnos, wo er einst als Kind gestrandet war, verehrten ihn die Menschen am meisten von allen Göttern. Sie entzündeten Feuer zu seinen Ehren und nannten ihn mit Ehrfurcht: den Lahmen, den Kunstfertigen, den Unermüdlichen. Für sie war er kein Verstoßener, sondern ein Beweis, dass die wahre Kraft nicht im Lauf steckt, sondern in den Händen und im Willen.

Und wenn nachts das Feuer des Ätna in den Himmel stieg, wenn die Erde zitterte und Glut aus den Bergen floss, dann sagten die Bewohner der Inseln, dass Hephaistos in seiner Werkstatt am Werk sei, und sie traten einen Schritt zurück und sahen zu, wie das Licht über das Meer tanzte. So lebte Hephaistos unter den Göttern: nicht der glänzendste, nicht der schnellste, nicht der lauteste. Aber wenn Zeus seinen Blitz brauchte, wenn ein Held eine Rüstung trug, die kein gewöhnliches Eisen hätte halten können, wenn die goldenen Türen des Olymp sich lautlos öffneten, dann war Hephaistos’ Werk im Spiel.

Das Feuer seiner Esse brannte durch alle Zeitalter, und die Welt, in der die Götter lebten und die Menschen träumten, war zu einem guten Teil von seinen Händen geformt. Er ruhte selten, und wenn er ruhte, dann saß er am Rand des Amboss und sah in die Glut, und die Glut sah zurück, und zwischen den beiden war ein Einverständnis, das keine Worte brauchte.

Die Nacht legt sich nun über Lemnos, über die weißen Tempel am Hang, über das weinrote Meer, das leise gegen die Felsen atmet. Irgendwo tief in der Erde schläft das Feuer, und der Hammer schweigt, und die zwanzig Blasebälge stehen still. Hephaistos, der Schmied der Götter, hat sein Werk für diesen Tag getan, und was er geschaffen hat, wird bleiben, solange die Sterne ihre Bahnen ziehen. Demeter und Persephone, warum es Jahreszeiten gibt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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