Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen

Helena und der Beginn des großen Krieges

In jenen alten Tagen, als Paris, der Königssohn aus Troja, noch den Nachhall einer Entscheidung in sich trug, die drei Göttinnen und einen goldenen Apfel betraf, setzte er sein Schiff in Richtung Hellas. Was in den Kapiteln zuvor geschehen war, das Urteil auf dem Ida-Berg, die Wahl und ihr unausweichliches Versprechen — das trug er nun mit sich wie ein Geschenk, das er noch nicht ganz verstand. Aphrodite hatte ihm die schönste Frau der Welt verheißen, und so fuhr er übers weinrote Meer, als würde er einem Stern folgen, der längst erloschen war.

Der Hafen von Sparta lag im Abendlicht, als Paris und seine Gefährten anlegten. Die Küste duftete nach trockenem Gras und Salz, und die ersten Ölbäume standen schwarz gegen den verblassenden Himmel. Menelaos, König von Sparta, empfing die Ankömmlinge aus Troja mit der Gastfreundschaft, die das Gesetz der Götter von jedem Wirt verlangte. Er ließ Tische aufstellen, ließ Wein und Brot tragen, und Paris saß in seinem Haus und aß von seinem Brot.

Und dort, in den hohen Hallen des spartanischen Palastes, sah Paris zum ersten Mal Helena. Sie war die Tochter des Zeus, geboren aus jenem alten Staunen, das die Götter manchmal in die Welt schicken, wenn die Welt schöner werden soll, als sie es verträgt. Ihr Haar war dunkel wie der Abend über dem Meer, und wenn sie sich bewegte, schien es, als bewege sich das Licht mit ihr. Paris vergaß für einen Augenblick, wo er saß und wessen Gast er war.

Menelaos aber war ein König mit Pflichten, und bald rief ihn eine Nachricht fort nach Kreta, zu einem Begräbnis, das nicht warten konnte. Er vertraute seinem trojanischen Gast dem Schutz des Hauses an und seiner Frau die Pflichten der Gastgeberin. Es war eine Vertrauensbezeugung, wie sie Könige einander entgegenbringen, schlicht und selbstverständlich. Und doch war damit eine Tür geöffnet worden, durch die das Schicksal leise eintrat.

Was in jenen Tagen zwischen Paris und Helena geschah, liegt im Dunkel zwischen Götterwerk und menschlichem Willen. Aphrodites Versprechen hing über allem wie ein unsichtbares Netz, und die Göttin der Liebe lässt selten los, was sie einmal ergriffen hat. Als Menelaos nach Sparta zurückkehrte, fand er ein leeres Haus. Helena war fort. Und mit ihr Schätze aus seinen Kammern, Gold und Gewand und all das, was ein Flüchtiger mitnimmt, der nicht vorhat zurückzukehren. Die Schiffe des Paris waren längst aus dem Hafen.

Menelaos stand eine lange Zeit still. Dann schickte er Boten. Den ersten zu seinem Bruder Agamemnon, dem Herrn von Mykene und mächtigsten König in ganz Hellas. Den zweiten zu Odysseus auf Ithaka, dem listenreichen, dessen Rat schwerer wog als das Schwert vieler anderer. Und bald kamen noch mehr Boten und noch mehr Antworten, denn die Könige von Hellas hatten einst alle um Helena geworben, und damals, bevor einer von ihnen ihr Gemahl wurde, hatten sie einen Schwur geleistet. Wer auch immer Helena heiraten würde, dem würden alle anderen beistehen, wenn jemand sie ihm raubte. Dieser Schwur lag nun wie ein Samen im trockenen Boden, der auf Regen wartet. Und der Regen kam.

Von allen Küsten Griechenlands setzte sich etwas in Bewegung: Schiffe wurden aus ihren Häfen geführt, Männer sammelten sich an Stränden, Waffen wurden aus Kammern geholt. Es war eine Versammlung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte, tausend Schiffe, so erzählten es die späteren Sänger, und jedes Schiff trug Männer, die bereit waren, über das Meer zu fahren für eine Frau, einen Schwur und die Ehre ihrer Könige.

Agamemnon übernahm den Oberbefehl, denn er war der Mächtigste unter ihnen. Odysseus kam, wenngleich ungern, denn er hatte ein kleines Kind auf Ithaka und eine Frau namens Penelope, die er nicht verlassen wollte. Achilles kam, jung und strahlend, begleitet von seinem treuen Freund Patroklos, doch von diesen beiden wird ein anderes Kapitel erzählen. Die Flotte sammelte sich in Aulis, einem Hafen an der engen Meerstraße zwischen dem Festland und Euböa, wo die Winde manchmal tagelang ausbleiben.

Und die Winde blieben aus. Kein Lüftchen rührte sich, die Segel hingen schlaff, und das Heer wartete. Es war Kalchas, der Seher, der schließlich sprach, mit der ruhigen Stimme eines Mannes, der weiß, dass seine Worte schwer werden: Artemis hält die Winde zurück. Sie verlangt einen Preis, bevor die Flotte fahren darf. Was dieser Preis war und wie er entrichtet wurde, auch davon handelt ein anderes Kapitel der langen Geschichte. Denn dieses hier ist das Kapitel der Vorbereitung, nicht der Abfahrt.

Doch schließlich, nach Tagen und Wochen des Wartens, füllten die Segel sich. Der Wind kam vom Land, warm und stetig, und die tausend Schiffe setzten sich in Bewegung. Von den Klippen aus hätte ein Beobachter gesehen, wie die Küste Griechenlands langsam verschwand und wie vor ihnen das weinrote Meer sich öffnete, weit und offen und ohne Grenze. Die Männer sahen nicht zurück. Sie hatten ihre Augen auf das andere Ufer gerichtet, das noch nicht zu sehen war, aber das sie alle schon in Gedanken trugen: die Mauern von Troja.

Troja lag auf einer Anhöhe nahe dem Hellespont, jenem schmalen Meeresarm, wo Europa und Asien sich fast berühren. Seine Mauern waren hoch und gut gebaut, seine Türme ragten in den Himmel, und Priamos, der alte König, herrschte über eine reiche und stolze Stadt. Als Paris mit Helena ankam, empfing die Stadt sie, denn Paris war ein Königssohn, und Helena war von einer Schönheit, die selbst die alten Männer auf den Mauern zum Schweigen brachte. Nur Kassandra, die sehende Schwester, sprach, was keiner hören wollte: dass dieser Tag der Anfang vom Ende war.

Helena selbst, so erzählen es die alten Stimmen, war keine einfache Figur in dieser Geschichte. Sie war Spielball und Handelnde zugleich, von Aphrodite geleitet und doch nicht ganz ohne eigenen Willen. In den langen Jahren, die noch kommen sollten, würde sie auf den Mauern Trojas stehen und über das Schlachtfeld blicken und die Gesichter der Männer kennen, die ihretwegen kämpften. Ob Schuld oder Schicksal der richtige Name für ihre Lage war, das ließen die alten Sänger offen, und so soll es auch hier offenbleiben.

Die griechische Flotte aber fuhr. Nacht für Nacht unter Sternen, die sich nicht um Menschendinge kümmerten. Das Meer trug die Schiffe gleichmütig, wie es alle Dinge trägt, Händler und Fischer und Krieger und Flüchtende. Die Männer schliefen auf dem Holz ihrer Decks, wiegten sich im Rhythmus der Wellen, hörten das Knarren der Taue und das leise Schlagen des Wassers an den Planken. In solchen Nächten auf See wird die Welt sehr groß und sehr still zugleich, und selbst der Gedanke an Krieg verliert für ein paar Stunden seine Schärfe.

Und so fuhr die Flotte dem Morgengrauen entgegen, Schiff nach Schiff, Segel an Segel, auf dem weinroten Meer. Was sie an der anderen Küste erwartete, zehn Jahre, Helden und ihr Ruhm, Verluste und Freundschaften, Götterstreit und Menschenmut, das liegt noch vor ihnen, in der Stille dieser Nacht noch ungeboren. Für einen Atemzug lang ist die Welt nur das Meer, der Wind und die Sterne, die ruhig leuchten über allem, was Menschen sich antun und füreinander tun. Und das Meer trägt sie alle.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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