Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen
Hektor, der Beschützer Trojas
In jenen alten Tagen, als Troja noch stand und seine hohen Mauern im Licht der Ägäis leuchteten, lebte in der Stadt ein Mann, dessen Name so fest in die Herzen seiner Landsleute eingeschrieben war wie in Stein gemeißelt. Hektor, Sohn des Priamos, war kein Krieger aus Leidenschaft, sondern aus Pflicht, und das war der Grund, weshalb die Trojaner ihn mehr liebten als alle anderen.
Er stand morgens auf den Zinnen und blickte auf das Lager der Achäer hinaus, das sich wie ein dunkler Gürtel um die Küste zog, und er kehrte abends heim zu seiner Frau Andromache und seinem kleinen Sohn Astyanax, so als ob das die natürlichste Bewegung der Welt wäre: hinaus in den Kampf, zurück in die Stille des Hauses. Troja selbst war eine Stadt voller Leben.
In den Gassen duftete es nach warmem Brot und nach Holzrauch, die Priesterinnen trugen Kränze zum Tempel der Athene, und die alten Männer saßen bei den Skäischen Toren und sprachen miteinander in ruhigen Stimmen. Priamos, der König, war alt geworden, aber er trug seine Jahre wie ein schweres Gewand, das er nicht ablegen konnte. Seine Söhne waren viele, Hektor der älteste und tüchtigste, Paris derjenige, der den Krieg heraufbeschworen hatte, als er Helena aus Sparta mitgebracht und damit die Rache der Griechen auf sich und seine ganze Stadt gezogen hatte.
Und doch war es Hektor, dem die Last dieses Krieges am schwersten auf den Schultern lag, denn er wusste genauer als irgendjemand sonst, was auf dem Spiel stand. Die Jahre des Krieges hatten sich gezogen wie ein langer Sommer, der nicht enden will. Auf den Ebenen vor den Mauern waren schon viele Kämpfe geschlagen worden, und der Staub der Ebene hatte sich mit dem Klagen beider Seiten gemischt.
Aber in dieser Zeit hatte Hektor die Seinen immer wieder zurückgeführt, hatte gehalten, was zu halten war, und die Trojaner hatten in ihm einen Felsen gesehen, an dem die Wellen der achäischen Heere wieder und wieder brachen. Auf dem Olymp aber saßen die Götter und beobachteten das Geschehen unten, und es war kein Geheimnis, dass Hera und Athene auf der Seite der Griechen standen, während Apollon die Hände schützend über Troja hielt.
Es gab einen Morgen, und dieser Morgen würde in den Herzen der Trojaner lange nachhallen, an dem Hektor sich von Andromache verabschiedete. Sie stand im Hof des Hauses, ihr Haar lose um die Schultern, und der kleine Astyanax spielte in der Sonne. Andromache war keine Frau, die ihre Angst verbarg, und so sprach sie aus, was sie fühlte. Bleib bei uns, sagte sie, denn du bist mir Vater und Mutter und Bruder und du bist mein Mann, und ohne dich wäre diese ganze Stadt nur Mauer und Staub.
Hektor hob den Jungen auf den Arm. Das Kind erschrak zuerst beim Anblick des Helmes mit dem wallenden Busch aus Rosshaar und begann zu weinen, und Hektor lachte leise und nahm den Helm ab und legte ihn ins Gras, und dann lachte auch Andromache. Es war einer jener Augenblicke, in denen das Leben vollständig ist, ohne dass man ein Wort dafür bräuchte. Hektor gab den Jungen zurück in die Arme seiner Mutter und sprach mit ruhiger Stimme, dass er gehen müsse, denn er habe gelernt, tapfer zu sein, und Troja solle niemals sagen, er habe gezögert. Dann setzte er den Helm wieder auf und trat durch das Tor hinaus in die Welt des Krieges.
In jenen Tagen war Achilles noch nicht auf dem Feld. Der schnellfüßige Sohn der Thetis hatte sich in sein Zelt zurückgezogen, tief beleidigt, und sein Fernbleiben hatte den Griechen schwer geschadet. Und so hatte Hektor etwas getan, das kühn war: Er hatte die Trojaner aus den Toren geführt und die Griechen zurück zu ihren Schiffen gedrängt. Die Flammen hatten sogar die hölzernen Wände der Lageranlagen berührt, bevor die Griechen standhielten. Das war Hektors Stunde gewesen, die Stunde, in der er dem Horizont am nächsten kam, den ein Mensch berühren kann.
Doch das Schicksal drehte sich, wie es immer tut. Patroklos, der treue Gefährte des Achilles, hatte die Rüstung seines Freundes angelegt und war in die Schlacht gezogen, und die Trojaner hatten ihn für Achilles gehalten. Hektor aber war es, der ihn am Ende des Tages gegenüberstand, und in jenem Kampf fiel Patroklos. Nun mag jeder, der diese alten Geschichten kennt, wissen, was daraus folgte, doch das ist die Erzählung des vorigen Kapitels. Was danach kam, das war Hektors eigene Stunde, die letzte, und sie gehört hierher.
Als die Nachricht von Patroklos’ Tod zu Achilles drang, war es, als hätte jemand ein Feuer aus langem Schlaf geweckt. Der Zorn des Peliden, der so lange geruht hatte, entflammte neu und größer als zuvor. Und Hektor wusste es. Die ganze Stadt wusste es. Die alten Männer an den Toren, die Frauen auf den Mauern, Priamos in seinem Thronsaal, alle wussten, dass Achilles nun heraustreten und sein Leid durch Kampf ausdrücken würde.
Die Trojaner zogen sich hinter die Mauern zurück, einer nach dem anderen, getrieben von dem Gedröhne, das über die Ebene hallte, als Achilles in seiner neuen Rüstung, von Hephaistos selbst am Amboss gefertigt, auf Troja zumarschierte. Die Rüstung glänzte im Licht der Sonne wie ein zweites Gestirn, und wer sie sah, blieb stehen und schwieg. Nur Hektor blieb draußen vor den Skäischen Toren.
Priamos rief von der Mauer herab, und seine Stimme zitterte, obwohl er sie zu festigen versuchte. Geh nicht hinaus, mein Sohn, geh nicht hinaus. Kein sterblicher Mensch kann ihm standhalten, und Troja braucht dich mehr als jede einzelne Stunde des Ruhmes. Hektor hörte es. Er hörte auch Andromaches Stimme in seinem Innern, und er hörte das Lachen des kleinen Astyanax, der sich vor dem Helm gefürchtet hatte. Und dennoch blieb er stehen, denn er war Hektor, und Hektor war der Beschützer Trojas, und ein Beschützer läuft nicht davon. So stand er und wartete.
Was auf der Ebene vor Troja geschah, war groß und still zugleich, wie alle wirklich großen Dinge still sind, wenn man sie aus der Ferne betrachtet. Die Götter sahen vom Olymp herab, und selbst Zeus hielt seine Waagschale des Schicksals in die Luft, und die Schale Hektors sank. Apollon, der Hektor so lange begleitet hatte, zog sich zurück, denn die Stunde war gekommen, die kein Gott aufhalten wollte. Athene aber erschien an der Seite des Achilles, und so stand Hektor allein.
Sie kämpften, und der Kampf war so, wie nur Kämpfe zwischen den Größten sein können, fern wie ein Gewitter über dem Meer, das man sieht, ohne seinen Donner noch zu hören. Und Hektor fiel. Die Trojaner auf den Mauern sahen es, und Andromache ließ ihr Gewebe fallen, und Priamos verbarg sein Gesicht. Es war ein Ende, das so klar und unausweichlich war wie das Ende eines langen Tages, wenn die Sonne hinter den Bergen versinkt.
Achilles, in seiner Trauer und seinem Zorn, behandelte Hektors Leib nicht mit der Ehrerbietung, die einem Helden gebührt. Er band ihn an seinen Wagen und fuhr ihn um die Mauern Trojas, wieder und wieder, während die Stadt stumm zusah. Und doch, und dies gehört zum Geheimnis dieser alten Geschichte, war es Priamos selbst, der als alter König in der Nacht ins Lager der Griechen ging, ganz allein, und vor Achilles niederkniete.
Bedenke deinen eigenen Vater, sagte Priamos, der so alt ist wie ich und der wartet. Ich habe getan, was kein Vater tun sollte, ich habe mein Gesicht in die Erde gedrückt vor dem Mann, der meinen Sohn getötet hat. Gib mir Hektor zurück. Achilles schwieg lange. Dann weinte er, nicht für Hektor, sondern für Patroklos, und für seinen eigenen Vater, und für all das, was der Krieg aus Menschen macht. Und er gab den Leib zurück. Das war das Größte, was Achilles je tat, und er wusste es selbst.
In Troja brannten die Scheiterhaufen zwölf Tage lang, denn Achilles hatte versprochen, in dieser Zeit nicht anzugreifen. Die Stadt trauerte, wie Städte trauern, wenn sie das Beste verlieren, was sie hatten. Andromache saß bei dem Feuer und hielt Astyanax auf dem Arm, und die alten Männer sprachen leise miteinander, und der Rauch stieg in den Himmel wie ein letztes Gebet. Aber Hektor war kein Mann, der im Vergessen verschwand.
Seine Geschichte blieb, so wie die Geschichte aller bleibt, die das Richtige tun, obwohl sie wissen, was es kostet. Die Trojaner erinnerten sich an ihn nicht als den Mann, der die größten Schlachten gewonnen hatte, sondern als den Mann, der jeden Morgen aufgestanden war und trotzdem herausgegangen war, für sie, für die Stadt, für das Kind, das sich vor dem Helm gefürchtet und gelacht hatte.
Das weinrote Meer lag ruhig in diesen Nächten, und der Mond warf sein Licht auf die weißen Mauern Trojas, die noch standen. Was danach kam, das hölzerne Pferd, die letzte List der Griechen — das ist eine andere Geschichte für eine andere Nacht. Für diese Nacht bleibt nur Hektor, der Beschützer, der einmal gestanden hat vor den Toren seiner Stadt und gewartet hat, nicht aus Übermut, sondern aus Liebe. Und das reicht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.