Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Hagar und der Brunnen in der Wüste
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte eine Frau namens Hagar. Sie war nicht aus jenem Land gebürtig, sondern kam von weit her, aus dem Land der großen Ströme und der alten Tempel, aus Ägypten. Doch das Leben hatte sie weit von ihrer Heimat geführt, in die Zelte eines Mannes namens Abraham und seiner Frau Sara, und dort hatte sie gedient, viele Jahre lang, still und treu. Ihre Hände kannten die Arbeit, und ihr Herz kannte das Schweigen der Fremde.
Und es geschah, dass Hagar einen Sohn gebar, und sie nannte ihn Ismael, was so viel bedeutet wie: Gott hat gehört. Das Kind wuchs heran unter dem weiten Himmel, stark und schnell wie ein junges Tier in der Wüste. Doch die Jahre brachten auch Wandel, und mit dem Wandel kam Schweres. Sara, die lange gewartet hatte, empfing nun selbst einen Sohn in ihrem hohen Alter, und es entstand Streit im Lager, jener stille, bittere Streit, der schlimmer ist als offener Zorn, weil er keine Worte braucht, nur Blicke und Schweigen. Und eines frühen Morgens, als die Sterne noch nicht ganz verblasst waren, musste Hagar das Lager verlassen.
Abraham hatte ihr Brot gegeben und einen Schlauch voll Wasser, mehr nicht. Sie nahm das Kind an die Hand, und sie zogen hinaus in die Wüste von Beerscheba. Die Sonne stieg. Der Sand wurde heiß unter ihren Füßen. Es gibt keine Einsamkeit wie jene, die man in der Wüste kennt, eine Einsamkeit, die größer ist als man selbst, die sich über den Horizont erstreckt und kein Ende findet. Hagar ging, solange sie konnte, und der Sohn an ihrer Hand wurde schwerer mit jedem Schritt.
Das Wasser im Schlauch wurde weniger. Dann war es zu Ende. Hagar schaute auf das Kind, auf das schmale Gesicht, das sich bereits in das Gesicht eines jungen Mannes verwandelt hatte, und sie wusste, dass sie ihm nicht helfen konnte. Sie bettete Ismael unter einem der wenigen Büsche, die in diesem kargen Land Schatten warfen, kleinen, dürren Schatten, kaum mehr als Versprechen. Dann wandte sie sich ab. Sie konnte nicht zusehen. Eine Mutter kann vieles ertragen, aber nicht das.
Sie setzte sich abseits, in der Entfernung eines Bogenschusses, wie die Alten sagen würden, weit genug, um nicht zu sehen, und doch nah genug, um zu hören. Und sie weinte. Nicht laut, nicht mit Klagen und Rufen, sondern still, so wie die Wüste selbst manchmal weint: lautlos, unsichtbar, tief. Die Tränen liefen über ihr Gesicht, und die Sonne brannte, und ringsum war nichts als Stille und Sand und Hitze.
Und dann, dann geschah etwas. Eine Stimme. Nicht von einem Menschen, nicht aus der Ferne, nicht von irgendwo her, das man hätte zeigen können. Eine Stimme, die aus der Stille selbst zu kommen schien, als ob die Wüste selbst zu sprechen begänne. Hagar, was ist dir geschehen? Fürchte dich nicht. Die Worte lagen in der Luft wie Wasser auf heißem Stein. Und dann: Steh auf. Nimm das Kind. Halte es fest an deiner Hand. Denn ich habe seine Stimme gehört.
Hagar saß noch einen Augenblick lang regungslos. Die Wüste war dieselbe wie zuvor. Die Sonne brannte dieselbe. Und doch war alles anders. Sie erhob sich langsam, eine Frau, die soeben etwas erfahren hatte, für das es keine Worte gibt. Und dann sah sie es: nicht weit von ihr, dort, wo sie eben noch nur Sand und Stein gesehen hatte, war ein Brunnen. Ein wirklicher Brunnen, mit Steinen eingefasst, mit Wasser in der Tiefe, ruhig und still und kühl wie ein Versprechen, das gehalten wird.
Sie trat heran. Sie kniete nieder. Sie füllte den Schlauch, und das Wasser rann über ihre Hände, und sie trug es zu dem Kind unter dem Busch, und Ismael trank. Es gibt kein Bild, das einfacher wäre, und keines, das tiefer träfe: eine Mutter, die einem Kind Wasser bringt. Hagar sah zu, wie die Farbe in sein Gesicht zurückkehrte, wie er trank und trank, wie seine Augen wieder klar wurden. Die Wüste war noch immer weit. Die Sonne brannte noch immer. Aber sie waren nicht allein.
Und Hagar erinnerte sich in jener Stunde an einen anderen Tag, viele Jahre zuvor, als sie schon einmal allein durch die Wüste gegangen war und an einem Brunnen am Weg einen Namen gesprochen hatte: Du-bist-ein-Gott-des-Sehens. Damals wie heute war es dieselbe stille Erfahrung, eine der schlichtesten und tiefsten, die ein Mensch machen kann: gesehen zu werden. Nicht bewertet, nicht gerichtet, nicht gemessen. Nur gesehen. Hagar, eine Frau allein in der Wüste, fern von ihrer Heimat, hatte von neuem erfahren, dass sie gesehen worden war.
Die beiden blieben in der Wüste Paran, in jenem weiten Land zwischen den alten Routen und den fernen Meeren. Ismael wuchs heran, kräftig und gewandt, ein Bogenführer, der die Wüste kannte wie andere Menschen ihre Straßen und Gassen. Hagar fand für ihn eine Frau aus dem Land, das sie selbst einst verlassen hatte, und so wurde aus dem Kind, das unter einem Busch gelegen hatte, ein Mann mit einem eigenen Lager, einer eigenen Familie, einem eigenen Weg. Das Leben ist manchmal wie die Wüste selbst: weiter und reichhaltiger, als es in den dunkelsten Stunden scheint.
Und wenn man noch heute durch jene alten Länder zieht, durch die Weiten des Negev, durch die Hügel des Südens, dann liegt manchmal ein seltsames Leuchten über dem Land, in der Stunde, da die Hitze nachlässt und die ersten kühlen Schatten kommen. Und wer still genug ist, der hört vielleicht noch den Klang von Wasser, tief unten, dort, wo man es nicht erwartet hätte. Denn Brunnen entstehen an Orten, die man nicht sucht. Und manchmal findet man sie gerade dann, wenn man nicht mehr sucht, sondern nur noch sitzt und weint. So ruhte Hagar dort in der Wüste, unter dem weiten Sternenhimmel, und das Wasser war kühl, und das Kind schlief, und die Nacht war still und gut.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.