Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 9 Minuten zu lesen
Ghanim der Sklave des Herzens
In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch der Nabel der Welt war und der Tigris silbern unter dem Sternenzelt lag, da lebte in jener gesegneten Stadt ein junger Kaufmann namens Ghanim ibn Ayyub. Er war von edler Gestalt und sanftem Wesen, und die Menschen nannten ihn liebevoll den Sklaven des Herzens, denn sein Herz, so sagten sie, gehörte nicht ihm allein, sondern allem Schönen und Guten, das er in der Welt erblickte. Seine Mutter und seine Schwester Fitna lebten mit ihm in einem Haus, das nach Jasmin duftete, und die Öllampen warfen goldenes Licht auf die Teppiche, die sein Vater einst von fernen Märkten mitgebracht hatte.
Eines Tages beschloss Ghanim, sein Erbe in Waren zu verwandeln und nach Damaskus zu reisen, um Handel zu treiben. Die Karawane zog bei Morgengrauen aus den Toren Bagdads heraus, und Ghanim saß hoch auf seinem Kamel und sah, wie die Minarette langsam im goldenen Dunst versanken. Die Reise war lang und die Wüste weit, aber der Weg war gut bekannt, und bald erreichte er Damaskus, wo die Basare dufteten nach Gewürzen aus Indien und Seide aus dem fernen Osten. Er trieb seinen Handel mit Geschick und Ehrlichkeit, gewann das Vertrauen der Kaufleute und kehrte schließlich mit schwerem Herzen auf den Heimweg zurück, denn er hatte die Schönheit Damaskus’ geliebt, aber Bagdad war seine Seele.
Auf dem Rückweg durch die dämmernden Gassen der Stadt geschah etwas, das sein Leben für immer verändern sollte. Es war der Abend eines Freitags, und die Minarette riefen zum Gebet, als Ghanim an einem Friedhof vorbeiging, wo zwischen den weißen Grabsteinen Stimmen flüsterten, nicht die Stimmen der Toten, sondern die Stimmen von Trägern, die mühsam eine schwere Truhe durch die schmalen Wege schleppten.
Er blieb stehen und sah, wie hinter den Trägern zwei schwarze Sklavinnen gingen und eine Frau auf einer Sänfte trugen, deren Gesicht er nicht erkennen konnte. Die Männer stellten die Truhe nieder und sprachen miteinander, und Ghanim, der höflich und behutsam war, trat näher und bot seine Hilfe an. Da hoben die Träger den Deckel der Truhe, und Ghanim blickte hinein, und sah eine schlafende Frau, so schön wie der Mond in seiner Fülle, in Gewänder aus grüner Seide gekleidet, mit Haaren schwarz wie die Nacht und Wangen zart wie die erste Rose des Frühlings.
Die Männer erklärten ihm mit ehrerbietigen Worten, sie seien Diener des Palastes und hätten den Auftrag, diese Frau hierher zu bringen, doch nun müssten sie dringend fort, und würde er, der fromme Kaufmann, so gütig sein und über sie wachen, bis sie zurückkehrten? Ghanim, dessen Herz stets dem Schutzen Bedürftiger ergeben war, nickte und setzte sich neben die Truhe, während die Nacht sich über Damaskus legte wie ein Schleier aus dunklem Samt. Die Träger kamen nicht zurück. Die Stunden vergingen, und der Mond stieg höher, und die Frau in der Truhe schlief noch immer ihren tiefen, rätselhaften Schlaf. Ghanim wagte kaum zu atmen, so sehr ehrte er die Stille um sie.
Als der Mond seinen höchsten Punkt erreicht hatte und die Grillen zu schweigen begannen, erwachte die Frau, langsam, wie eine Blume sich öffnet, und ihre Augen, groß und dunkel wie ruhige Brunnen, sahen ihn an. Sie erschrak nicht. Sie sprach mit einer Stimme, sanft wie fließendes Wasser: Wer bist du, o Jüngling, und warum sitzt du an meiner Seite in dieser Nacht? Ghanim erzählte ihr alles, ruhig und ehrlich, und während er sprach, betrachtete die Frau ihn mit Blicken, in denen Staunen und Erleichterung miteinander webten.
Dann nannte sie ihm ihren Namen, Qut al-Qulub, was bedeutet: die Nahrung der Herzen, und Ghanim erkannte, dass er keiner gewöhnlichen Frau gegenübersaß. Sie war eine Lieblingssklavin des Kalifen Harun ar-Raschid, des Herrschers aller Gläubigen, und jemand hatte sie in diesen Schlaf versetzt, um sie aus dem Palast zu entfernen. Ich bin verloren, sprach sie leise, wenn ich nicht Schutz finde. Und Ghanim, dessen Herz seit jenem ersten Blick auf sie schon ein Sklave war, sagte: Wisse, o du Leuchte der Nacht, solange ich atme, wirst du keinen Schaden erleiden.
Er führte sie in sein Haus in Bagdad, das er bald darauf erreichte, und bettete sie in das schönste Gemach, das er hatte, mit Kissen aus bestickter Seide und einem Fenster, durch das der Jasmin duftete und die Sterne zu sehen waren. Er selbst schlief vor der Tür wie ein Wächter, der keine Gunst begehrt, sondern nur gibt. Die Tage vergingen wie leise Gebete, und Ghanim umsorgte Qut al-Qulub mit allem, was ihm möglich war, mit Speisen, mit Musik, mit ehrerbietigen Gesprächen, die bis in die späte Nacht dauerten. Und in diesen Nächten erzählten sie einander von ihren Leben, von ihren Träumen, von der Weite der Welt, und ihre Stimmen webten sich ineinander wie zwei Fäden eines Teppichs.
Doch im Palast des Kalifen war Unruhe entstanden. Harun ar-Raschid vermisste Qut al-Qulub, und seine Wesire flüsterten ihm ins Ohr, aus Neid und Bosheit, wie es oft geschieht, dass ein junger Kaufmann namens Ghanim ibn Ayyub die Sklavin geraubt und für sich behalten habe. Der Kalif, dessen Herz zuweilen von Eifersucht verdunkelt werden konnte, sandte seine Männer aus, und diese stürmten das Haus des Ghanim. Aber Ghanim war nicht mehr dort — er hatte Nachricht von der drohenden Gefahr erhalten und war geflohen, weit fort aus Bagdad, krank vor Kummer und Erschöpfung, ohne Hab und Gut, nur mit dem Bild von Qut al-Qulubs Augen im Herzen.
Qut al-Qulub wurde in den Palast zurückgebracht, und sie weinte bittere Tränen, denn sie liebte Ghanim, wie man nur jemanden liebt, der einem in der tiefsten Dunkelheit beigestanden hat. Sie sprach kein Wort zu den Wesiren, kein Wort zu den Dienerinnen, kein Wort zu niemandem, sie schwieg wie ein Brunnen, der kein Wasser mehr hat. Der Kalif, verwirrt von ihrer Stille, ließ sie in einem abgelegenen Gemach wohnen und schickte ihr die besten Ärzte, doch kein Arzt kannte das Heilmittel gegen einen Kummer, der aus dem Herzen kommt.
Ghanim unterdessen irrte durch Städte und Dörfer, krank und erschöpft, bis ihn ein gütiger Arzt in einer kleinen Stadt aufnahm und pflegte. Die Wochen vergingen, und langsam kehrte seine Kraft zurück, aber nicht die Farbe in seinen Wangen, denn die Sehnsucht nach Qut al-Qulub fraß an ihm wie ein stiller Glanz, der zugleich wärmt und verzehrt. Seine Mutter und seine Schwester Fitna, die von den Ereignissen gehört hatten, weinten täglich um ihn und wussten nicht, wo er war.
Doch die Nächte haben ihre eigene Gerechtigkeit, und das Schicksal webt seine Fäden mit Geduld. Es geschah, dass die Mutter des Ghanim und seine Schwester Fitna selbst nach Bagdad kamen, um die Wahrheit zu erfahren, und dort auf dem großen Basar ihr Lager aufschlugen. Die Menschen kamen, hörten ihre Geschichte, und das Gerücht ihrer Trauer drang bis in den Palast des Kalifen.
Harun ar-Raschid, der trotz allem ein gerechter Herrscher war und dessen Herz empfänglich blieb für wahres Leid, ließ die beiden Frauen zu sich kommen. Er hörte ihnen zu, lange und aufmerksam, und in ihren Worten erkannte er, was seine Wesire ihm verheimlicht hatten: dass Ghanim kein Räuber gewesen war, sondern ein Beschützer. Der Kalif ließ Nachforschungen anstellen, und die Wahrheit kam ans Licht wie die Sonne, die nach langer Nacht aufgeht.
Die böswilligen Wesire, die gelogen hatten, wurden abgesetzt, und der Kalif sprach das Recht. Er sandte Boten in alle Richtungen, um Ghanim zu finden, nicht als Flüchtigen, sondern als Gast, den er ehrenvoll empfangen wollte. Und Qut al-Qulub, als sie hörte, dass der Kalif die Wahrheit erkannt hatte, begann zum ersten Mal seit Wochen wieder zu sprechen, und ihre Stimme war wie Wasser in der Wüste.
Ghanim wurde gefunden, in jenem kleinen Ort, wo ihn der Arzt gepflegt hatte, und er kam nach Bagdad zurück, zögernd zunächst, denn sein Herz kannte die Unbeständigkeit des Glücks. Aber die Boten des Kalifen sprachen mit ehrerbietiger Wärme zu ihm, und er folgte ihnen. Im Palast des Harun ar-Raschid wurde er empfangen wie ein Fürst, mit Gewändern aus Brokat und Speisen, die nach Rosenöl dufteten, und der Kalif selbst trat ihm entgegen und sprach: Wisse, o Ghanim, ich habe Unrecht an dir getan, und ich bitte um deine Vergebung. Ghanim kniete nieder und antwortete: O mein Herr, ein Kalif, der Vergebung erbittet, zeigt nur, dass Gott ihn mit Weisheit gesegnet hat, wie sollte ich da nicht vergeben?
Harun ar-Raschid lächelte, und in diesem Lächeln lag die ganze Wärme eines Mannes, der erkannt hatte, dass Größe nicht im Befehlen liegt, sondern im Hören. Er sprach dann von Qut al-Qulub, ruhig und aufrichtig, und er sagte, dass er sie dem Ghanim zur Frau geben wollte, denn er sah in beider Augen, was er selbst nicht geben konnte: die stille, tiefe Liebe zweier Menschen, die füreinander bestimmt waren. Die Hochzeit wurde gefeiert in einer Nacht, die Bagdad nie vergessen sollte. Die Paläste strahlten im Licht von tausend Öllampen, und der Duft von Jasmin und Rosen lag über den Gassen wie ein sanfter Atem.
Musiker spielten auf Lauten und Flöten, und die Sterne standen still am Himmel, als wollten sie zuhören. Ghanims Mutter und seine Schwester Fitna saßen an der Seite des Brautpaares und weinten Tränen, die diesmal keine Tränen der Trauer waren, sondern des Staunens vor der Güte der Zeit. Und so lebten Ghanim ibn Ayyub, der Sklave des Herzens, und Qut al-Qulub, die Nahrung der Herzen, in dem Haus mit den Jasminblüten vor dem Fenster, und die Öllampen warfen jeden Abend ihr goldenes Licht auf die Teppiche, und der Tigris floss silbern draußen, und die Nacht war gut und still und voller Frieden.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.