Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Fem fra en Ærtebælg · 4 Minuten zu lesen

Fünf aus einer Schote

Fünf Erbsen saßen in einer Schote; sie waren grün, die Schote war grün, und darum glaubten sie, die ganze Welt sei grün — und das war ganz vernünftig gedacht, nach allem, was sie wissen konnten. Die Schote wuchs, und die Erbsen wuchsen mit; sie saßen in einer Reihe, die Sonne schien warm durch die Wand, der Regen klopfte freundlich von außen, und es war eine gute Kinderstube. Nur eines wunderte sie mit der Zeit: Die Welt wurde gelb. Die Schote wurde gelb, sie selbst wurden gelb — die ganze Welt wird reif, sagten sie, und da hatten sie wieder recht.

Dann gab es einen Ruck, die Schote wurde gepflückt und aufgeknackt, und die fünf rollten in das helle Licht hinaus — geradewegs in die Hand eines kleinen Jungen, der sie für seine Pusterohr-Kanone genau richtig fand. Jetzt geht es in die weite Welt, rief die erste Erbse, fang mich, wer kann! — und fort war sie. Die zweite wollte geradewegs in die Sonne fliegen, die dritte und vierte erklärten, sie kämen schon irgendwo unter, wo man es bequem habe. Alle vier flogen dahin. Die fünfte aber, die letzte, flog hoch hinauf und blieb in einem Spalt unter einem Dachkammerfenster liegen, wo altes Moos saß. Geschehe, was geschehen soll, sagte sie und machte es sich im Moos bequem.

Von den vier Weitgereisten soll der Ordnung halber noch berichtet werden, was aus ihnen wurde. Die erste, die die Welt hatte sehen wollen, landete in der Dachrinne und sah von der Welt genau diese; sie fand sich damit ab und wurde rund und grün vor Wichtigkeit. Die zweite, die zur Sonne wollte, kam in den Kropf einer Taube, was immerhin ein Flug war, wenn auch ein kurzer und ein innerer. Die dritte und vierte gerieten in den Rinnstein und quollen dort im Wasser auf, und die dritte sagte noch, sie werde platzen vor Bedeutung, und die vierte sagte, so weit wolle sie es nicht kommen lassen — und dann platzten beide. So endet Bedeutung, wenn sie nur aus Aufquellen besteht. Aber urteilen wir nicht zu streng: Wohin eine Erbse fliegt, sucht sich die Erbse nicht aus. Nur was sie am Ende daraus macht, das schon.

In der Dachkammer hinter dem Fenster wohnte eine arme Frau mit ihrer kleinen Tochter, und die Tochter war seit einem ganzen Jahr krank; sie lag in ihrem Bett, still und blass, und wurde nicht gesund und nicht ganz krank, und die Mutter sorgte sich sehr. Da kam das Frühjahr, und eines Morgens fiel ein Sonnenstrahl schräg durchs kleine Fenster, und die Mutter sagte verwundert: Sieh doch, da ist ja etwas Grünes im Fensterspalt! Es war die Erbse, die ausgeschlagen hatte: zwei kleine Blätter über dem Moos. Was da wohl wächst, sagte die Mutter und rückte das Bett des Kindes näher ans Fenster, damit es das grüne Ding sehen konnte.

Für das kranke Kind war die kleine Pflanze bald mehr als eine Pflanze: Sie war der Kalender. Heute ist ein neues Blatt gekommen, hieß es, und das war ein guter Tag; heute hat sie sich um den Faden gewunden, und das war ein Festtag. Die Mutter, die früh zur Arbeit musste, trug in der Dämmerung das Bild der beiden mit sich fort — das blasse Gesicht am Fenster, das grüne Pflänzchen davor — und den ganzen Tag über, beim Waschen und Schleppen, dachte sie daran, und es machte ihr die Arme leichter. So arbeitete die Erbse eigentlich für drei: für sich, für das Kind und für die Mutter. Das ist viel für ein so kleines Korn. Aber Hoffnung wiegt ja nichts, darum kann man so viel davon tragen.

Und nun geschah das Stille, das niemand erklären kann und jeder versteht: Das kranke Kind bekam etwas zum Zusehen. Und mit der Pflanze wuchs das Kind mit: Es setzte sich auf, es bekam Farbe, es wollte ans Fenster, und eines Sonntagmorgens stand da die erste rosenrote Erbsenblüte offen im Licht. Das Kind beugte sich vor und küsste die Blüte ganz behutsam. Das war wie ein Festtag, sagte die Mutter später, von dem Tag an ging es bergauf.

Aus der Kranken wurde wieder ein gesundes Kind mit hellen Augen, und am Fenster stand den ganzen Sommer die grüne Ranke mit ihren Blüten und tat, was sie konnte. Die Mutter aber sagte manchmal, halb im Scherz und halb nicht: Der lieben kleinen Pflanze haben wir zu danken; der Himmel selbst hat sie in den Spalt gesät. Und fragt man nun, welche von den fünf Erbsen es am weitesten gebracht hat — die in der weiten Welt oder die im Taubenkropf oder die im Fensterspalt —, dann gibt das Fenster mit der Blüte die Antwort ganz von selbst. Man muss nicht weit fliegen. Man muss nur am richtigen Fenster aufgehen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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