Frei nach Hans Christian Andersens Pen og Blækhuus · 3 Minuten zu lesen
Feder und Tintenfaß
In der Stube eines Dichters stand auf dem Schreibtisch das Tintenfass, und neben ihm lag die Feder, und eines Abends, als der Dichter ausgegangen war, kamen die beiden ins Gespräch — und wie das bei Nachbarn vorkommt, ins Streiten. Es ist doch merkwürdig, sagte das Tintenfass gedankenvoll, was alles aus mir herauskommen kann. Ganze Gedichte, Geschichten, Bücher voller Menschen und Wälder und Meere — alles aus diesem einen schwarzen Tropfenreich in meinem Bauch. Ich möchte wissen, was die Leute sagen würden, wenn sie wüssten, wer hier eigentlich der Verfasser ist.
Da räusperte sich die Feder spitz. Verzeihung, sagte sie, aber Ihr denkt gar nicht. Ihr liefert Flüssigkeit. Ich bin es, die schreibt: Ich setze die Worte, ich mache die feinen Striche und die Schwünge, aus mir kommt die Schrift — kein Mensch schreibt mit einem Tintenfass. Ihr seid ein Federvieh, sagte das Tintenfass. Ihr seid ein Tropfenhalter, sagte die Feder. Und beide waren nun sehr zufrieden mit sich, denn gut geantwortet zu haben ist beinahe so schön wie recht zu haben.
Es war übrigens nicht irgendein Abend, an dem die beiden stritten, sondern ein Abend nach getaner Arbeit: Am Nachmittag war auf dem Schreibtisch ein Gedicht entstanden, ein wirklich gutes, das später viele Menschen auswendig lernen sollten. Beide hatten es miterlebt, die Feder aus nächster Nähe, das Tintenfass aus der zweiten Reihe, und beide waren noch ganz erfüllt davon — und Erfülltsein schlägt bei kleinen Gemütern schnell in Besitzerstolz um. So war der Streit fertig, ehe die Tinte trocken war.
Auf dem Schreibtisch wohnten noch andere, die dem Streit zuhörten und sich ihren Teil dachten. Das Löschblatt, das von allen am meisten mitbekam, weil alles zuletzt durch seine Hände ging, hätte erzählen können, wie viele durchgestrichene Zeilen zu einer einzigen guten gehören — aber Löschblätter sind verschwiegen, das bringt der Beruf mit sich. Und das Lineal, ein gerader Charakter, sagte nur: Ohne mich liefe hier alles schief. Da lachte sogar die Feder, und beinahe wäre der Abend noch versöhnlich geworden. Beinahe. Dann fiel dem Tintenfass wieder ein, wer hier die Tiefe hatte, und es ging von vorne los. So sind Schreibtische: kleine Länder mit großen Mächten.
Spät am Abend kam der Dichter heim. Er kam aus einem Konzert, hatte einen wunderbaren Geiger gehört und war noch ganz voll davon. Was für ein Spiel, dachte er: Da singt und perlt es aus dem Instrument, als spielte die Geige sich selbst — und doch wäre sie stumm ohne die Hand, und die Hand wäre nichts ohne das, was durch den Menschen hindurchgeht und größer ist als er. Wie leicht wäre es, dächte die Geige, sie sei es gewesen; wie leicht dächte es die Hand. Und er setzte sich hin, nahm die Feder, tauchte sie ins Tintenfass und schrieb genau diesen Gedanken auf, bis zu seinem letzten Satz: Dem Meister allein die Ehre — wir sind nur die Instrumente, und stolz dürfen wir bloß darauf sein, gut gestimmt zu bleiben.
Die Feder und das Tintenfass hatten stillgehalten und alles mitgeschrieben, jedes auf seine Art, und jedes bezog es ausschließlich auf den anderen. Da hört Ihr es, sagte die Feder. Da hört Ihr es, sagte das Tintenfass. Und beide schliefen höchst zufrieden ein, und keines hatte sich getroffen gefühlt — auch darin waren sie sich ähnlicher, als sie dachten. Nur der Dichter schlief noch lange nicht. In ihm klang und perlte es weiter wie die Töne aus der Geige, und woher das kam, das fragte er nicht mehr; er sagte nur leise Danke in die Dunkelheit — an die richtige Adresse.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.