Frei nach Hans Christian Andersens Det er ganske vist! · 5 Minuten zu lesen
Es ist ganz gewiß!
Es war eine ganz kleine Geschichte, und sie geschah in einem Hühnerhaus am Abend, als die Sonne unterging und die Hühner auf ihre Stange flogen. Eine weiße Henne, ehrbar und wohlgelitten, putzte sich vor dem Schlafen die Federn, wie es sich gehört, und dabei löste sich ihr eine einzige kleine Feder und segelte zu Boden. Je mehr ich mich putze, sagte die Henne im Scherz, desto schöner werde ich wohl. Und damit schlief sie ein, denn es war ein langer Tag gewesen und ein guter.
Es war ein Abend wie jeder andere im Hühnerhaus. Die Stange war voll besetzt, man rückte und ruckelte sich zurecht, die alte Leghenne bekam wie immer den Platz am Pfosten, weil sie es am Rücken hatte, und von draußen kam durch die Bretterritzen der Geruch des Abends: Gras, Staub und ein wenig Regen, der noch überlegte. Man erzählte sich die Neuigkeiten des Tages, und es waren keine: Der Habicht war nicht dagewesen, das Futter war gewesen wie immer, ein Wurm war besonders lang gewesen. Es war, mit einem Wort, Frieden.
Aber die Henne daneben hatte es gehört, und ehe sie einschlief, sagte sie zu ihrer Nachbarin: Hast du gehört? Ich nenne keine Namen, aber hier ist eine Henne, die sich die Federn ausrupft, um schön zu sein. Oben unterm Dach saß die Eule, und Eulen hören alles. Sie flog noch in derselben Stunde zur Nachbareule hinüber: Im Hühnerhaus drüben, sagte sie, rupft sich eine Henne alle Federn aus, dem Hahn zuliebe. Sie wird sich noch erkälten, wenn sie es nicht schon ist. Huhu, sagte die andere Eule, und wo? Drüben, sagte die erste, und beide sahen bedeutend in die Nacht.
Von den Eulen kam es zu den Tauben, von den Tauben zum Nachbarhahn, und jeder gab ein Federchen dazu. Aus einer Henne wurden zwei, aus zwei wurden drei, und gegen Morgen wusste die ganze Straße: Fünf Hühner haben sich sämtliche Federn ausgerupft, um zu zeigen, wer von ihnen sich am meisten vor Kummer um den Hahn verzehrt habe, und nun stehen sie nackt und bloß und es ist ein Jammer.
Den letzten Schliff bekam die Geschichte beim Nachbarhahn, der sie am Morgen von den Tauben übernahm und kraft seines Amtes verkündete. Ein Hahn, der etwas verkündet, prüft nicht mehr, er verkündet; dafür ist er Hahn. Und weil im Ort gerade ein Blättchen gedruckt wurde, das für solche merkwürdigen Begebenheiten immer eine Ecke frei hatte, stand die Sache tags darauf wirklich gedruckt da, mit allem, was inzwischen dazugewachsen war: die fünf Hühner, die ausgerupften Federn, der Gram um den Hahn. Gedrucktes aber glaubt man, das ist eine alte Sache. Was gestern noch ein Abendscherz auf einer Hühnerstange war, hatte nun Buchstaben und war damit Wahrheit geworden — schwarz auf weiß, mit Ausrufezeichen.
Die Zeitung kam auch in das Hühnerhaus, in dem alles angefangen hatte, und die Hühner steckten die Köpfe zusammen und waren ehrlich empört über diese fünf fremden Hühner. Die weiße Henne war am allerempörtesten, denn sie ahnte nicht, dass sie selbst die Geschichte war — sie hatte ja alle ihre Federn, sie hatte immer alle gehabt, bis auf die eine kleine, die beim Putzen gefallen war. Solche Hühner, sagte sie, gibt es bei uns zum Glück nicht.
Im Hühnerhaus wurde die Zeitungsstelle dreimal vorgelesen, denn die Jüngste konnte es am besten, und nach jedem Vorlesen war die Empörung um eine Federbreite gewachsen. Man beschloss, sich von derartigen Hühnern öffentlich zu distanzieren, was dadurch geschah, dass man den ganzen Vormittag besonders würdevoll scharrte. Die weiße Henne schlug außerdem vor, dem bedauernswerten Hahn jener fünf ein Beileid zu senden, und nur weil niemand wusste, wohin, unterblieb es. So viel Anteilnahme war selten im Hof — und alles wegen einer Geschichte, die keinen Schritt weit wahr war. Aber das sind ja oft die rührendsten.
Nur die alte Leghenne am Pfosten, die Älteste im Haus, beteiligte sich nicht an der Empörung. Sie hatte in ihrem langen Leben zu viele Geschichten wachsen sehen und kannte die Rasse. Kinder, sagte sie, als sich die Aufregung gelegt hatte, merkt euch eines: Eine Feder, die zu Boden fällt, macht keinen Lärm. Aber eine Feder, die von Schnabel zu Schnabel geht, wird unterwegs zum Federbett, und am Ende erstickt die Wahrheit darunter. Redet also über eure Nachbarn, wie ihr über euer eigenes Gefieder redet: erst putzen, dann urteilen. Dann steckte sie den Kopf unter den Flügel, denn mehr Weisheit gibt eine Henne an einem Abend nicht her, und das war auch genug.
So war am Ende niemandem etwas geschehen: Kein Huhn war nackt, keines war krank, alle saßen warm und vollzählig auf ihrer Stange — nur eine kleine Feder lag unten im Stroh und wusste nicht, was sie angerichtet hatte. Aber das ist der Lauf solcher Geschichten: Aus einer Feder werden über Nacht fünf Hühner. Im Hühnerhaus wurde es dunkel und still, ein letztes Glucksen, ein Rascheln im Stroh — und dann schliefen sie alle, die Ehrbaren und die Neugierigen, und draußen stand der Mond überm Dach und behielt die Geschichte für sich.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.