Nach griechischer Überlieferung · 10 Minuten zu lesen
Eros und Psyche
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt voll war von Wundern und verborgenen Dingen, lebte in einem Königreich am Mittelmeer ein König, der drei Töchter hatte. Die beiden älteren waren schön, wie Töchter von Königen schön sind, anmutig und begehrt von Männern aus vielen Ländern. Doch die jüngste, Psyche mit Namen, trug eine Schönheit in sich, die die Menschen sprachlos machte, wenn sie durch die Straßen der Stadt schritt. Die Bürger begannen sie zu verehren wie eine Göttin, streuten Blüten auf ihren Weg und zündeten Kerzen vor ihrer Schwelle an, und dieser Ruhm stieg auf wie Rauch, bis er den Olymp selbst erreichte.
Dort oben, in den goldenen Hallen des Götterberges, saß Aphrodite, die Göttin der Liebe, und hörte, was das sterbliche Volk flüsterte: dass Psyche schöner sei als die Göttin selbst, dass die Tempel der Aphrodite leer blieben, weil die Menschen lieber die Wege der Königstochter säumten. Aphrodite, deren Schönheit das Meer beruhigte und die Herzen der Götter bewegte, spürte einen Zorn, kalt wie das tiefe Wasser jenseits der Inseln. Sie rief ihren Sohn Eros zu sich, den geflügelten Gott der Liebe, der mit goldenen Pfeilen die Herzen der Sterblichen und Unsterblichen traf. Sie trug ihm auf, Psyche in das Verderben zu schießen: Sie solle sich in das elendste, verachtete Wesen der Erde verlieben.
Eros neigte das Haupt und flog hinab in die Welt der Menschen. Doch Psyche selbst lebte trotz ihrer Schönheit allein. Ihre Schwestern wurden beworben und geheiratet, ihre Schwellen geschmückt. Psyches Schwelle blieb leer. Die Menschen verehrten sie von Weitem wie ein Götterbild aus weißem Marmor, aber kein Sterblicher wagte es, um sie zu werben. Der König, besorgt um seine jüngste Tochter, sandte Boten zum Orakel des Apollon, um zu fragen, welches Schicksal für Psyche bestimmt sei. Die Boten kehrten mit einem Spruch zurück, der das Herz des Königs erfrieren ließ.
Stelle deine Tochter auf den höchsten Felsen, König. Ihr Bräutigam ist kein Sterblicher. Er wartet dort oben, wo der Wind weht und die Nacht wacht. Der König tat, was das Orakel gebot, denn gegen das Wort des Apollon gab es keinen Widerspruch. Psyche wurde in festlichen Gewändern, die eher einem Begräbnis als einer Hochzeit ähnelten, auf einen hohen Felsgipfel geführt. Das Volk folgte ihr mit Tränen, ihr Vater und ihre Mutter gingen gesenkten Hauptes.
Dann ließen sie sie allein auf dem Stein, und der Wind strich um sie, warm und leise, fast wie ein Atem. Und dann geschah etwas Sanftes: Der Wind — es war Zephyr, der Westwind selbst, hob Psyche auf, trug sie behutsam fort von dem Felsen, über Olivenhaine und stille Täler hinweg, und legte sie auf einer weichen Wiese nieder, wo Gras wuchs und Blumen dufteten.
Als Psyche die Augen öffnete, sah sie vor sich einen Palast. Seine Säulen schimmerten wie weißes Elfenbein, die Böden waren aus Stein, der das Licht der Sonne trank und wärmend zurückgab, und in jedem Zimmer lagen Dinge, schöner als alles, was Psyche je in dem Haus ihres Vaters gesehen hatte. Stimmen begrüßten sie, Stimmen ohne Körper, die ihr sagten, alles hier sei für sie bereitet, alles gehöre ihr, und sie möge sich niederlassen und sich keine Sorgen machen. Psyche ging durch die Räume, tastete die Wände ab, setzte sich an den gedeckten Tisch, aß und trank, und die unsichtbaren Stimmen bedienten sie mit unendlicher Sorgfalt.
In der Nacht kam ihr Gemahl. Sie sah ihn nicht, denn er kam immer nur in der Dunkelheit und war fort, wenn der Morgen graute. Aber seine Stimme war ruhig und sanft, und er sprach mit ihr, und Psyche merkte, dass sie zu hören lernte, wo die Augen nichts vermochten. So vergingen die Nächte, und in den Tagen wanderte sie allein durch den Palast und durch den Garten, und der Wind spielte um sie. Nur eine Bitte trug ihr Gemahl immer wieder vor: Sie solle ihn niemals zu sehen versuchen. Sein Gesicht zu erblicken, so sagte er, würde alles enden.
Doch die Einsamkeit der Tage nagte an Psyche. Sie bat darum, dass man ihre Schwestern zu ihr bringe, und Zephyr trug auch die Schwestern auf dem Westwind zu dem Palast. Die Schwestern kamen, sahen die Schätze und den Glanz, und in ihren Herzen wuchs nicht Freude für Psyche, sondern etwas Dunkleres. Sie fragten nach dem Gemahl, und Psyche, die selbst kein Gesicht kannte, erfand ein Bild: ein junger Kaufmann, sagte sie einmal, ein reifer Landbesitzer, sagte sie ein anderes Mal. Die Schwestern hörten die Widersprüche und säten Zweifel. Was, wenn er ein Ungeheuer sei? Was, wenn das Orakel mit dem Wort über den finsteren Bräutigam die Wahrheit gesagt habe? Sie drängten Psyche: Nimm eine Lampe und ein Messer, wenn er schläft.
Dann wirst du wissen, was du geheiratet hast. Psyche hörte die Stimme des Zweifels und schwieg. Aber in der folgenden Nacht, als ihr Gemahl eingeschlafen war, hob sie die verborgene Lampe, die sie bereitgestellt hatte, und entzündete die Flamme. Das Licht fiel auf ein Gesicht, das keine Schrecken trug — es fiel auf das schönste Antlitz, das Psyche je erblickt hatte: das Gesicht des Eros, des geflügelten Gottes, seine Flügel offen und schimmernd im warmen Schein. Psyche stand wie gebannt.
Dann aber zitterte ihre Hand, und ein Tropfen heißen Öls fiel von der Lampe auf die Schulter des schlafenden Gottes. Eros erwachte. Er sah die Lampe. Er sah Psyche, die ihn anblickte. Und ohne ein Wort erhob er sich, breitete die Flügel aus und stieg durch das Dunkel des offenen Fensters hinauf in die Nacht. Psyche streckte die Hände aus, aber sie griff ins Leere, und der Palast um sie her wurde still und dunkel, und der Garten draußen verlor sein Leuchten, und sie stand allein.
Was folgte, war Psyches Suche, lang und mühsam, durch viele Länder und über viele Schwellen. Sie suchte Eros überall, und die Götter, an die sie sich wandte, schlugen ihr die Türen. Schließlich kam sie zu Aphrodite selbst, die kalt und unwirsch war und Psyche vor Aufgaben stellte, die kein Sterblicher vollbringen konnte. Erst ein Berg von Körnern verschiedener Arten, gemischt und unentwirrbar, doch die Ameisen kamen in der Nacht, Körner für Körner sortierend, bis der Berg geordnet war. Dann goldene Wolle von den Widdern jenseits des Flusses, gefährliche Tiere in gleißendem Licht, doch ein Schilfrohr am Ufer wisperte Psyche zu, wie sie warten solle, bis die Tiere schliefen, um die Wolle aus den Dornen zu zupfen.
Die dritte Aufgabe führte sie zu einem schwarzen Fluss, der von steilen Felsen herabstürzte in die Tiefe, und Psyche stand am Rand. Da kam ein Adler des Zeus und nahm ihr die Kristallschale aus den Händen, tauchte sie ins Wasser und gab sie ihr zurück. Die letzte Aufgabe aber war die schwerste. Aphrodite sandte Psyche hinab in das Reich des Hades, um von Persephone ein wenig von deren Schönheit in einem versiegelten Kästchen zu erbitten. Psyche wäre an dieser Aufgabe gescheitert, wäre nicht eine Stimme in der Wand einer alten Ruine gewesen, die ihr den Weg wies: Wo die Münze zu legen sei, welchen Wächtern Brot zu geben sei, was sie tun und was sie lassen solle.
Und vor allem: Sie solle das Kästchen nicht öffnen. Niemals das Kästchen öffnen, Psyche, was auch immer du denkst, darin zu brauchen. Psyche tat alles so, wie die Stimme es ihr gesagt hatte. Sie stieg hinab, trat vor Persephone, empfing das Kästchen und kehrte zurück. Doch auf dem Weg nach oben, schon im Licht der Oberwelt, überkam sie ein Gedanke, der zuerst leise war und dann lauter: Vielleicht, dachte sie, wenn sie nur einen kleinen Hauch von Persephones Schönheit für sich nähme, nur einen Atemzug, dann würde Eros sie vielleicht wieder ansehen. Sie öffnete den Deckel des Kästchens. Kein Licht kam heraus, kein Duft, kein Schimmer.
Nur ein tiefer, schwarzer Schlaf stieg aus dem Inneren, und Psyche sank zu Boden auf dem Feldweg, die Augen geschlossen. Aber Eros, der die Wunde auf seiner Schulter längst verheilt hatte und inzwischen seinen Zorn in etwas anderes verwandelt hatte, hatte Psyche nie aufgehört zu suchen. Er fand sie auf dem Weg, schlafend, das offene Kästchen in den Händen. Er schloss den Schlaf wieder sorgfältig ein und verschloss den Deckel.
Dann berührte er Psyche sanft mit einer seiner Pfeile, nicht um Liebe zu entzünden, denn die war längst schon da, sondern um sie zu wecken. Psyche öffnete die Augen und sah ihn. Und diesmal wandte er sich nicht ab. Eros stieg auf zum Olymp und trat vor Zeus, den wolkenversammelnden Vater der Götter, und bat ihn um das, was er allein geben konnte. Zeus hörte den geflügelten Gott an, und sein Blick war ruhig und wissend.
Was die Liebe vollbracht hat, sprach Zeus, soll Bestand haben. Er sandte Hermes hinab, der Psyche fand und sie auf die Schwelle des Olymp führte. Dort reichte Zeus ihr selbst den Becher mit der Ambrosía, dem Trank der Unsterblichkeit, und Psyche trank, und in ihr geschah etwas Stilles und Tiefes: Das Sterbliche in ihr verblasste wie Mondlicht im Morgen, und das, was blieb, war unvergänglich. Selbst Aphrodite, so erzählen die alten Stimmen, wandte sich ab von ihrem Zorn, denn was ist ein Zorn gegen etwas, das sich erfüllt hat.
Eros und Psyche, der Gott der Liebe und die Seele, denn das bedeutet ihr Name: Seele, wurden in den Hallen des Olymp vereint, im goldenen Licht des ewigen Abends. Die Schwestern am Meer, die Schwestern mit dem neidischen Herzen, die Aufgaben auf dem Weg durch die dunklen Reiche, der offene Deckel des Kästchens und der Schlaf auf dem Feldweg, all das lag nun fern wie eine Insel, die man im Fahren hinter sich lässt.
Der Olymp glänzte, Ambrosia duftete, und der Wind über den Hallen war warm und still. So endete die Geschichte der schönsten Sterblichen und des Gottes, der sie liebte, nicht trotz ihrer Neugier, nicht trotz ihres Zweifels, sondern mit allem, was sie war. In den alten Häfen und unter den Olivenbäumen des Mittelmeers erzählten die Menschen diese Geschichte noch lange nach, leise, abends, wenn die Sterne aufstiegen über dem weinroten Meer und der Westwind über das Gras strich. Und wer zuhörte, schloss die Augen und meinte, irgendwo hoch oben, jenseits der Wolken, brenne noch immer ein Licht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.