Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen
Eine Zeit für alles (Prediger)
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, voller blühender Felder und stiller Brunnen, lebte ein Mann, der viel nachgedacht hatte. Er hatte die Welt bereist und ihre Schätze gesehen. Er hatte in prachtvollen Hallen gesessen und unter offenem Sternenhimmel geschlafen. Er hatte Weinberge gepflanzt und Gärten angelegt, hatte gelacht und geweint, hatte gebaut und wieder loslassen müssen. Und nun, da das Leben hinter ihm lag wie eine weite, sonnenüberflutete Ebene, setzte er sich hin und begann zu erzählen.
Er sagte: Alles hat seine Zeit. Alles, was unter diesem großen Himmel geschieht, trägt seine eigene Stunde in sich, wie ein Same die Pflanze in sich trägt, die er einmal sein wird. Keine Zeit ist verloren, auch wenn sie sich so anfühlt. Keine Stunde vergeht ohne Sinn, auch wenn wir diesen Sinn nicht immer sehen können, so wie man das Weben eines Tuches nicht versteht, solange man nur einen einzigen Faden betrachtet.
Es gibt eine Zeit zum Kommen auf diese Welt, und eine Zeit, wieder zu gehen. Es gibt eine Zeit, in der das Leben zart und neu beginnt, wie der erste Morgenschimmer, der sich über die Hügel legt, bevor noch ein Vogel singt. Und es gibt eine Zeit, in der das Leben sich erfüllt und stille wird, wie ein langer Tag, der sanft in die Dämmerung gleitet. Beides gehört zusammen. Beides ist wahr.
Es gibt eine Zeit zum Pflanzen, wenn die Erde weich ist und bereit, den Samen aufzunehmen. Der Bauer tritt hinaus in sein Feld, er atmet die frische Luft des frühen Morgens und senkt den Samen in die dunkle Erde, Schritt für Schritt, Reihe für Reihe. Und dann gibt es eine Zeit zu ernten, wenn das Korn golden geworden ist und sich die Ähren schwer im Wind wiegen. Beides braucht Geduld. Beides braucht Vertrauen.
Es gibt eine Zeit zum Weinen, wenn die Trauer so groß ist, dass sie das Herz füllt wie Wasser den Krug. Der Mann, der viel nachgedacht hatte, kannte diese Zeit. Er hatte Verluste erlebt, die keine Worte fassen. Er hatte an Gräbern gestanden und den Himmel nicht verstanden. Aber er wusste auch: Es gibt eine Zeit zum Lachen, wenn die Freude aufbricht wie eine Quelle, die durch Fels und Erde ihren Weg findet. Beides gehört dem Menschen. Beides ist menschlich.
Es gibt eine Zeit zu klagen und eine Zeit zu tanzen. Manchmal ist das Herz schwer, und dann ist es gut, die Schwere zuzulassen, sie nicht fortzudrängen. Denn wie der Regen die Erde tränkt und weich macht für neues Wachstum, so bereitet auch der Schmerz etwas vor, was wir noch nicht sehen. Und dann kommt der Morgen, an dem sich die Füße wieder leicht anfühlen, an dem die Musik wieder zu den Ohren dringt, und man merkt: Auch das Tanzen gehört zum Leben.
Es gibt eine Zeit, um Steine zu tragen, und eine Zeit, um sie niederzulegen. Wer eine Mauer baut, schleppt schwere Last, Stein um Stein, den Rücken gebeugt unter dem Gewicht. Aber wenn die Mauer steht, wenn sie das Feld umfriedet und dem Wind widersteht, dann legt er die Last ab und betrachtet sein Werk, und die Mühe verwandelt sich in Stille. So ist auch die Zeit des Tragens nicht das Ende, sie führt hin zur Zeit des Ruhens.
Es gibt eine Zeit zu suchen und eine Zeit, loszulassen. Der Mann erzählte von Dingen, die er gesucht hatte: Weisheit, Freude, Beständigkeit. Er hatte gegraben wie einer, der nach Wasser sucht in der Wüste. Manchmal hatte er gefunden, was er suchte. Manchmal hatte er gelernt, dass es Dinge gibt, die sich nicht festhalten lassen, wie der Wind, der durch die Finger gleitet, oder das Licht des Abends, das man nicht in Händen tragen kann.
Es gibt eine Zeit zu reden und eine Zeit zu schweigen. Das wusste der alte Mann sehr genau. Er hatte Worte gesprochen, die Gutes bewirkten, und Worte, die er bereute. Er hatte gelernt, dass Stille manchmal mehr sagt als alle Rede. Wenn zwei Menschen zusammensitzen und der eine weint und der andere schweigt und bleibt, dann ist dieses Schweigen eine der tiefsten Sprachen, die es gibt.
Es gibt eine Zeit zu lieben. Der Mann sprach davon mit besonderer Wärme. Er kannte die Zeit des Liebens, wenn das Herz sich öffnet wie eine Blüte in der Morgensonne, wenn ein anderer Mensch einem so nahe ist, dass man nicht mehr weiß, wo man selbst aufhört. Diese Zeit ist kostbar. Diese Zeit ist ein Geschenk, das man mit beiden Händen halten soll, sanft und fest zugleich.
Und wenn man all das bedenkt, die Zeiten des Pflanzens und Erntens, des Weinens und Lachens, des Suchens und Loslassens, dann erkennt man etwas, das den Mann in all seinen Jahren begleitet hatte: Dass das Leben nicht aus einzelnen Momenten besteht, die man festhalten oder wegwerfen kann, sondern aus einem großen, fließenden Strom, in dem jede Zeit ihre Würde hat. Er hatte gesehen, dass die Menschen nicht alles verstehen können, was geschieht. Wie ein Kind, das den Webstuhl seines Vaters betrachtet und die vielen Fäden nicht begreift, aber das fertige Tuch wird eines Tages schön sein. So ist es auch mit unserem Leben. Wir sehen die einzelnen Fäden. Aber das große Muster liegt in Händen, die weiser sind als unsere.
Und so, am Ende seiner Betrachtung, sprach der alte Mann keine große Lehre aus. Er hob keinen Finger, um zu mahnen. Er setzte sich nur in den Abend hinein, dort wo das Licht warm und golden war und die Schatten der Olivenbäume lang über die Erde fielen. Er schloss die Augen. Er atmete die Abendluft. Und er ließ die Zeit sein, was sie war: ein großes, stilles Geschenk, in dem alles seinen Ort hat. Alles hat seine Zeit, und die Zeit des Ruhens ist jetzt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.