Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 14 Minuten zu lesen

Eine Studie in Scharlachrot — Erster Teil

Im Jahre, da meine Geschichte beginnt, war ich, John Watson, ein junger Militärarzt, eben aus dem Krieg in Afghanistan nach England zurückgekehrt. Eine Verwundung und eine schwere Krankheit hatten mich gezeichnet; man hatte mich für dienstuntauglich erklärt und heimgeschickt. So kam ich nach London, jener großen Stadt, in der sich, wie ich gern sage, alle Müßiggänger und Tagediebe des Weltreichs sammeln. Ich wohnte in einem Hotel, führte ein ziel- und zweckloses Leben und gab mehr Geld aus, als mir lieb sein konnte. Bald wurde mir klar, dass ich entweder die große Stadt verlassen oder meine ganze Lebensweise ändern müsse. Ich beschloss, mir eine bescheidenere, billigere Bleibe zu suchen.

An eben dem Tag, da ich diesen Entschluss fasste, traf ich in einer Gaststätte einen alten Bekannten, den jungen Stamford, der einst unter mir als Gehilfe im Krankenhaus gearbeitet hatte. Ein vertrautes Gesicht in der großen, fremden Stadt ist eine wahre Wohltat, und so lud ich ihn herzlich zum Essen ein, und wir plauderten über alte Zeiten. Im Gespräch erzählte ich ihm von meiner Not, eine erschwingliche Wohnung zu finden. Das ist seltsam, sagte Stamford. Sie sind heute schon der Zweite, der mir das sagt. Und wer war der Erste, fragte ich. Ein Mann, der im chemischen Laboratorium des Krankenhauses arbeitet. Er hat eine hübsche Wohnung gefunden, die ihm allein zu teuer ist, und sucht jemanden, der sie mit ihm teilt.

Dann führen Sie mich doch zu ihm, rief ich. Stamford aber zögerte und sah mich von der Seite an. Sie kennen diesen Sherlock Holmes noch nicht, sagte er. Vielleicht möchten Sie ihn nicht zum ständigen Gefährten haben. Warum, fragte ich, was ist mit ihm? Oh, nichts Schlimmes. Nur, er ist ein wenig sonderbar. Ein Fanatiker in mancher Wissenschaft. Soweit ich weiß, ein anständiger Mensch. Aber seine Art ist eigen. Er ist kühl, voller seltsamer Kenntnisse, und manche seiner Studien sind, nun ja, ungewöhnlich. Das alles machte mich nur neugieriger, und so gingen wir gleich nach dem Essen hinüber zum Krankenhaus, zum Laboratorium, in dem dieser Herr Holmes zu finden war.

Wir traten in einen weiten, stillen Raum voller Glaskolben, Flaschen und Geräte. In einer Ecke, über einen Tisch gebeugt, saß ein hochgewachsener, hagerer junger Mann, ganz versunken in eine Untersuchung. Als er uns bemerkte, sprang er auf, und sein Gesicht leuchtete vor Begeisterung. Ich hab es gefunden, rief er und eilte mit einem Reagenzglas in der Hand auf uns zu. Ich habe ein Mittel entdeckt, das sich nur durch Blutfarbstoff niederschlägt und durch nichts anderes, einen untrüglichen Nachweis für Blut. Begreifen Sie, was das bedeutet? Wie viele Verbrechen sich damit aufklären lassen! Erst dann schien er zu bemerken, dass Stamford nicht allein gekommen war.

Stamford stellte uns einander vor. Und nun geschah etwas, das ich mein Leben lang nicht vergessen habe. Kaum hatte Holmes meine Hand ergriffen, da sah er mich mit seinen klaren, durchdringenden Augen an und sagte ruhig, beinahe beiläufig: Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe. Ich starrte ihn verblüfft an. Woher in aller Welt wissen Sie das, fragte ich. Holmes lächelte nur leise vor sich hin. Das tut nichts zur Sache, sagte er. Die Frage war ja, ob Blut sich nachweisen lässt, und das lässt es sich nun. Doch mir ging diese kleine, rätselhafte Bemerkung nicht mehr aus dem Kopf. Wie konnte dieser Fremde auf den ersten Blick wissen, woher ich kam?

Wir kamen ins Gespräch über die Wohnung, und es zeigte sich, dass wir uns wohl vertragen würden. Ich sollte Ihnen wohl meine schlechten Eigenschaften beichten, sagte Holmes freimütig, ehe wir uns zusammentun. Ich rauche starken Tabak, ich spiele zu ungewöhnlichen Stunden Geige, und es kommt vor, dass ich tagelang kein Wort spreche, wenn eine trübe Stimmung mich befällt. Nehmen Sie mir das dann nicht übel. Ich musste lächeln. Und ich, erwiderte ich, halte mir vielleicht einen jungen Hund, ich vertrage keinen Lärm, weil meine Nerven angegriffen sind, und ich stehe zu unmöglichen Zeiten auf und bin überaus faul. Wenn ich gesund bin, kommen noch andere Untugenden hinzu, aber das sind im Augenblick die wichtigsten. Wir lachten beide, und damit war die Sache im Grunde besiegelt.

So kam es, dass Sherlock Holmes und ich am nächsten Tag gemeinsam die Wohnung besichtigten, jene berühmten Zimmer in der Baker Street. Es waren zwei behagliche Schlafzimmer und ein großes, luftiges, freundlich möbliertes Wohnzimmer mit zwei breiten Fenstern. Die Räume gefielen uns so gut und der Preis, geteilt, war so erschwinglich, dass wir sie auf der Stelle nahmen. Noch am selben Abend brachte ich meine Habe aus dem Hotel herüber, und am nächsten Tag folgte Holmes mit seinen Kisten und Koffern. Eine Weile waren wir beide damit beschäftigt, uns einzurichten und unsere Siebensachen unterzubringen. Doch bald hatten wir uns eingelebt und gewöhnten uns an die neue Umgebung und aneinander.

So begann, ganz schlicht und beiläufig, die längste und merkwürdigste Freundschaft meines Lebens. Ich ahnte damals noch nicht, was für ein außergewöhnlicher Mann mein neuer Hausgenosse war, welch seltsame Gaben in ihm schlummerten und in welche Abenteuer er mich führen würde. Vorerst war er mir nur ein höflicher, ein wenig wunderlicher Mensch, dessen rätselhafte Bemerkung über Afghanistan mir noch immer im Sinn lag.

In den ersten Wochen unseres Zusammenlebens wurde mein Hausgenosse mir mehr und mehr zu einem Rätsel. Sein Tageslauf war höchst sonderbar. Manchmal arbeitete er von früh bis spät in einem fieberhaften Eifer; dann wieder lag er tagelang reglos auf dem Sofa, sprach kaum ein Wort und starrte zur Decke. Sein Wissen war ebenso merkwürdig verteilt: In manchen Dingen war er erstaunlich gelehrt, in anderen vollkommen unwissend. Ich war verblüfft, als ich entdeckte, dass er nicht einmal wusste, dass die Erde um die Sonne kreist, und als ich es ihm sagte, erklärte er, er werde sich Mühe geben, es sogleich wieder zu vergessen. Das menschliche Gehirn, sagte er, ist wie eine kleine, leere Dachkammer. Ein Tor füllt sie wahllos mit allem Kram. Der kluge Mensch aber nimmt nur das hinein, was ihm bei seiner Arbeit nützt.

Aus reiner Neugier versuchte ich, mir einen Reim auf seinen Beruf zu machen. Eines Tages stieß ich in einer Zeitschrift auf einen Aufsatz mit dem hochtrabenden Titel Das Buch des Lebens. Er behauptete, ein geübter Beobachter könne aus den kleinsten Kleinigkeiten, einem Blick, einer Handbewegung, einem Fleck am Ärmel, die ganze Lebensgeschichte eines Menschen ablesen. Ich fand das vermessen und sagte es offen. Reiner Unsinn, erklärte ich und warf die Zeitschrift hin. Holmes lächelte still. Den Aufsatz habe ich geschrieben, sagte er ruhig. Es ist keine Theorie, sondern mein täglich Brot. Ich bin ein beratender Detektiv, wohl der einzige seiner Art auf der Welt. Und nun erklärte er mir endlich seinen Beruf: Wenn die Polizei oder Privatleute mit einem Rätsel nicht weiterkämen, so kämen sie zu ihm, und er löse es, oft ohne den Sessel zu verlassen, allein durch das Denken.

Aber jene Sache mit Afghanistan, sagte ich, die lässt mir keine Ruhe. Wie konnten Sie das wissen? Holmes schmunzelte. Es war ganz einfach, sagte er. Mein Verstand zog die Schlüsse so rasch, dass ich zum Ergebnis kam, ohne der einzelnen Schritte gewahr zu werden. Doch ich kann sie Ihnen nennen. Ich sah einen Herrn vor mir, der etwas von einem Arzt an sich hatte, zugleich aber die Haltung eines Soldaten. Also ein Militärarzt. Sein Gesicht war tief gebräunt, doch das war nicht seine natürliche Hautfarbe, denn die Handgelenke waren hell. Er war also in einem heißen Land gewesen. Sein müdes, abgezehrtes Gesicht sprach von ausgestandener Krankheit und Entbehrung. Den linken Arm hielt er steif und unnatürlich, eine Verwundung. Nun frage ich Sie: Wo in den Tropen mochte ein englischer Militärarzt sich solche Strapazen geholt und am Arm eine Wunde davongetragen haben? Offenkundig in Afghanistan. Wenn Sie es so erklären, sagte ich lachend, klingt es lächerlich einfach. Das ist es immer, sagte Holmes, bis man es erklärt.

Von diesem Tag an sah ich meinen sonderbaren Hausgenossen mit ganz anderen Augen. Ich begann zu begreifen, dass hinter seiner kühlen, wunderlichen Art ein außergewöhnlicher Geist verborgen lag, eine Beobachtungs- und Schlusskraft, wie sie mir nie zuvor begegnet war. Oft kamen nun Besucher zu ihm: bald ein vornehmer Herr, bald ein einfacher Bote, bald ein Beamter der Polizei. Sie alle, so verschieden sie waren, brachten ihm ihre Rätsel, und er hörte sie an, stellte ein paar knappe Fragen und gab ihnen Bescheid. Das sind meine Klienten, erklärte er mir. Sehen Sie, Watson, diese beiden, die so oft kommen, Gregson und Lestrade, das sind Beamte der Geheimpolizei. Tüchtige Männer auf ihre Art, aber sie stecken bisweilen fest. Dann holen sie mich.

An eben einem solchen Morgen, als wir beim Frühstück saßen, brachte der Bote einen Brief. Holmes überflog ihn, und ein Funke trat in seine Augen. Es ist von Gregson, dem Polizeibeamten, sagte er. Hören Sie nur. Er las mir vor: In einem leerstehenden Haus an einem Ort namens Lauriston Gardens habe man am Morgen einen toten Mann gefunden, einen gut gekleideten Herrn, ohne sichtbare Wunde, doch unter höchst rätselhaften Umständen. Gregson bat Holmes, sogleich zu kommen und ihm mit seinem Rat beizustehen. Wollen Sie mitkommen, Watson, fragte Holmes und sprang auf, plötzlich ganz Leben und Tatkraft. Frische Luft und ein hübsches Rätsel, das ist genau das, was wir beide brauchen. Ich war nur zu gern bereit, und wenige Minuten später saßen wir in einer Droschke auf dem Weg zum Schauplatz meines allerersten gemeinsamen Falls mit Sherlock Holmes.

Unsere Droschke hielt vor einem düsteren, leerstehenden Haus in einer stillen Vorstadtstraße. Es machte einen unheimlichen, verlassenen Eindruck, mit blinden Fenstern und einem kleinen, verwilderten Vorgarten. An der Tür erwarteten uns bereits zwei Beamte der Polizei: der hochgewachsene, blonde Gregson und sein hagerer Kollege Lestrade, die beiden, von denen Holmes mir erzählt hatte. Sie begrüßten ihn höflich, doch mit jener leichten Herablassung, die Fachleute einem Außenseiter gern entgegenbringen. Eine merkwürdige Sache, sagte Gregson. Ich dachte mir, das wäre vielleicht etwas für Sie, Herr Holmes.

Ehe wir eintraten, tat Holmes etwas, das die beiden Beamten ungeduldig machte. Statt rasch ins Haus zu gehen, schlenderte er bedächtig über den Gartenweg, den Blick fest auf den Boden geheftet, und betrachtete den aufgeweichten Lehm, die Pfützen, die Gleise im Schlamm. Mehrmals blieb er stehen, einmal sah ich ihn sogar zufrieden lächeln. Man hat den Boden zwar schon zertrampelt, murmelte er, aber es ist noch genug zu lesen. Erst dann gingen wir hinein, durch einen leeren, staubigen Flur, in ein verlassenes Zimmer, in dem der Tote lag.

In dem öden, möbellosen Raum, auf den nackten Dielen, lag ein gut gekleideter Herr von etwa vierzig Jahren. Sein Gesicht trug einen Ausdruck, den ich als Arzt selten so deutlich gesehen hatte, nicht Schmerz, sondern Entsetzen und Hass, als habe er in seinen letzten Augenblicken etwas Furchtbares erblickt. Und doch, das war das Sonderbare: An seinem Körper war keine Wunde zu finden, kein Tropfen seines eigenen Blutes. Wie also war er gestorben? In seiner Tasche fanden sich Visitenkarten mit dem Namen Enoch Drebber und einer Stadt in Amerika. Ein Fremder also, sagte Gregson, erst kürzlich aus Übersee gekommen.

Nun begann Holmes seine eigentliche Arbeit, und ich sah ihm zum ersten Mal bei jener stillen Kunst zu, die ihn berühmt machen sollte. Mit einem Maßband und einer großen Lupe bewaffnet, kniete er nieder und durchmaß das ganze Zimmer. Bald kroch er über die Dielen, bald lag er beinahe flach am Boden, prüfte den Staub, ein paar Aschereste, die Spuren im Lehm an den Stiefeln des Toten. Er murmelte vor sich hin, stieß kleine Rufe der Befriedigung aus, ganz versunken in seine Untersuchung, als seien wir anderen gar nicht vorhanden. Die beiden Beamten sahen einander an, halb spöttisch, halb verwundert über dieses seltsame Treiben.

Da rief Lestrade, der in einer dunklen Ecke gestöbert hatte, plötzlich aus. Hierher, sehen Sie sich das an! In der Ecke, wo der Verputz von der Wand blätterte, stand mit roter Schrift ein einziges Wort geschrieben, mit Blut, wie sich zeigte, von einer Hand in groben Buchstaben an die Mauer gemalt: Rache. Was halten Sie davon, fragte Lestrade triumphierend. Es war zu dunkel, der Mörder wollte wohl einen Frauennamen schreiben, Rachel, kam aber nicht dazu. Passen Sie auf, eine Frau namens Rachel steckt dahinter. Holmes, der eben wieder in seine Untersuchung vertieft war, lachte leise in sich hinein. Rache, sagte er ruhig. Das ist kein Frauenname, das ist das deutsche Wort für Vergeltung. Und ich rate Ihnen: Verlieren Sie keine Zeit damit, nach einer Rachel zu suchen.

Als Holmes seine Untersuchung beendet hatte, richtete er sich auf, und in seinen Augen lag jene stille Gewissheit, die ich später so gut kennenlernen sollte. Nun, sagte Gregson halb spöttisch, können Sie uns auch sagen, wer der Täter war? Das kann ich in der Tat, sagte Holmes gelassen und zählte ruhig auf, als läse er es von einem Blatt ab: Es war ein Mann. Er war groß gewachsen, in den besten Jahren, hatte für seine Größe auffallend kleine Füße, trug grobe, vorn eckige Stiefel und rauchte eine besondere Zigarrensorte. Er kam mit seinem Opfer in einer vierrädrigen Droschke hierher, gezogen von einem Pferd mit drei alten und einem neuen Hufeisen. Der Mann hatte ein rotes, blühendes Gesicht und ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. Es sind nur ein paar Anhaltspunkte, aber sie könnten Ihnen helfen.

Die beiden Beamten starrten ihn ungläubig an. Und woran ist der Mann gestorben, wenn er keine Wunde hat, fragte Gregson. An Gift, sagte Holmes ruhig. Man hat ihn gezwungen, ein Gift zu nehmen. Und noch etwas: Das Verbrechen geschah aus einem alten, tiefen Hass, aus Liebe und Rache. Sehen Sie diesen Ring? Er hielt einen schlichten goldenen Reif empor, einen Ehering, den er am Boden gefunden hatte. Der lag neben dem Toten. Wo eine Frau im Spiel ist, da liegt das Herz des Rätsels. Finden Sie die Frau, der dieser Ring gehörte, und Sie sind dem Mörder nahe. Damit reichte er den Beamten die wichtigsten Fäden in die Hand und überließ es ihnen, zunächst auf ihre Weise damit zu verfahren.

Auf der Heimfahrt war Holmes bester Laune und erklärte mir, wie er zu jedem seiner Schlüsse gekommen war: aus der Länge der Schritte im Lehm, aus der Höhe der Schrift an der Wand, aus der Asche, aus den Spuren der Räder. Sehen Sie, Watson, sagte er, so vieles, was geheimnisvoll erscheint, wird einfach, sobald man es nur richtig liest. Die meisten Menschen sehen, aber sie beobachten nicht. Ich hörte ihm gebannt zu, und mir dämmerte, dass ich an der Seite eines wahrhaft außergewöhnlichen Mannes lebte und dass dies erst der Anfang war. Die Räder summten gleichmäßig, der Abend senkte sich sanft über die Stadt, und das Rätsel war gestellt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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