Nach Arthur Conan Doyle · 7 Minuten zu lesen
Eine Studie in Scharlachrot — Dritter Teil
In unserem Wohnzimmer in der Baker Street saß nun der gefasste Mann, ruhig und gesammelt, und erzählte uns den Rest seiner Geschichte, jenen Teil, der in der fernen Wildnis seinen Anfang genommen hatte und hier in London zu Ende ging. Nach dem Tod seiner geliebten Lucy und ihres Vaters, berichtete Jefferson Hope, habe ihn nur noch ein einziger Gedanke beherrscht: die beiden Männer zur Rechenschaft zu ziehen, die all dies verschuldet hatten, Drebber und Stangerson. Ich lebte nur noch für diesen einen Zweck, sagte er leise. Alles andere war mir gleichgültig geworden.
Jahrelang habe er die beiden verfolgt. Doch sie hätten gemerkt, dass er ihnen auf den Fersen war, und seien geflohen, erst quer durch Amerika, dann über das Meer, von Stadt zu Stadt, bis nach Europa, bis nach London. Und immer sei er ihnen nachgereist, geduldig, unbeirrbar. Doch die langen Jahre der Jagd haben mich gezeichnet, fuhr Hope fort und legte die Hand auf seine Brust. Ich trage ein Leiden in mir, hier, am Herzen. Die Ärzte sagen, es könne mich in jeder Stunde dahinraffen. Darum hatte ich es eilig, mein Werk zu vollenden, ehe der Tod mir zuvorkäme.
In London, erzählte er, habe er sich als Droschkenkutscher verdingt; so konnte er sich unauffällig durch die ganze Stadt bewegen, lauschen, suchen, bis er die Spur der beiden endlich wiederfand. Zuerst bekam ich Drebber zu fassen, sagte er. Eines Abends, da er trunken war, stieg er ahnungslos in meine Droschke. Ich fuhr ihn zu jenem leeren Haus. Dort, sagte Hope mit ruhiger, fester Stimme, gab ich mich ihm zu erkennen. Ich hielt ihm den Ring seiner toten Frau vor Augen, Lucys Ring, damit er wisse, wer sein Richter war und warum.
Doch ich wollte kein gewöhnlicher Mörder sein. Ich wollte das Urteil nicht in meine eigene Hand nehmen, sondern in eine höhere legen. Und so habe er Drebber die beiden gleichen Pillen hingehalten, die eine harmlos, die andere tödlich, und ihn wählen lassen. Mochte der Himmel entscheiden, wer recht hatte. Er griff zu, und er wählte den Tod. Drebber sei rasch und ohne langes Leiden gestorben. In jenem Augenblick, sagte Hope, fiel eine Last von Jahren von mir ab. Doch in meiner Erregung blutete meine Nase, und mit dem Blut schrieb ich ein Wort an die Wand, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken, als stecke ein geheimer Bund dahinter. Den Ring aber verlor ich und kehrte später zurück, um ihn zu suchen.
Und Stangerson, fragte Holmes ruhig. Den suchte ich danach in seinem Hotel auf, sagte Hope. Auch ihm bot ich dieselbe Wahl, dieselben zwei Pillen. Doch er wollte sich dem Urteil nicht stellen; er ging mich an, und in dem Handgemenge, das folgte, kam er ums Leben. Ich hatte es nicht so gewollt, aber ich trauere ihm nicht nach. Hope lehnte sich zurück, und ein tiefer Frieden lag auf seinem müden Gesicht. Nun ist es vollbracht. Lucy und ihr Vater sind gerächt. Ich fürchte weder Ihr Gericht noch Ihren Strick, meine Herren, denn ich weiß, mein krankes Herz wird beidem zuvorkommen. Ich bin bereit.
Wir alle, selbst die hartgesottenen Beamten, schwiegen betroffen. Es lag etwas seltsam Erhabenes über diesem Mann, der so viel geliebt und so viel gelitten hatte und der nun, am Ende seines Weges, keine Furcht mehr kannte. So endete Jefferson Hopes Geständnis, die traurige Geschichte einer großen Liebe, eines schweren Unrechts und einer Rache, die ihn um die halbe Welt getrieben hatte. Es war kein Verbrechen aus Habgier oder Bosheit, sondern aus einem zerbrochenen Herzen, und wer ihm zuhörte, konnte nicht anders, als auch Mitleid zu empfinden.
Jefferson Hope wurde in Gewahrsam genommen, um in wenigen Tagen vor den Richter geführt zu werden. Doch das Schicksal, das ihn so lange getrieben hatte, sprach sein eigenes, mildes Urteil. Schon in der ersten Nacht in seiner Zelle gab jenes kranke Herz, von dem er gesprochen hatte, endgültig nach. Am Morgen fand man ihn still und friedlich, als sei er nur eingeschlafen; auf seinem Gesicht lag ein ruhiger, beinahe glücklicher Ausdruck. Er war ohne Schmerz hinübergegangen, das Werk seines Lebens vollendet, und so blieb ihm der Kerker und das Gericht der Menschen erspart. Vielleicht, dachte ich, war es so für ihn das beste Ende.
An jenem Abend saßen Holmes und ich wieder am Kamin der Baker Street, und ich bat ihn, mir endlich alles zu erklären. Wie, fragte ich, sind Sie nur so rasch und so sicher auf Jefferson Hope gekommen? Holmes lächelte und zündete seine Pfeife an. Es war eine Kette einfacher Schlüsse, Watson, einer aus dem anderen. Aus den Spuren am Tatort las ich, dass zwei Männer dort gewesen waren und dass der eine in einer Droschke gekommen sein musste, also lag es nahe, den Täter unter den Droschkenkutschern zu suchen. Aus der Höhe der Schrift an der Wand schloss ich auf die Größe des Mannes, aus der Asche auf seine Zigarre, aus dem Lehm auf seine Stiefel. Der Ehering aber verriet mir, dass eine Frau und eine alte Liebe im Spiel waren, und dass es um Rache ging, nicht um Raub.
Und der Name, fragte ich. Den fand ich über das Telegrafenamt heraus, sagte Holmes. Ich erkundigte mich nach der Vergangenheit des toten Drebber in seiner amerikanischen Heimat, und so erfuhr ich von dem alten Unrecht und von dem Mann, der ihn seit Jahren verfolgte: Jefferson Hope. Den Rest besorgten meine kleinen Helfer auf der Straße, die mir seine Droschke fanden. Es war wahrhaft meisterhaft, sagte ich voller Bewunderung. Sie sollten das alles aufschreiben und der Welt bekannt machen.
Holmes zuckte die Schultern. Sehen Sie sich die Zeitungen an, Watson, sagte er mit mildem Spott und reichte mir das Morgenblatt. Darin wurde der glänzend gelöste Fall ausführlich gerühmt, doch aller Ruhm fiel auf die beiden Beamten Gregson und Lestrade; von Sherlock Holmes war mit keinem Wort die Rede. So geht es mir stets, sagte Holmes ohne Bitterkeit. Ich tue die Arbeit, und andere ernten die Anerkennung. Doch das ficht mich nicht an. Mir genügt das Werk selbst, die Freude, ein Rätsel zu lösen, das andere für unlösbar hielten. Das ist mir Lohn genug.
Aber das ist ungerecht, rief ich empört. Die Menschen sollen erfahren, was Sie geleistet haben. Wenn Sie es selbst nicht tun, so werde ich es tun. Ich werde aufschreiben, was ich an Ihrer Seite erlebe, damit die Welt es erfährt. Holmes lachte herzlich über meinen Eifer. Tun Sie das nur, mein lieber Watson, sagte er freundlich. Tun Sie das nur.
Und so, möchte ich gestehen, ist es gekommen, dass ich überhaupt zur Feder griff und all diese Geschichten niederschrieb. Aus jenem Abend in der Baker Street, aus meiner Empörung über die ungerecht verteilte Anerkennung, sind die Aufzeichnungen entstanden, die ich seither führe, die Chronik der Fälle des Sherlock Holmes, des außergewöhnlichsten Mannes, den ich je gekannt habe. So schließt sich der Kreis: Mit diesem ersten gemeinsamen Abenteuer begann nicht nur unsere Freundschaft, sondern auch mein Bemühen, sie für die Nachwelt festzuhalten. Es ist nun ganz still in der Baker Street, das Feuer brennt warm herunter, und über allem liegt ein tiefer, zufriedener Frieden.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.