Frei nach Hans Christian Andersens En Historie fra Klitterne · 6 Minuten zu lesen
Eine Geschichte aus den Dünen — zweiter Teil
In Alt-Skagen, im Haus des Kaufmanns Brönne, begann für Jürgen ein neues Leben, und es wurde das beste, das er bis dahin gekannt hatte. Er war fleißig und wurde gebraucht, er war ehrlich und wurde geachtet, und im Haus war eine Stimme, die ihm lieber wurde als alle Musik: Clara, die Tochter des Kaufmanns, hell und warm wie ein Junitag. Was zwischen den beiden wuchs, wuchs langsam und sicher, wie gute Dinge wachsen, und der alte Brönne sah es wohl und hatte nichts dagegen — im Gegenteil.
Skagen ist ein Ort, wie es keinen zweiten gibt: die Stadt am äußersten Zipfel des Landes, wo zwei Meere aufeinandertreffen und man am Strand mit einem Fuß in der Nordsee und mit dem anderen in der Ostsee stehen kann. Sand in den Straßen, Fischgestell an Fischgestell, und über allem ein Licht, das die Maler noch berühmt machen sollten. Im Haus des Kaufmanns Brönne ging es lebhaft und herzlich zu, und Jürgen, der Schweigsame, taute dort auf wie einer, der lange gefroren hat. Er lernte den Handel, er fuhr mit den Booten, er war zuverlässig wie die Gezeiten — und wenn abends gesungen wurde, sang er wieder. Das war das sicherste Zeichen, sagte die alte Köchin des Hauses, dass einer heil wird: wenn das Singen wiederkommt.
Mit Clara war es von Anfang an leicht gewesen, und das Leichte war das Wunder daran. Sie fragte nicht nach dem, was hinter ihm lag; sie fragte nach dem, was vor ihnen lag, und sie hatte eine Art, beim Zuhören den Kopf zu neigen, dass einem das Erzählen von selbst geriet. Sie gingen am Strand, wo die beiden Meere ihre Wellen kreuzen, und Clara sagte einmal: Sieh, die vertragen sich auch, dabei kommen sie aus ganz verschiedenen Richtungen. Da hatte Jürgen gelacht, laut und frei, zum ersten Mal seit Jahren, und der Wind hatte das Lachen die Küste hinuntergetragen, als wollte er es allen zeigen.
Ein Sommer lang war die Welt beinahe vollkommen. Es gab Fahrten über das helle Wasser, Abende am Herdfeuer, und einmal sang Jürgen in der Kirche von Skagen, dass die Gemeinde den Atem anhielt und Clara die Hände im Schoß faltete, als wäre das Lied für sie allein. Es war auch für sie allein. Im Herbst reiste Clara zu Verwandten hinüber nach Norwegen, und es wurde verabredet, dass Jürgen nachkommen und sie zur Winterszeit heimholen sollte — als Verlobter, das war nun ausgesprochen. Er fuhr mit dem besten Schiff der Reederei, und die ersten Tage war die See freundlich.
Dann kam der Sturm. Es war einer von der schweren, alten Art, und er nahm dem Schiff erst die Segel und dann die Hoffnung, und in der Nacht lief es auf ein Riff, nicht weit vor der Küste. Jürgen tat, was ein Mensch tun kann, und mehr: Er brachte Clara durch die Brandung, Arm um sie geschlungen, Welle um Welle, und Land war schon in Sicht. Aber die See gibt nicht alles zurück, was sie nimmt. Als helfende Hände die beiden aus dem Wasser zogen, schlug nur noch ein Herz — Jürgens. Clara war ihm in den Armen entschlafen, still, ohne Angst, als hätte die See sie nur behutsam hinübergetragen, dorthin, wo das Wasser ruhig ist.
Jürgen genas an Leib, aber nicht ganz an Geist. Ein Schlag der Wogen, ein Balken des Wracks — die Ärzte wussten es nicht genau — hatte etwas in ihm verschlossen, und aus dem klugen, singenden Jürgen wurde ein stiller Mann, der die Tage wie Wasser durch die Finger laufen ließ. Die Brönnes hielten ihn wie einen Sohn, sein Lebtag lang. Er war sanft und freundlich und half, wo seine Hände sich erinnerten, und manchmal, wenn irgendwo gesungen wurde, hoben sich seine Augen, als suchten sie etwas hinter der Luft. So vergingen die Jahre, und der Sand der Dünen wanderte, wie er immer wandert, und begrub langsam, Jahr um Jahr, die alte Kirche von Skagen bis an die Fenster.
Die stillen Jahre hatten ihre eigene Sanftmut. Die Kinder von Skagen hatten den freundlichen Mann gern, der stundenlang mit ihnen Muscheln sortieren konnte und dabei so ernsthaft blieb wie bei einer großen Arbeit; die Fischer nahmen ihn mit hinaus, wenn die See ruhig war, denn seine Hände hatten nichts verlernt. Und manchmal, wenn in der Kirche gesungen wurde, stand er draußen im Sand und bewegte die Lippen, und die Melodie stimmte immer. Nur die Worte waren ihm abhandengekommen — oder sie waren dort, wo er selbst die meiste Zeit war: in einem Sommer, den außer ihm keiner mehr sehen konnte. Die Brönnes ließen ihn gewähren. Liebe, die nicht mehr reden kann, pflegt man mit Geduld.
Und dann kam jener Abend im Spätherbst, an dem ein großer Sturm über Skagen stand und niemand vor die Tür wollte. Da wurde es in Jürgen auf einmal hell, wie eine Tür, die aufgeht. Er nahm seine Mütze und ging hinaus, durch den fliegenden Sand, den alten Weg zur halb versunkenen Kirche, und trat hinein.
Von dem, was Jürgen in der versandeten Kirche sah, kann man nur erzählen, was sich erzählen lässt. Es heißt, das Licht darin sei gewesen wie an einem Sommermorgen auf See, wenn Himmel und Wasser dieselbe Helle haben und man nicht mehr weiß, wo oben anfängt. Alle Bänke besetzt, alle Gesichter gut: die Fischersleute, die ihn großgezogen hatten, in der ersten Reihe, der alte Brönne mit blankem Sonntagshut — und der Gesang, der ihn empfing, war dasselbe Lied, das er als Junge über die Gemeinde hingesungen hatte, nur voller, als könnten nun endlich alle Stimmen mit, die je darin gefehlt hatten. Und mitten hindurch kam Clara auf ihn zu, und er wusste jedes Wort wieder. Das war das Letzte und das Beste: Er wusste jedes Wort wieder. Da wurde das alte Lied wahr, das er als Junge gesungen hatte, das Lied vom Schiff mit den goldenen Tauen, das die Brautleute holt: Es war ihm, als trüge ihn ein solches Schiff hinaus, ohne Sturm, in einen Morgen ohne Ufer.
Am nächsten Tag war der Sturm vorüber, und der Sand hatte in dieser einen Nacht die Tür der alten Kirche für immer verschlossen; nur der Turm sah noch heraus, wie er noch heute heraussieht, weiß über den Dünen, weithin sichtbar für die Schiffe. Jürgen aber hatte man nicht mehr gesehen. Die See nicht, die Dünen nicht — nur die Alten sagten leise: Er ist in der Kirche, und ein größeres Grabmal als diesen Turm hat kein König bekommen. Wer sich nun an den Anfang erinnert, an den Abend in Spanien und an die Frage nach dem Glück ohne Ende — dem geben die Dünen die Antwort. Sie sagen sie nur nicht laut. Sie lassen den Wind darüber gehen, ganz ruhig, wie über alles, was gut aufgehoben ist.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.