Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens En Historie fra Klitterne · 7 Minuten zu lesen

Eine Geschichte aus den Dünen — erster Teil

Diese Geschichte beginnt weit fort von den Dünen, im sonnigen Spanien, in einem Haus voller Orangenduft, in dem ein junges, reiches und glückliches Paar wohnte. Sie hatten einander lieb, und sie hatten alles — und an einem Abend auf ihrer Dachterrasse sprachen sie darüber, ob es nach diesem Glück wohl noch ein größeres geben könne, ein Glück ohne Ende. Die junge Frau glaubte fest daran; ihr Mann lächelte dazu, wie man über Dinge lächelt, die man nicht sehen kann. Behalte den Abend im Ohr — die Geschichte kommt am Ende darauf zurück.

Der König schickte den jungen Herrn als Gesandten in den hohen Norden, und so gingen die beiden an Bord eines prächtigen Schiffes und segelten fort aus der Wärme. Aber vor der Westküste Jütlands, wo die Dünen liegen und die See keine Gnade kennt, kam ein Sturm auf, wie ihn die Ältesten nicht erlebt hatten, und das stolze Schiff zerbrach in der Brandung. Von allen, die darauf gefahren waren, kam ein Einziger lebendig an Land — ein neugeborenes Kind, das die See wie mit einer letzten behutsamen Welle in den weichen Sand hob. Ein armes Fischerpaar aus den Dünen fand den Kleinen, und weil sie selbst keine Kinder hatten, dankten sie Gott und nannten ihn Jürgen.

Die Dünen von Huusby muss man gesehen haben, um sie zu lieben: Hügel um Hügel aus hellem Sand, mit zähem Strandhafer bewachsen, dahinter das Meer, das nie denselben Ton zweimal spielt, und dazwischen, in den Mulden, die niedrigen Häuser der Fischer, festgeduckt gegen den Wind. In einem davon wuchs der kleine Jürgen auf. Er wurde in der Dünenkirche getauft, deren Turm den Schiffen als Zeichen diente, und die Fischersfrau nähte ihm seine erste Jacke aus dem weichsten Stück Segeltuch, das die See je hergegeben hatte. Ärmer als arm, sagten die Leute über das Haus — aber das Kind darin wurde geliebt, und das rechnet vor jeder anderen Währung.

So wuchs ein Kind spanischer Herren als Fischerjunge zwischen den Dünen von Huusby auf, und es wusste von seiner Herkunft nichts — und die Dünen sagten es ihm nicht, obwohl sie dabei gewesen waren. Jürgen wurde ein prächtiger Junge: Er hatte ein Gedächtnis wie ein Netz, das nichts durchlässt, eine Stimme, nach der sich die Leute in der Kirche umdrehten, und Hände, die alles konnten, was man ihnen zeigte. Das Meer war sein Spielplatz und sein Lehrmeister, und der Wind kämmte ihm das dunkle Haar, das kein Mensch an der Küste sonst hatte.

Für einen Jungen waren die Dünen das größte Spielzimmer der Welt. Nach jedem Sturm ging Jürgen den Strand ab und fand, was das Meer hergab: Bernstein, der wie Honig leuchtete, Planken mit fremden Buchstaben, einmal eine ganze Apfelsinenkiste, von der das Dorf wochenlang sprach. Er lernte rudern, ehe er richtig rechnen konnte, er kannte die Namen aller Winde und die Launen der Brandung, und sonntags in der Dünenkirche sang er so hell und rein über die Gemeinde hin, dass die alten Frauen die Augen schlossen und der Pastor einmal sagte, in dem Jungen singe etwas, das nicht aus den Dünen stamme. Er ahnte ja nicht, wie recht er hatte.

Mit vierzehn fuhr er zum ersten Mal zur See, hinaus in die weite Welt, und das Schiff brachte ihn auch in ein südliches Land voller Sonne und Orangen — in die Heimat seiner Eltern, ohne dass er es ahnte. Es kam ihm dort seltsam vertraut vor, das Licht, die Gerüche, die Musik der Sprache, und er wusste nicht, warum. So nah kann man an seinem eigenen Geheimnis vorbeigehen.

Die Jahre auf See machten aus dem Jungen einen jungen Mann, der etwas aushielt und wenig Worte brauchte. Er hatte Stürme erlebt, die aus Männern Betende machen, und Häfen gesehen, in denen mehr Sprachen durcheinanderliefen als Möwen über einem Fischzug. Aber das Merkwürdige war: Je weiter er kam, desto deutlicher wusste er, wohin er gehörte. Wenn andere von den großen Städten schwärmten, dachte er an eine Reihe niedriger Häuser hinter hellen Hügeln und an eine Brandung, deren Ton er aus tausend Brandungen herausgehört hätte. So kam er heim, wie die besten heimkommen: freiwillig und fertig mit dem Vergleichen, und wurde Fischer wie sein Ziehvater.

Sie waren zu dritt gewesen, solange sie denken konnten: Jürgen, Morten und Else, ein Gespann aus Kindertagen, das Krabben fing, Boote teerte und sich die Zukunft ausmalte, jeder eine andere und alle drei nebeneinander. Dass aus dem Dreieck einmal ein schweres Ding werden könnte, hatte keiner geahnt, am wenigsten die drei selbst. Aber die Kindheit hört auf, wie die Ebbe aufhört — nicht mit einem Schlag, nur unaufhaltsam —, und eines Sommers war Else kein Kind mehr, und die beiden Freunde sahen sie an und wussten beide dasselbe und sagten beide nichts. Von da an war ein Drittes zwischen ihnen, das keinen Namen hatte und mit am Tisch saß.

Als aus den Kindern Erwachsene geworden waren, merkte Jürgen, dass sein Herz an Else hing. Aber Else hatte den Morten lieb, Jürgens besten Kameraden, und als sie es ihm sagte, ehrlich und traurig, ging Jürgen hinaus und lief die halbe Nacht durch die Dünen, gegen den Wind, bis das Herz müde genug war, um wieder gut zu sein. Es blieb ein Riss zwischen den beiden Männern, wie ihn die Leute an der Küste kannten, und manch hartes Wort fiel — das muss gesagt werden, damit man das Folgende versteht.

Denn in jenem Winter geschah ein Unglück: Morten kam durch fremde Hand ums Leben, still und heimtückisch, des bisschen Geldes wegen, das er im Haus hatte. Und weil die Leute von dem Riss zwischen den Kameraden wussten, fiel der Verdacht auf Jürgen. Er kam in die Stadt hinter Mauern und schwere Türen, und dort saß er einen langen dunklen Winter, unschuldig, und niemand glaubte ihm außer denen, die ihn liebhatten.

Von dem Winter hinter den Mauern soll nicht viel erzählt werden, denn Jürgen selbst hat später nicht viel davon erzählt. Ein kleines Fenster hatte die Zelle, zu hoch zum Hinaussehen, aber er wusste ja auch so, was draußen war: erst die Stoppelfelder, dann der erste Schnee, dann das lange Grau. Was ihn hielt, waren zwei Dinge: das gute Gewissen, das in solchen Wintern wichtiger ist als der warme Rock, und die Besuche der alten Fischersfrau, die den weiten Weg in die Stadt auf sich nahm, sooft es ging, und ihm jedes Mal dasselbe sagte: Wir wissen es, mein Junge. Wir und der liebe Gott. Und die Wahrheit ist eine Fischersfrau, sagte sie, sie kommt vielleicht spät vom Meer, aber sie kommt. Und im Frühjahr kam sie: Der wirkliche Täter wurde gefunden, und Jürgen trat aus dem Tor in die Sonne, frei und weißer im Gesicht, als ein junger Mann sein sollte.

Der alte Kaufmann Brönne aus Skagen, der von der Sache gehört hatte und den stillen, redlichen Jürgen kannte, legte ihm die Hand auf die Schulter. Komm mit mir nach Norden, sagte er, in mein Haus und in meine Dienste; bei uns fängt das Jahr neu an. Und Jürgen sah noch einmal zurück auf die Dünen von Huusby, auf die Gräber und die kleinen Häuser, und dann ging er mit — nordwärts, dorthin, wo Dänemark spitz zuläuft in die See. Der Wind ging mit ihm, wie er immer mit ihm gegangen war, und über den Dünen stand der Abend rot und ruhig, als wollte er sagen: Es kommt noch Gutes. Davon erzählt der zweite Teil.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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