Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 8 Minuten zu lesen

Eine Frage der Identität

An einem stillen Abend saßen Sherlock Holmes und ich, Doktor Watson, einander am Kamin der Baker Street gegenüber. Mein lieber Freund, sagte Holmes nachdenklich, das Leben ist unendlich seltsamer als alles, was der menschliche Geist sich auszudenken vermag. Was wir uns niemals zu erfinden trauten, das ist in Wahrheit oft nur das Alltägliche. Und doch bin ich nicht ganz überzeugt, erwiderte ich. Die Fälle, die in den Zeitungen stehen, sind meist recht nüchtern und wenig erbaulich. Man muss eben mit Auswahl und Verstand vorgehen, sagte Holmes lächelnd. Doch still, wenn ich mich nicht irre, kündigt sich gerade ein neuer kleiner Fall an.

Vom Fenster aus hatte er eine Dame erspäht, die unten auf der anderen Straßenseite stand und unschlüssig zu unseren Fenstern hinaufsah. Dieses Zögern, murmelte Holmes, dieses Schwanken zwischen Hinaufgehen und Umkehren, das verrät eine Herzensangelegenheit. Sie sucht Rat, ist sich aber nicht sicher, ob die Sache nicht zu heikel ist, um sie einem Fremden anzuvertrauen. Doch sehen Sie, nun hat sie sich entschlossen. Wenige Augenblicke später wurde Fräulein Mary Sutherland gemeldet, eine kräftige junge Frau mit gutmütigem Gesicht, etwas kurzsichtig, sorgfältig, wenn auch ein wenig überladen gekleidet.

Holmes hieß sie freundlich Platz nehmen. Fällt es Ihnen, begann sie zögernd, bei Ihrer Kurzsichtigkeit nicht beschwerlich, so viel mit der Schreibmaschine zu arbeiten? Sie fuhr erstaunt auf. Woher wissen Sie, dass ich Maschine schreibe? Daran gewöhnt man sich, sagte Holmes mild. Aber lassen wir das. Erzählen Sie mir lieber alles über Herrn Hosmer Angel und sein Verschwinden. Die junge Frau errötete und nestelte nervös an ihrem Handschuh, doch dann fasste sie sich und begann ihre seltsame Geschichte.

Sie lebe, erzählte Mary Sutherland, mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater zusammen. Ihr leiblicher Vater, ein Klempnermeister, sei vor Jahren gestorben und habe ein hübsches Geschäft hinterlassen. Sie selbst aber besitze ein kleines eigenes Vermögen: Eine Erbschaft sei für sie angelegt, die ihr jährlich etwa hundert Pfund an Zinsen einbringe. Da sie im Haushalt lebe und mit ihrer Maschinenschreiberei noch ein wenig dazuverdiene, brauche sie dieses Geld nicht für sich und überlasse die Zinsen großzügig ihrer Mutter und dem Stiefvater. Der Stiefvater, ein Herr namens James Windibank, sei deutlich jünger als ihre Mutter und reise als Vertreter für ein Weinhandelshaus.

Eben dieser Stiefvater, fuhr sie fort, halte sie sehr kurz. Er sehe es nicht gern, dass sie ausgehe oder Bekanntschaften schließe, und so habe sie zu Hause ein recht stilles Leben geführt. Nun aber habe einmal die Zunft der Gasinstallateure, der ihr verstorbener Vater angehört hatte, einen Ball gegeben, zu dem auch die Familie eingeladen war. Gerade zu jener Zeit sei der Stiefvater geschäftlich in Frankreich gewesen, und so seien Mutter und Tochter, trotz seines Verbots, zu dem Ball gegangen. Dort habe sie einen Herrn kennengelernt: Herrn Hosmer Angel.

Dieser Herr Angel, erzählte sie mit leuchtenden Augen, sei überaus zuvorkommend und vornehm gewesen. Er habe sie am nächsten Tag besucht und danach noch einige Male, stets jedoch nur, wenn der Stiefvater wieder verreist war, denn der hätte es nicht geduldet. Herr Angel sei Kassierer in einem Büro gewesen; ein stiller, etwas scheuer Mann. Er habe eine auffallend leise, fast flüsternde Stimme gehabt; er sagte, er habe in der Jugend eine Halsentzündung gehabt, die ihm die Stimme genommen habe. Stets habe er eine getönte Brille getragen, gegen das grelle Licht, und einen kräftigen Backenbart. Seine Briefe habe er ihr alle mit der Schreibmaschine geschrieben, sogar seinen Namen darunter habe er getippt, nicht von Hand gesetzt.

Bald hätten sie sich verlobt, fuhr Mary fort, und zwar wieder in Abwesenheit des Stiefvaters. Herr Angel habe sie beschworen, ihm treu zu bleiben, was auch immer geschehe; ja, er habe sie schwören lassen, mit der Hand auf dem Buch, dass sie ihm ewig die Treue halten werde, komme, was wolle. Das habe sie sonderbar gefunden, aber auch rührend. Schließlich sei der Hochzeitstag festgesetzt worden. An jenem Morgen seien sie in zwei Wagen zur Kirche gefahren; sie mit ihrer Mutter im ersten, Herr Angel allein im zweiten. Doch als ihr Wagen vor der Kirche hielt und man die Tür des zweiten öffnete, da war er fort. Der Wagen war leer. Niemand hatte ihn aussteigen sehen. Hosmer Angel war spurlos verschwunden, und seit jenem Tag habe sie kein Wort, kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten.

Und Sie glauben, ihm sei ein Unglück zugestoßen, fragte Holmes sanft. Ja, sagte sie unter Tränen. Er war so gut und treu. Er muss geahnt haben, dass ihm Gefahr drohte — warum sonst hätte er mich schwören lassen? Irgendetwas ist ihm widerfahren. Und Ihr Stiefvater, was sagt er dazu? Er nahm es leicht, fast zu leicht. Er meinte, die Sache werde sich von selbst aufklären, und ich solle sie ruhen lassen. Holmes nickte langsam und stellte noch ein paar Fragen nach Herrn Angels Aussehen und nach dem genauen Wortlaut seiner getippten Briefe. Dann bat er die junge Frau, ihm einen dieser Briefe dazulassen, versprach, sich der Sache anzunehmen, und riet ihr freundlich, Herrn Hosmer Angel aus ihren Gedanken und ihrem Herzen zu verbannen.

Als Mary Sutherland gegangen war, lehnte sich Holmes zurück. Ein lehrreicher kleiner Fall, sagte er. Was halten Sie von der Dame, Watson? Ich gestand, ich sähe nur ein bedauernswertes, getäuschtes Mädchen. Sehen Sie genauer hin, sagte Holmes. Bedenken Sie die Eigenheiten dieses Herrn Angel: die getönte Brille, die einen Teil des Gesichts verbirgt; den mächtigen Backenbart, der einen anderen verbirgt; die leise, geflüsterte Stimme, die die eigene verstellt; und das peinlich genaue Vermeiden, jemals etwas mit eigener Hand zu schreiben, selbst der Name war getippt. Fügen Sie hinzu, dass dieser Mann stets nur dann erschien, wenn ein gewisser anderer Mann gerade abwesend war. Und fragen Sie sich schließlich: Wem nützt es, wenn das gutmütige Mädchen niemals heiratet?

Dem Stiefvater, sagte ich langsam, denn dann bliebe ihm das jährliche Geld erhalten. Genau, sagte Holmes. Hundert Pfund im Jahr sind ein hübscher Anreiz. Ich vermute sehr stark, dass Herr Hosmer Angel und Herr James Windibank ein und derselbe Mann sind. Der Stiefvater hat die Rolle des Verehrers gespielt, mit Brille, falschem Bart und verstellter Stimme, um seine Stieftochter an einen Mann zu binden, den es nicht gibt. Durch den feierlichen Schwur, ihm ewig treu zu bleiben, hat er sie gewissermaßen für immer verlobt mit einem Phantom. Sie wird auf ihren verschwundenen Hosmer warten und keinen anderen ansehen — und das Geld bleibt im Haus. Aber wie wollen Sie das beweisen, fragte ich.

Durch die Schreibmaschine, sagte Holmes und hob den Brief, den Mary dagelassen hatte. Jede Maschine schreibt so eigen wie eine Handschrift. Sehen Sie hier: Das e ist leicht verwischt, dem r fehlt der untere Strich, und es gibt noch mehr solcher kleinen Merkmale. Ich habe Herrn Windibank unter einem Vorwand eine kurze Nachricht geschickt und ihn gebeten, mich aufzusuchen. Antwortet er getippt, und das wird er, denn ein solcher Mann schreibt ungern mit der Hand, so werden wir sehen, ob seine Maschine dieselben Eigenheiten zeigt wie die Briefe des verschwundenen Bräutigams. Und so geschah es. Am Abend traf Windibanks Antwort ein, getippt, und Buchstabe für Buchstabe trug sie dieselben kleinen Fehler wie Hosmer Angels Liebesbriefe.

Kurz darauf wurde Herr James Windibank selbst gemeldet, ein glatter, mittelgroßer Mann von etwa dreißig Jahren, mit grauen Augen und einer leisen, einschmeichelnden Art. Holmes empfing ihn höflich, doch dann legte er ihm ruhig und unerbittlich die ganze Kette seiner Schlüsse dar: die Verkleidung, die verstellte Stimme, die getippten Briefe, das berechnende Spiel mit dem Herzen einer gutgläubigen jungen Frau, einzig um ihres kleinen Vermögens willen. Der Mann wurde erst blass, dann versuchte er zu lachen, doch das Lachen erstarb ihm auf den Lippen. Es ist kein Gesetz, das mich dafür belangen kann, sagte er schließlich frech. Da haben Sie wohl recht, entgegnete Holmes kühl. Und doch war selten ein Streich so grausam, so selbstsüchtig und so herzlos. Verschwinden Sie. Und mit einem letzten verächtlichen Blick wandte er sich ab. Windibank schlich davon.

Ein kaltherziger Schurke, sagte Holmes, als die Tür ins Schloss gefallen war. Doch das Gesetz kann ihn nicht fassen. Und die arme Mary Sutherland, fragte ich. Werden Sie ihr die Wahrheit sagen? Holmes schüttelte langsam den Kopf. Wenn ich es ihr sage, wird sie mir nicht glauben. Sie hängt zu sehr an ihrem Bild von dem treuen, verschwundenen Hosmer. Es gibt ein altes Wort aus dem Morgenland, fügte er leise hinzu, dass Gefahr droht, wer einem Tiger das Junge nimmt, und Gefahr ebenso, wer einer Frau ihre liebste Täuschung raubt. Lassen wir ihr die Hoffnung. Mit der Zeit wird das Warten sanft verblassen, und vielleicht findet sie eines Tages doch noch ein stilles, eigenes Glück. Mehr, so beschloss er, könne und wolle er in dieser Sache nicht tun.

So endete der seltsame Fall um eine Frage der Identität, einer jener stillen Fälle ohne Lärm und ohne Gewalt, und doch voll von der wunderlichen Verschlungenheit des menschlichen Herzens. Das Feuer im Kamin glüht nur noch leise, und draußen ist es ganz still geworden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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