Frei nach Hans Christian Andersens Et Stykke Perlesnor · 4 Minuten zu lesen
Ein Stück Perlenschnur
Zwischen Kopenhagen und Korsör läuft die Eisenbahn, und die Alten nennen sie eine Perlenschnur, denn Station um Station reiht sich daran wie eine Perle, und jede hat ihren eigenen Glanz. Roskilde liegt daran und Sorö und die Gegend der alten Sagen, wo Hügel und Steine von einer Liebe erzählen, die stärker war als alles, was ihr entgegenstand. Und zuletzt, am großen Belt, das alte Korsör, wo das Land aufhört und die Fähren gehen.
So fährt man heute in wenigen Stunden durch das halbe Königreich, und es ist ein Wunder, an das sich alle gewöhnt haben. Aber im Haus, aus dem diese Geschichte stammt, saß eine Großmutter, die lachte dazu ihr feines Lachen und sagte: Wenige Stunden! Als ich jung war, Kinder, brauchten wir für dieselbe Reise drei volle Tage. Und ich sage euch: Es waren drei von den besten Tagen meines Lebens.
Und was für Perlen es sind, wenn man sie im Vorbeifahren richtig ansieht! In Roskilde, unter den Zwillingstürmen, liegen die Könige von Jahrhunderten still beieinander und haben Frieden miteinander, wie sie ihn im Leben nicht immer hatten. Um Sorö her steht der Wald so dicht am Wasser, dass die Buchen sich selbst zusehen können beim Grünen, und die Gelehrten dort sagen, es lerne sich nirgends besser als bei diesem Blick. Und zwischen allem liegen die kleinen Stationen, die kein Reisebuch nennt: ein Bahnwärterhaus mit Malven davor, ein Anger mit einem einzigen großen Baum, ein Teich mit Enten, die vom Zug längst nichts mehr halten. Auch das sind Perlen, sagt die Großmutter, kleine, aber echte. Auf einer guten Schnur wechseln die Größen; das macht das Muster.
Und dann erzählte sie: von der schweren Postkutsche und dem Korb voll Proviant, vom Übernachten im Gasthof, wo die Betten so hoch waren, dass man ein Bänkchen brauchte, von den Wäldern, durch die man Schritt für Schritt fuhr und darum jeden einzelnen Baum zu sehen bekam. Und von Korsör zuletzt, der Perle am Ende der Schnur. Denn dort, am dritten Abend, auf der Mole, als die Sonne in den Belt fiel, hat euer Großvater um meine Hand angehalten — der junge Emil, der später ein so würdiger Propst geworden ist, damals aber vor allem sehr rote Ohren hatte. Drei Tage, Kinder. Wer schnell reist, kommt früher an; wer langsam reist, dem gehört unterwegs die Welt.
Von der Verlobung auf der Mole erzählte die Großmutter genauer, wenn die Kinder es verlangten, und sie verlangten es jedes Mal. Wie der junge Emil den ganzen dritten Reisetag so sonderbar still gewesen sei, dass sie schon dachte, er bereue die Mitfahrt; wie er dann auf der Mole plötzlich vom Wetter zu reden begann, ausführlich und ohne jeden Zusammenhang; und wie er mitten im Wetter absprang und die Frage stellte, die mit dem Wetter nun wirklich nichts zu tun hatte. Und der Sonnenuntergang, sagte die Großmutter, war ehrlich gestanden längst vorbei, es war schon fast dunkel und wurde kühl. Aber in der Erinnerung, Kinder, steht die Sonne bis heute überm Belt. Die Erinnerung hat da so ihre eigene Uhrzeit, und es ist die richtige.
Die Kinder sahen die alte Frau an und dann die Landkarte, und die Eisenbahn kam ihnen auf einmal fast ein wenig hastig vor. Jede Zeit zieht ihre eigene Perlenschnur auf, sagte die Großmutter, eure wird noch schneller laufen als meine, und auch daran werden sich alle gewöhnen. Nur eines bleibt bei allen Geschwindigkeiten gleich: Die Perlen sind nicht die Städte. Die Perlen sind die Tage, an denen einem in einer von ihnen etwas Gutes geschieht. Dann faltete sie die Hände in den Schoß, wie sie es abends tat, und sah zum Fenster hinaus, die lange Schnur ihrer eigenen Tage entlang — und wer sie so sitzen sah, konnte sich gut vorstellen, dass an deren Ende noch eine allerletzte Perle wartete, größer und stiller als Korsör, und dass sie sich davor kein bisschen fürchtete.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.