Nach Arthur Conan Doyle · 17 Minuten zu lesen
Ein Skandal in Böhmen
Für Sherlock Holmes hat es immer nur eine Frau gegeben, und er nannte sie auch nie anders. Andere Namen für sie habe ich kaum je aus seinem Mund gehört. In seinen Augen stand sie über allen. Man verstehe mich recht: Liebe war das nicht, denn für Gefühle dieser Art hatte sein kühler, klarer Verstand nichts übrig, und über zärtliche Regungen sprach er stets mit leisem Spott. Er war, so schien es mir, das vollkommenste denkende und beobachtende Wesen, das die Welt hervorgebracht hat, und als Liebender hätte er sich nur lächerlich gemacht. Und doch gab es diese eine Frau, und ihr Name war Irene Adler, die selige Irene Adler, von zweifelhaftem und fragwürdigem Andenken.
Ich, Doktor Watson, hatte ihn in jener Zeit nur noch selten gesehen. Meine Heirat hatte uns auseinandergeführt. Das eigene Glück und die kleinen Sorgen eines Mannes, der zum ersten Mal einen eigenen Hausstand führt, nahmen mich ganz in Anspruch. Holmes dagegen, dem alle Geselligkeit von Herzen zuwider war, blieb in unserer alten Wohnung in der Baker Street, vergraben unter seinen Büchern. Seine Tage wechselten zwischen ruheloser Tatkraft und jener schweren, träumerischen Schwermut, die ihn zuweilen überkam. Nach wie vor galt sein ganzer Eifer dem Verbrechen und jenen Rätseln, welche die Polizei längst aufgegeben hatte.
An einem Märzabend führte mich mein Heimweg durch die Baker Street. Als ich an die wohlbekannte Tür kam, die in meiner Erinnerung für immer mit meiner Werbung und mit den dunklen Vorfällen unserer ersten gemeinsamen Zeit verknüpft ist, packte mich das Verlangen, Holmes wiederzusehen. Seine Fenster waren hell erleuchtet, und während ich hinaufblickte, zog seine hohe, hagere Gestalt zweimal als Schatten hinter dem Vorhang vorbei. Er ging rasch auf und ab, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken. Mir, der ich jede seiner Launen kannte, sagte diese Haltung genug: Er arbeitete wieder. Ich läutete und wurde in jenes Zimmer geführt, das einst zur Hälfte mein eigenes gewesen war.
Sein Empfang war wortkarg wie immer, doch ich glaube, er freute sich. Mit einem Wink lud er mich zum Sitzen ein, schob mir die Zigarrenkiste hin und deutete auf eine Karaffe in der Ecke. Dann stellte er sich vor den Kamin und musterte mich auf jene eigentümlich prüfende Art, die ihm zu eigen war. Die Ehe bekommt Ihnen, bemerkte er. Ich glaube, Watson, Sie haben dreieinhalb Kilo zugelegt, seit ich Sie zuletzt sah. Drei, entgegnete ich. Wirklich, sagte er, ich hätte mehr geschätzt. Und wieder in ärztlicher Praxis, wie ich sehe. Sie hatten mir nichts davon erzählt.
Ich fragte ihn, woher er das wisse. Ich sehe es und schließe daraus, sagte er. Wie sonst sollte ich wissen, dass Sie sich vor Kurzem gründlich nass gemacht haben und ein ausgesprochen unachtsames Dienstmädchen beschäftigen? Mein lieber Holmes, sagte ich, das geht zu weit. Vor ein paar Jahrhunderten hätte man Sie dafür verbrannt. Es stimmt zwar, ich war am Donnerstag auf dem Land und kam in einem fürchterlichen Zustand heim. Aber ich habe die Kleider gewechselt, und ich begreife nicht, wie Sie darauf kommen. Holmes lächelte still in sich hinein.
Es ist die Einfachheit selbst, sagte er. An der Innenseite Ihres linken Schuhs, dort, wo das Kaminlicht hinfällt, zeigen sich mehrere beinahe gleichlaufende Kratzer. So etwas entsteht, wenn jemand den Rand der Sohle unachtsam abschabt, um getrockneten Schmutz zu entfernen. Daraus schließe ich auf schlechtes Wetter und auf ein ungeschicktes Dienstmädchen. Und die Praxis? Wenn ein Herr mein Zimmer betritt, nach Jodoform riecht, am rechten Zeigefinger einen dunklen Fleck vom Höllenstein trägt und an seinem Zylinder eine Beule hat, die verrät, wo sein Hörrohr steckt, dann müsste ich schon sehr stumpf sein, um ihn nicht als Arzt zu erkennen.
Ich sah an mir hinunter und musste zugeben, dass alles zutraf, und ich musste über die Leichtigkeit lachen, mit der er seine Schlüsse auseinandernahm. Wenn ich Ihre Gründe höre, sagte ich, kommt mir alles so lächerlich einfach vor, dass ich es selbst könnte, und doch stehe ich bei jedem neuen Beispiel von Neuem verblüfft da. Ganz recht, sagte Holmes und zündete sich eine Zigarette an. Sie sehen, aber Sie beobachten nicht. Der Unterschied ist deutlich. Nehmen Sie die Stufen, die vom Flur in dieses Zimmer heraufführen. Sie haben sie oft genug gesehen. Häufig, sagte ich. Wie viele sind es denn? Ich wusste es nicht. Nun, viele hundert Mal bin ich sie hinaufgegangen, sagte ich, aber wie viele es sind, das weiß ich nicht. Sehen Sie, sagte Holmes, gesehen haben Sie sie, beobachtet haben Sie sie nie. Darauf will ich hinaus. Siebzehn sind es, und ich weiß es, weil ich hingesehen habe.
Dann reichte er mir ein dickes, rosa getöntes Blatt Briefpapier, das auf dem Tisch gelegen hatte. Das kam mit der letzten Post, sagte er. Was halten Sie davon? Es war ein Schreiben ohne Datum, ohne Unterschrift und ohne Anschrift. Am Abend um acht, so hieß es darin, werde ein Herr vorsprechen, der seinen Rat in einer höchst bedeutsamen Sache wünsche; man möge keinen Anstoß daran nehmen, wenn dieser Besucher eine Maske trage. Holmes hielt das Papier gegen das Licht. Es stammt aus Böhmen, sagte er ruhig. Sehen Sie das Wasserzeichen. Und der ganze Bau der Sätze, diese steife Wortstellung, verrät den Deutschen. Wir werden bald erfahren, was unser maskierter Freund von uns will.
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, hörten wir den scharfen Hufschlag und das Knirschen von Rädern am Randstein, und gleich darauf läutete es heftig. Holmes pfiff leise. Ein Zweispänner, dem Klang nach, sagte er. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür, und ein Mann von gewaltigem Wuchs trat ein. Er war reich, ja beinahe verschwenderisch gekleidet, in einen tiefblauen Mantel mit kostbarem Pelzbesatz, und in der Hand hielt er einen breitkrempigen Hut. Über das obere Drittel seines Gesichts reichte eine schwarze Maske, die er offenbar erst im Eintreten zurechtgerückt hatte.
Sie haben meine Nachricht erhalten, fragte er mit tiefer, rauer Stimme und starkem deutschem Akzent. Ich habe meinen Besuch angekündigt. Unschlüssig sah er von einem zum anderen, ungewiss, an wen er sich wenden solle. Nehmen Sie bitte Platz, sagte Holmes. Das ist mein Freund und Mitarbeiter, Doktor Watson. Wen habe ich die Ehre anzureden? Nennen Sie mich Graf von Kramm, einen böhmischen Edelmann, sagte der Fremde, und ich verstehe, dass Ihr Freund ein Mann von Ehre und Verschwiegenheit ist. Die Sache, um die es geht, ist von solcher Tragweite, dass ich sie Ihnen allein anvertrauen kann.
Reden Sie ruhig vor uns beiden, sagte Holmes und ließ sich wieder in seinen Sessel sinken. Was Sie dem einen sagen können, können Sie auch dem anderen sagen. Der Graf zuckte mit den breiten Schultern. Dann muss ich zunächst um Verschwiegenheit für zwei Jahre bitten; danach ist die Sache ohne Belang. Im Augenblick aber wiegt sie schwer genug, um den Lauf der europäischen Geschichte zu berühren. Holmes hatte den Besucher die ganze Zeit ruhig betrachtet. Nun sagte er gelassen: Wenn Eure Majestät sich herablassen wollten, den Fall darzulegen, könnte ich besser raten.
Der Mann sprang auf und ging in heftiger Erregung im Zimmer umher. Dann riss er sich die Maske vom Gesicht und schleuderte sie zu Boden. Gut, rief er, Sie wissen es ohnehin. Ich bin der König, und wozu sollte ich es leugnen? In der Tat, warum, murmelte Holmes. Eure Majestät hatten noch kein Wort gesprochen, da wusste ich bereits, wen ich vor mir habe: Wilhelm Gottsreich Sigismund von Ormstein, Großherzog von Cassel-Felstein und erblichen König von Böhmen. Der König setzte sich wieder und strich sich über die hohe, weiße Stirn.
Sie werden verstehen, sagte er, dass ich solche Geschäfte sonst nicht mit eigener Hand führe. Doch die Sache war zu heikel, um sie einem Vertrauten zu überlassen, ohne mich in dessen Gewalt zu begeben. Ich bin in tiefster Verschwiegenheit aus Prag hergereist, um Sie um Rat zu fragen. So fragen Sie, sagte Holmes und schloss erneut die Augen. Die Sache ist kurz erzählt, begann der König. Vor gut fünf Jahren war ich längere Zeit in Warschau, und dort begegnete mir die bekannte Abenteurerin Irene Adler. Der Name dürfte Ihnen vertraut sein.
Schlagen Sie sie bitte in meinem Verzeichnis nach, Doktor, murmelte Holmes, ohne die Augen zu öffnen. Seit Jahren legte er ein System an, in dem er alles über Menschen und Dinge festhielt. Ich fand ihren Eintrag: geboren in New Jersey im Jahr achtzehnhundertachtundfünfzig, Altistin, einst an der Mailänder Scala, Primadonna der Kaiserlichen Oper zu Warschau, nun von der Bühne zurückgezogen und in London lebend. Ganz recht, sagte der König. Ich habe mich, wie so mancher junge Mann, zu unbedachten Briefen hinreißen lassen. Und es gibt ein Lichtbild. Eine Fotografie, sagte Holmes. Wir sind beide darauf zu sehen.
Oh weh, sagte Holmes. Das ist misslich. Eure Majestät haben sich zu einer ernsten Unbesonnenheit hinreißen lassen. Ich war damals nur Kronprinz, sagte der König. Ich war jung. Ich bin heute kaum dreißig. Das Bild muss zurück, sagte Holmes. Wir haben es versucht und sind gescheitert. Dann muss man es kaufen. Sie will nicht verkaufen. Dann muss man es entwenden. Fünfmal wurde es versucht, sagte der König müde. Zweimal ließ ich auf meine Kosten in ihr Haus einbrechen und es durchsuchen. Einmal entwendeten wir ihr Reisegepäck. Zweimal wurde sie auf der Straße abgefangen. Alles umsonst. Keine Spur.
Und weshalb fürchten Eure Majestät das Bild so sehr, fragte Holmes. Weil ich vor der Verlobung stehe. Ich soll Clotilde Lothman von Sachsen-Meiningen heiraten, die zweite Tochter des Königs von Skandinavien, eine Familie von strengsten Grundsätzen. Sie selbst ist die Zartheit in Person. Der leiseste Schatten auf meiner Lebensführung würde alles zunichtemachen. Und Irene Adler? Sie droht, ihnen das Bild zu senden. Und sie wird es tun. Ich kenne diesen eisernen Willen. Am Tag, da meine Verlobung bekanntgegeben wird, will sie es absenden.
Da bleibt uns noch Zeit, sagte Holmes ruhig. Eure Majestät verweilen vorerst in London. Ich nehme mich der Sache umgehend an. Nur eines noch: Wo wohnt die Dame? In Briony Lodge, in der Serpentine Avenue, draußen in St. John’s Wood, sagte der König. Holmes notierte es sich. Eine letzte Frage: War das Bild eine Kabinettaufnahme? Das war es. Dann, gute Nacht, Majestät, sagte Holmes. Ich hoffe, wir werden bald gute Botschaft haben.
Was Holmes in den nächsten Tagen ins Werk setzte, war eine jener kleinen Erfindungen, an denen er seine stille Freude hatte. Zuerst ging er selbst hinaus nach St. John’s Wood, in der Verkleidung eines arbeitslosen Pferdeknechts, und ließ sich unter den Kutschern und Stallburschen der Gegend nieder. Ein Stallbursche, sagte er später, ist ein besserer Nachrichtendienst als jede Behörde. Auf diesem Weg erfuhr er alles, was er wissen wollte: dass die Dame allein lebe, still und zurückgezogen, dass sie täglich zur selben Stunde ausfahre, und dass ein Herr namens Godfrey Norton, ein Anwalt, in letzter Zeit auffällig oft bei ihr vorspreche. Dann ließ er sich eine Rauchpatrone kommen, bestellte ein paar Burschen von der Straße und legte sich die Rolle eines milden alten Geistlichen zurecht. Und welchen Zweck soll das alles haben, fragte ich. Den wichtigsten von allen, sagte Holmes. Bedenken Sie, was ein Mensch in der ersten Schrecksekunde eines Brandes tut: Er eilt unwillkürlich zu dem, was ihm das Teuerste ist, und greift danach, um es zu retten. Eine Mutter zu ihrem Kind, ein Geizhals zu seiner Kassette. Unsere Dame hat nichts im Haus, das ihr kostbarer wäre als jenes Bild. Beim Ruf nach Feuer wird sie ohne Überlegung dorthin stürzen, wo sie es birgt, und mir so das Versteck mit eigener Hand verraten.
Am Abend zogen wir aus. Holmes, nun ein weißhaariger Geistlicher mit gütigem Gesicht, und ich an seiner Seite. In der stillen Serpentine Avenue standen, wie zufällig, ein paar müßige Gestalten umher, die kleinen Helfer, die Holmes für ein paar Münzen bestellt hatte. Pünktlich fuhr Irene Adlers Wagen vor. Als sie ausstieg, entstand im Nu ein Gedränge: Die Burschen drängten heran, scheinbar um ihr die Tür zu öffnen, gerieten in Streit, und mitten hinein eilte der gütige alte Geistliche, als wolle er der Dame Schutz bieten.
Im Getümmel sank er, scheinbar getroffen, sanft zu Boden, das Gesicht von einer kleinen, harmlosen Schminke gerötet. Voll Mitleid ließ Irene Adler den verletzten alten Mann in ihr Haus tragen und auf das Sofa des Wohnzimmers betten. Man rief nach Wasser und nach Luft, jemand öffnete das Fenster, und die ganze kleine Gesellschaft drängte sich besorgt um den vermeintlich Verletzten. Das Fenster zur Straße stand offen. Genau dort hatte sie ihn haben wollen. Holmes hob, auf dem Sofa liegend, unmerklich die Hand. Das war das Zeichen. Ich schleuderte die Rauchpatrone durch das offene Fenster und rief aus voller Kehle nach Feuer, und im selben Augenblick fiel die ganze Straße ein.
Dichter, weißer Qualm quoll auf, der Ruf lief durch das Haus, und genau da tat Irene Adler, was Holmes vorausgesehen hatte. Sie fuhr herum und eilte mit einem raschen, untrüglichen Griff zu einer bestimmten Stelle der Wand: zu einem Schiebefach hinter der Täfelung, gleich über dem rechten Klingelzug. Dort, das verriet ihre Hand, lag ihr Kostbarstes. Mehr brauchte Holmes nicht. Mit ruhiger Stimme rief er bald, es sei nur ein falscher Alarm gewesen, kein Feuer, keine Gefahr. Die Aufregung legte sich, der Qualm verzog sich, der gütige Geistliche erholte sich und verabschiedete sich höflich.
Auf dem Heimweg war Holmes bester Laune. Morgen früh, sagte er, gehen wir mit dem König hin und holen das Bild. Ich weiß nun genau, wo es liegt. Doch als wir die Baker Street erreichten und Holmes eben den Schlüssel suchte, ging eine schlanke Gestalt in einem langen Herrenmantel rasch an uns vorüber. Gute Nacht, Herr Sherlock Holmes, sagte eine helle, freundliche Stimme im Vorübergehen, und die Gestalt verschwand in der Dunkelheit. Holmes blickte ihr verdutzt nach. Diese Stimme habe ich schon einmal gehört, murmelte er, während er den Schlüssel im Schloss drehte. Nur wüsste ich gern, wer das war. Wir gingen hinauf, und den ganzen Abend über kam er auf diese Begegnung zurück, ohne sie sich erklären zu können.
Am nächsten Morgen brachen wir früh auf, Holmes, der König und ich. Doch als wir Briony Lodge erreichten, stand das Tor offen, und eine ältere Dienerin empfing uns mit einem sonderbaren, beinahe spöttischen Lächeln. Ihre Herrin, sagte sie, sei am frühen Morgen mit dem Zug um fünf Uhr fünfzehn von Charing Cross abgereist, gemeinsam mit ihrem Gatten, auf den Kontinent, fort aus England. Holmes eilte ins Wohnzimmer, schob die Täfelung über dem rechten Klingelzug beiseite und griff hinein. Doch das Bild des Königs war fort.
Stattdessen fand er zwei andere Dinge: eine Fotografie, die Irene Adler allein zeigte, in vollem Abendstaat, schön und ruhig in die Kamera blickend, und einen Brief, adressiert an Herrn Sherlock Holmes, persönlich abzuholen. Der Brief war in der Nacht geschrieben, das verriet die Tinte, und mit fester Hand. Holmes riss ihn auf, und wir lasen ihn gemeinsam. In freundlichem, fast heiterem Ton schrieb Irene Adler, sie habe ihn vollständig durchschaut. Schon als der gütige Geistliche so geschickt in ihr Haus gelangt sei, habe man sie gewarnt, dass der König den berühmten Sherlock Holmes mit der Sache betraut haben könnte. Also habe sie ihn auf die Probe gestellt, und mit dem Trick des falschen Feueralarms habe er sich selbst verraten.
Ich bin als Schauspielerin ausgebildet, schrieb sie. Männerkleidung ist mir nichts Neues. Ich zog die Sachen an, die ich oft genutzt habe, ging Ihnen nach bis vor Ihre Tür und wünschte Ihnen gute Nacht. Ja, der schlanke junge Mann war ich selbst. Der König brauche nichts zu fürchten, schrieb sie weiter. Sie liebe und sei geliebt von einem besseren Mann, als der König es sei, und sei mit ihm fortgezogen. Das Bild behalte sie allein zu ihrem eigenen Schutz, als Waffe für den Fall, dass man ihr je nachstelle. Verwenden aber werde sie es nie. Unterzeichnet war der Brief mit Irene Norton, geborene Adler.
Was für eine Frau, rief der König, als er gelesen hatte. Sagte ich Ihnen nicht, wie rasch und entschlossen sie ist? Wäre sie nicht von so anderer Herkunft, wäre sie nicht eine bewundernswerte Königin gewesen? Diese Dame ist, soweit ich sie kennengelernt habe, aus einem anderen Holz geschnitzt als Eure Majestät, sagte Holmes kühl. Es tut mir leid, dass ich die Angelegenheit Eurer Majestät nicht zu einem glücklicheren Ende führen konnte. Im Gegenteil, mein lieber Herr, rief der König. Es konnte gar nicht glücklicher enden. Ich weiß, dass ihr Wort unverbrüchlich ist. Das Bild ist nun so sicher, als wäre es im Feuer.
Es freut mich, Eure Majestät so sprechen zu hören, sagte Holmes. Ich stehe tief in Ihrer Schuld, sagte der König. Sagen Sie mir, womit ich Sie belohnen kann. Dieser Ring hier. Und er zog einen Smaragdring von schlangenförmiger Fassung vom Finger. Eure Majestät besitzen etwas, das ich höher schätze als diesen Ring, sagte Holmes. Sie brauchen es nur zu nennen. Diese Fotografie. Der König starrte ihn verwundert an. Das Bild Irenes, rief er. Gewiss, wenn Sie es wünschen. Ich danke Eurer Majestät, sagte Holmes. Dann ist in dieser Sache nichts weiter zu tun, und ich wünsche Ihnen einen sehr guten Morgen. Er verneigte sich, beachtete die hingehaltene Hand des Königs nicht und ging mit mir nach Hause. Das Bild aber, das sie von sich selbst hinterlassen hatte, nahm er mit und verwahrte es, und ich glaube, es ist ihm zeitlebens kostbarer gewesen als jeder Smaragd.
So kam es, dass ein großer Skandal das Königreich Böhmen bedrohte und dass die feinsten Pläne des Sherlock Holmes am Verstand einer Frau zerbrachen. Früher hatte er über die Klugheit der Frauen gern gespottet. In der letzten Zeit habe ich ihn das nicht mehr tun hören. Und wenn er von Irene Adler sprach oder ihr Bild zur Hand nahm, dann geschah es stets unter jenem einen, ehrenvollen Wort: die Frau. Für Sherlock Holmes wird sie immer die Frau bleiben, die Einzige, die ihn je übertroffen hat. So weit dieser erste Fall. Das Feuer im Kamin ist kleiner geworden, und über der Baker Street liegt nun tiefe Ruhe.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.