Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Et Blad fra Himlen · 3 Minuten zu lesen

Ein Blatt vom Himmel

Hoch oben in der klaren Luft flog ein Engel mit einer Blume aus dem Garten des Himmels, und als er im Flug einen Kuss auf die Blume drückte, löste sich ein einziges kleines Blatt und schwebte hinab. Es fiel mitten in den Wald auf den weichen Boden, und kaum lag es da, schlug es Wurzeln und begann zu wachsen, mitten zwischen den anderen Pflanzen. Die fanden das befremdlich. Was ist denn das für einer, sagten die Disteln, so etwas wächst hier nicht, und die Brennnesseln stellten sich taub, was bei Brennnesseln viel heißen will.

Aber das Blatt vom Himmel wuchs still weiter, und es wurde eine Pflanze daraus, wie sie der Wald noch nicht gesehen hatte: Sie breitete sich aus wie ein grüner Teppich, und dann blühte sie auf, und ihre Blüten leuchteten wie kleine Lichter, und ihr Duft war so, dass jeder, der vorbeikam, langsamer ging und freundlicher weiterdachte. Ein gelehrter Professor kam, betrachtete die Pflanze und suchte sie in allen seinen Büchern — und fand sie in keinem.

Der Professor kam übrigens dreimal wieder, das muss man ihm lassen. Er maß die Pflanze, er zeichnete sie ab, er nahm behutsam ein Blättchen und legte es unters Glas, und je länger er suchte, desto ratloser und desto leiser wurde er. Zuletzt stand er einfach nur davor, den Hut in der Hand, was sonst nicht seine Art war. Ich kann sie nicht bestimmen, schrieb er in sein Heft, aber ich kann sagen, was sie tut: Man geht anders fort, als man gekommen ist. Für ein Gelehrtenheft ist das ein großer Satz. Es war der beste, den er je hineingeschrieben hat, und der einzige ohne lateinischen Namen.

Es kam aber auch ein armes Mädchen durch den Wald, das ein reines, stilles Herz hatte und viel Schweres trug. Als es die Blüten sah, blieb es lange stehen, und ihm wurde leicht, als hätte jemand mitgeholfen zu tragen. Behutsam nahm es ein einziges Blatt, legte es daheim in seine Bibel, an seine liebste Stelle, und dort lag das Blatt vom Himmel nun zwischen den Worten vom Himmel, frisch und grün, und wollte nicht welken.

Dem armen Mädchen aber hatte die Pflanze noch lange gedient, ohne dass jemand davon wusste. Das eine Blatt in ihrer Bibel überdauerte grün und frisch, und wenn ihr Tag zu schwer geworden war, schlug sie die Stelle auf und legte den Finger auf das Blatt, und es war ihr dann, als sage jemand: Es ist gesehen worden. Alles, was du trägst, ist gesehen worden. Mehr braucht ein schweres Herz oft gar nicht — kein Wunder, keine Wendung, nur die Gewissheit, gesehen zu sein. Dafür war das Blatt vom Himmel gefallen, und wenn man es recht bedenkt, ist es dafür weit genug gereist. Und als das Mädchen nach einem stillen Leben friedlich entschlief, legte man ihm die Bibel unters Haupt, das Blatt darin — so kam es wieder zu dem, was es kannte.

Die Pflanze im Wald hat kein langes Leben gehabt; ein Schweinehirt, der Reisig sammelte, nahm sie mit seinem Bündel fort, ohne zu wissen, was er tat. So geht es den seltenen Dingen manchmal. Aber es heißt, ihr Same sei im Boden geblieben, und irgendwo im Wald gehe alle Jahre wieder still ein grüner Teppich auf, den kein Professor einordnen kann — man muss nur mit dem richtigen Herzen vorbeikommen, dann leuchtet er. Und das ist keine schlechte Aufgabe für einen Abendspaziergang. Oder für einen Traum: Auch dort blühen Pflanzen, die in keinem Buch stehen, und wer daran riecht, denkt freundlicher weiter.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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