Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen
Echo und Narziss
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Wälder Böotiens so dicht standen, dass selbst das Mittagslicht sie kaum durchdrang, lebte in den Hügeln eine Nymphe, die kein Schweigen kannte. Ihr Name war Echo, und ihre Stimme war so reich und fließend wie ein Bergbach, der über Steine springt. Die anderen Waldnymphen liebten es, ihr zuzuhören, denn Echo redete ohne Unterlass, von früh bis spät, und was sie sagte, war stets lebhaft und voller Bilder.
Doch diese Gabe der Rede wurde ihr eines Tages zum Verhängnis. Hera, die hochthronende Göttin, Gemahlin des Zeus, war auf den Olymp herabgestiegen, um nach dem Treiben ihres Gatten zu sehen. Echo stellte sich ihr in den Weg und sprach und sprach, von diesem und jenem, von Nymphen und Bächen, von fernen Hainen und alten Geschichten, und hielt die Göttin so lange auf, dass die anderen Nymphen Zeit fanden, sich in den Wäldern zu verbergen. Als Hera schließlich merkte, was geschehen war, wandte sie sich mit ruhigem, aber unerbittlichem Blick der Nymphe zu.
Du hast meine Augen mit Worten vernebelt, sprach die Göttin. Von nun an sollst du keine eigene Rede mehr führen. Die letzte Silbe, die ein anderer spricht, nur die wirst du noch zurückgeben können. Von diesem Augenblick an war Echo stumm, solange kein anderer sprach. Ihr Mund konnte sich öffnen, doch kein Wort entstand in ihr neu. Nur das Ende fremder Sätze hallte aus ihr heraus, treu und unweigerlich, wie das Gebirge das Rufen der Hirten zurückwirft. Sie streifte weiter durch die Wälder, sah das Licht zwischen den Blättern wechseln und hörte den Wind in den Eichen, aber ihre eigene Stimme gehörte ihr nicht mehr.
Es war in dieser Zeit, dass ein junger Mann aus Thespiae jene Hügel durchstreifte. Narziss hieß er, und er war der Sohn des Flussgottes Kephissos und der Nymphe Liriope. Schon bei seiner Geburt hatte die Mutter den alten Seher Teiresias gefragt, ob der Knabe ein langes Leben haben werde. Teiresias hatte eine Weile geschwiegen und dann geantwortet: Wenn er sich selbst niemals erkennt. Ein rätselhafter Spruch, den Liriope nicht zu deuten wusste, und den sie schließlich beiseitegelegt hatte wie eine Münze, deren Wert man noch nicht kennt.
Narziss war herangewachsen zu einem Jüngling von solcher Schönheit, dass alle, die ihn sahen, innehielten. Junge Männer und Frauen, Nymphen aus den Bächen und von den Hängen, sie alle traten auf ihn zu, aber er wandte sich stets ab. Es war kein böser Wille in ihm, und keine Grausamkeit, aber sein Herz blieb kalt für alle, die sich ihm näherten, als wäre es aus demselben glatten Stein gemacht wie der Grund eines tiefen Sees. An einem hellen Morgen, als er allein durch den Wald strich und nach einem Hirsch Ausschau hielt, hörte er das Knacken eines Zweiges hinter sich und rief: Ist hier jemand?
Und aus dem Gebüsch antwortete es: Jemand. Narziss hielt inne und sah sich um. Er rief wieder: Komm hervor! Und die Stimme erwiderte: Komm hervor. Er sah niemanden, und doch war die Stimme nah, warm, als trüge sie etwas Eigenes in sich. Echo war es, die hinter den Farnwedeln stand, das Herz voll von dem, was sie nicht sagen durfte. Denn als sie Narziss das erste Mal gesehen hatte, war etwas in ihr wach geworden, das stärker war als jede Rede, die sie je geführt hatte. Sie liebte ihn, ruhig und unabwendbar, wie das Wasser immer bergab fließt.
Sie trat aus dem Schatten hervor und streckte die Arme nach ihm aus. Doch Narziss wich zurück. Er schüttelte den Kopf und ging seines Weges, ohne sich noch einmal umzusehen, und ließ Echo allein zwischen den Bäumen stehen. Sie folgte ihm nicht. Was blieb ihr, außer zu warten, ob er noch einmal rief? Die Tage vergingen, und mit ihnen verblasste sie langsam. Sie aß nichts mehr, schlief kaum, verbrachte die Nächte unter dem Sternenhimmel in den Schluchten und Grotten der Hügel.
Ihr Körper löste sich auf wie Nebel, der vor der Morgensonne weicht, bis nichts mehr von ihr blieb als die Stimme selbst. Sie lebt noch heute in den Bergen und Tälern, in den Buchten zwischen den Felsen, wo sie die letzten Worte der Menschen aufgreift und zurückgibt. Man begegnet ihr, wenn man in die Stille ruft, und die Stille antwortet. Narziss aber setzte seinen Weg fort, ahnungslos, was hinter ihm verblasst war.
Eines Mittags, als die Sonne hoch stand und die Zikaden in den Olivenbäumen sangen, fand er eine Quelle, die er nicht kannte. Sie lag in einer kleinen Mulde abseits der Pfade, vollkommen still, von hohen Gräsern umgeben, das Wasser so klar, dass der Grund aus weißem Sand zu leuchten schien. Kein Wind bewegte die Oberfläche, kein Insekt furchte sie. Es war, als hätte das Wasser seit Ewigkeiten gewartet.
Narziss kniete nieder, um zu trinken. Er beugte sich über die Quelle, und erblickte ein Gesicht. Es war das schönste Gesicht, das er je gesehen hatte. Dunkle Augen, die ihn ansahen mit einem Ausdruck, den er nicht zu benennen wusste. Wangen, die glatt waren wie Marmor im Abendlicht. Er hielt inne, die Lippen fast am Wasser, und das Gesicht hielt inne mit ihm.
Er streckte die Hand aus, und die Hand im Wasser streckte sich ihm entgegen. Er lächelte, und das Wasser lächelte zurück. Da überkam ihn etwas, das er nicht kannte: ein Ziehen in der Brust, ein Verlangen, das alle anderen Gedanken fortschob wie eine Welle den Sand. Er liebte das Gesicht in der Quelle, und er wusste nicht, dass es sein eigenes war. Er blieb. Stunde um Stunde kniete er am Rand der Quelle, redete leise mit dem Bild im Wasser, streckte die Finger aus und zog sie zurück, wenn die Oberfläche sich kräuselte und das Gesicht verschwamm.
Er aß nicht, er schlief kaum, er rührte sich nicht vom Fleck. Die Sonne wanderte über ihn hinweg, und der Mond beleuchtete ihn in der Nacht, und der Morgen fand ihn noch immer dort. Seine Schönheit begann sich langsam zu wandeln, nicht grob, nicht plötzlich, sondern wie eine Blume, die zu lange in der Hitze gestanden hat. Irgendwann, in der Stille eines späten Nachmittags, senkte er den Kopf, und das Bild im Wasser senkte sich mit ihm. Er schloss die Augen.
Als die anderen Nymphen, die ihn vermisst hatten, an die Quelle kamen und nach ihm riefen, fanden sie nur den stillen Wasserspiegel und am Rand ein weißes Blütenköpfchen auf schmalem Stängel, das sich über das Wasser neigte, als suche es immer noch sein eigenes Abbild. Die Nymphen nannten es Narziss, und so heißt es noch heute. Die Götter auf dem Olymp hatten alles gesehen.
Es gibt jene, die sagen, Nemesis, die Göttin des gerechten Ausgleichs, habe Narziss in jene Quelle geführt, als Antwort auf alle, die er hatte allein und traurig ziehen lassen. Ob das so war, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Die alten Geschichten schweigen manchmal dort, wo wir am liebsten eine Erklärung hätten. Was bleibt, ist das Bild: eine stille Quelle in de Hügeln von Bö-otien, eine Blume, die sich über das Wasser neigt, und eine Stimme in den Felsen, die noch immer antwortet, wenn man ruft.
Und irgendwo in denselben Hügeln, wenn der Abend sich senkt und die ersten Sterne über dem Gebirge erscheinen, trägt der Wind das letzte Echo alter Worte durch die Schluchten, nicht traurig, nur still, wie alles still wird, wenn es seinen Frieden gefunden hat. Der nächste Mond wird aufgehen über dem Meer, und eine neue Geschichte wird beginnen, die von Alkyone und Keyx, und von den stillen Tagen, die das Meer ihnen schenkte. Doch das ist eine andere Nacht. Diese hier neigt sich nun sanft ihrem Ende zu, ruhig wie die Oberfläche jener Quelle, wenn kein Wind sie bewegt und kein Schatten sie trübt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.