Nach griechischer Überlieferung · 9 Minuten zu lesen
Dionysos und die Gabe des Weines
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt noch voller Wunder war, wurde auf einem fernen Berghang in Thrakien ein Kind geboren, das nicht ganz Sterblicher und nicht ganz Gott war, und doch beides zugleich. Die Nymphen des Berges nahmen das Kind in ihre Arme, wickelten es in weiche Felle und trugen es in die Tiefe der Wälder, fort von den Augen der Welt. Der warme Wind trug den Duft von Wildrosen und feuchter Erde, und in den Wipfeln der alten Eichen rauschte etwas, das wie Gesang klang.
Dionysos, so nannten sie das Kind, war der Sohn des Zeus und der sterblichen Semele, Tochter des Kadmos, des Königs von Theben. Semele war nicht mehr am Leben, als ihr Sohn zur Welt kam, denn die Eifersucht der Hera hatte sie aus der Welt getrieben, bevor der Knabe auch nur einen ersten Atemzug getan hatte. Zeus selbst hatte den ungeborenen Sohn aus den Flammen gerettet und ihn in seine Hüfte eingenäht, bis der Kleine bereit war zu leben. Dionysos war also zweimal geboren, einmal aus einer Mutter, einmal aus dem Vater aller Götter, und dieses doppelte Geborensein gab ihm etwas Fremdes, etwas Grenzenloses, das ihn für immer von den anderen Bewohnern des Olymp unterschied.
Die Nymphen des Nysa-Gebirges zogen ihn auf, fern und verborgen, im Schatten hoher Bäume, wo das Licht in goldenen Streifen durch das Blätterdach fiel. Sie fütterten ihn mit Honig und Früchten, lehrten ihn die Stimmen der Tiere und den Gang der Jahreszeiten. Und Hermes, der Götterbote mit den geflügelten Sandalen, brachte den Knaben manchmal auf seinen Armen in die kühlen Täler, damit er das Rauschen der Quellen hörte und das Summen der Bienen über den Wildblumen. So wuchs Dionysos auf, umgeben von Wildnis, von spielenden Satyrn und Waldgeistern, von allem, was wächst und gärt und sich verwandelt.
Als der Knabe herangewachsen war, streifte er eines Tages durch einen Weinberg, den niemand bestellte und der sich wild über die Hügel ergossen hatte. Die Ranken wanden sich um alte Felsen, und zwischen den Blättern hingen schwere, dunkle Trauben, prall von Saft, warm von der Sonne des Mittelmeerlichtes. Dionysos brach eine Traube ab und kostete. Der Saft war süß und herb zugleich, er brannte ein wenig auf der Zunge und breitete sich warm in der Brust aus. Etwas erwachte in ihm, ein Wissen, das tiefer saß als jedes erlernte Wissen, und er verstand, dass diese Frucht und er selbst zusammengehörten wie der Mond und die Nacht.
Von diesem Tag an wurde die Rebe sein Zeichen und sein Geschenk an die Welt. Er lernte, die Trauben zu lesen, den richtigen Augenblick der Ernte zu spüren, den Saft in Krüge zu füllen und zu warten, bis die Zeit ihn verwandelt hatte. Denn Wein entsteht nicht sofort, er braucht Dunkel und Ruhe und Geduld, und er trägt in sich etwas vom Wesen des Gottes selbst: die Möglichkeit der Verwandlung. Was herb begann, konnte mild werden. Was traurig machte, konnte auch trösten. Was einsam machte, konnte auch verbinden.
Und so begann Dionysos seine Wanderschaft, und sie war groß und weit und dauerte viele Jahre. Er zog durch Thrakien und Phrygien, durch Lydien und das ferne Ägypten, durch Syrien und die Länder am Rand der bekannten Welt, immer weiter, immer ostwärts, bis er Indien erreichte, von dem die Menschen sagten, es läge jenseits aller Grenzen. Überall, wohin er kam, brachte er die Rebe mit, er lehrte die Menschen, Wein zu keltern und das Fest zu begehen, das Arbeit und Erschöpfung für eine Nacht beiseitelegte.
Er zog nicht als Eroberer, sondern als Wanderer, begleitet von seinem Gefolge: den tanzenden Mänaden, den bocksbeinigen Satyrn, dem alten taumelnden Silenos auf seinem Esel, der immer ein wenig zu viel vom Wein gekostet hatte und dabei weiser war als er aussah. Silenos war Dionysos’ Lehrer und Begleiter gewesen, seit die Nymphen den Gott dem alten Waldgeist zur Unterweisung anvertraut hatten. Mit seinem runden Bauch und seinem ewigen Lächeln war er auf dem Rücken seines Esels eine Gestalt, über die die Menschen lachten, aber wer ihm zuhörte, wenn er sprach, der staunte, denn Silenos kannte die verborgenen Dinge der Welt, und manchmal entglitten ihm Sätze von solcher Tiefe, dass die Luft um ihn herum ganz still zu werden schien.
Auf seiner langen Wanderung traf Dionysos auch auf solche, die ihm feindlich begegneten. Lykurgos, der thrakische König, versuchte das Gefolge des Gottes zu verjagen und trieb die tanzenden Mänaden über das Land. Dionysos wich dem Zorn des Königs aus, indem er ins Meer tauchte, wo die Meernymphe Thetis ihn in Sicherheit brachte. Die Götter des Olymp aber ließen solche Feindschaft nicht unbeantwortet, und Lykurgos verlor den Verstand und fand keinen Frieden mehr in seinem Königreich. Was den Göttern begegnet, kehrt verändert zurück, so lehrten es die alten Sagen.
Gefährlicher noch war die Begegnung auf dem Meer. Dionysos stand eines Tages allein an einer felsigen Küste, jung und einfach gekleidet, und Seeräuber erblickten ihn und glaubten, einen reichen Jüngling vor sich zu haben, den sie verkaufen könnten. Sie ruderten ans Ufer, packten ihn und banden ihn ans Schiff. Nur einer unter der Mannschaft, der Steuermann Acoetes, betrachtete den Gefangenen und spürte, dass hier etwas nicht stimmte.
Die Fesseln fielen von sich ab, ohne dass eine Hand sie gelöst hatte. Wein strömte über das Deck, duftend und dunkel. Efeu wuchs in einem Augenblick über die Masten, und Weinranken schossen aus dem Holz des Schiffes hervor. Dann erschien der Gott in seiner wahren Gestalt, und die Seeräuber, überwältigt vom Staunen und vom Schrecken, sprangen ins Meer und wurden zu Delphinen, die heute noch durch das weinrote Wasser gleiten.
Acoetes allein, der den Gott erkannt hatte, blieb unversehrt. Du hast gesehen, was andere nicht sehen wollten, soll Dionysos zu ihm gesagt haben, und deshalb bleibst du, wer du bist. Als die Wanderschaft des Gottes sich dem Ende zuneigte, kehrte er in die Länder des Ostens um und zog langsam zurück nach Hellas, dem Land der Olivenhaine und der weißen Tempel. In Theben, der Stadt seiner Mutter, erwartete ihn jedoch kein freundlicher Empfang. Pentheus, der König, zweifelte an der Göttlichkeit des Fremden und versuchte, die Mänaden von den Bergen zu vertreiben und das Fest des Dionysos zu unterbinden. Aber der Berg Kithairon gehörte in jenen Nächten nicht den Königen.
Die Frauen der Stadt hatten sich in die Wälder zurückgezogen, um den Gott zu feiern, und kein Befehl aus dem Palast erreichte sie dort. Pentheus versuchte, das Geschehen zu beobachten, verborgen in einem Baum, und wurde selbst gesehen. Was dann geschah, war tragisch und dunkel, und die Sage hält es fest wie einen Riss im Stein. In einem Satz nur: Pentheus kehrte nicht vom Berg zurück, und Theben lernte in dieser Nacht, welche Kraft in der Verweigerung des Heiligen schlummert. Dionysos selbst trug keine Waffe und erhob keine Hand, aber er ließ geschehen, was der Wahn des Zweifels aus sich selbst heraus erzeugt.
Doch die Sage des Dionysos endet nicht in Dunkel. Sie öffnet sich, wie alle seine Geschichten sich öffnen, zu etwas Hellerem. Denn unter all den Wanderungen und Begegnungen des Gottes war eine, die über alles andere strahlte: seine Ankunft auf der Insel Naxos, einer Insel im schimmernden Ägäischen Meer, auf der er eines Morgens im Dämmerlicht eine schlafende Gestalt am Strand fand.
Es war Ariadne, Tochter des Königs Minos von Kreta, die dem Helden Theseus durch das Labyrinth geholfen und ihm den rettenden Faden gegeben hatte, und die Theseus dann auf eben dieser Insel allein zurückgelassen hatte, während er weitergesegelt war. Sie lag allein auf dem Felsen, der Morgen trat leise an sie heran, und Dionysos blieb stehen und betrachtete sie. Er, der selbst so oft allein gewesen war, allein durch seine Herkunft, allein in seiner Fremde, allein in der Lücke zwischen Götter- und Menschenwelt, er erkannte in ihr etwas von sich selbst.
Die Götter auf dem Olymp blickten hinab und nickten, denn manche Begegnungen sind nicht zufällig. Dionysos weckte Ariadne sanft, und der Morgen auf Naxos wurde für beide ein Anfang. Aus der Verlassenen wurde eine Geliebte, aus der Geliebten schließlich eine Göttin, denn Zeus erhöhte Ariadne, und das Sternbild ihrer Krone leuchtet noch heute am Nachthimmel. So war Dionysos der Gott der Verwandlung. Er kannte das Fest und kannte die Trauer. Er kannte die Freude des Weines und die Schwere des Verlusts.
Er war zweimal geboren worden und hatte gelernt, dass alles, was zweimal beginnt, tiefer verwurzelt ist als das, was nur einmal kommt. Die Trauben, die er in die Welt gebracht hatte, wuchsen nun an den Hängen von Hellas und in den Tälern des Peloponnes, in Ionien und auf den Inseln, die im Abendlicht aus dem Meer auftauchen wie Träume. Und wenn die Ernte eingebracht war, feierten die Menschen das Fest, das er ihnen geschenkt hatte, mit Gesang und Tanz, mit Masken und Geschichten, mit Wein, der die Zunge löste und die Herzen öffnete. Auf dem Olymp aber nahm Dionysos seinen Platz ein, den letzten der zwölf Throne, den letzten und doch nicht den geringsten.
Hestia, die stille Göttin des Herdes, hatte ihm diesen Platz freiwillig überlassen, heißt es, denn sie erkannte in dem wandernden Gott jemanden, der mehr als alle anderen die Wärme kannte, die entsteht, wenn Menschen zusammenkommen. Und so ruhte Dionysos am Ende all seiner Wanderungen dort oben, im goldenen Licht des Götterberges, und die Wolken zogen unter ihm dahin, und das weinrote Meer glitzerte in der Ferne, und irgendwo an einem warmen Hang blühten die Reben in der Abendsonne. Die Zikaden sangen, und die Nacht legte sich sanft über die Welt, und alles, was der Gott gesät hatte, das Fest, die Freude, das Tröstliche im Wein, lag nun ausgebreitet über die Länder, die im Mondlicht schliefen. Hestia und das heilige Feuer des Herdes.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.