Nach griechischer Überlieferung · 9 Minuten zu lesen
Die zwölf Aufgaben des Herakles – Teil 3
Vier Aufgaben lagen noch vor Herakles, als er vom Sumpf des Stymphalos zurückkehrte und den kretischen Stier und die Rosse des Diomedes gebändigt hatte. Eurystheus, der König von Mykene, saß in seinem Palast und wartete, immer in der Hoffnung, dass die nächste Aufgabe den Helden nicht zurückkehren lassen würde. Doch Herakles kehrte stets zurück, staubbedeckt und ruhig, den Blick schon auf das Kommende gerichtet. Nun schickte der König ihn an die Grenzen der bekannten Welt und darüber hinaus, zu Kriegerinnen, zu Riesen, zu goldenen Äpfeln und zuletzt in das Reich, aus dem kein Sterblicher je heimgekehrt war.
Der neunte Auftrag führte Herakles über das weinrote Meer, weit nach Osten, wo das Land der Amazonen lag. Die Amazonen waren ein Volk von Kriegerinnen, furchtlos und stolz, das in weiten Steppen lebte und niemandem Rechenschaft schuldete. Ihre Königin hieß Hippolyte, und sie trug einen Gürtel aus getriebenem Gold, den Ares selbst ihr einst zum Zeichen seiner Gunst geschenkt hatte. Diesen Gürtel wollte Eurystheus, genauer gesagt, seine Tochter Admete begehrte ihn, und so segelte Herakles mit einer Schar von Gefährten los.
Die Küste der Amazonen lag im Morgendunst, als die Schiffe einliefen, und Hippolyte selbst trat ans Ufer. Sie hatte von Herakles gehört, dem Sohn des Zeus, der schon Ungeheuer bezwungen hatte, die niemand sonst zu bezwingen vermochte. Und sie war bereit, ihm den Gürtel zu geben, freiwillig, denn seine Taten sprachen für sich. Nimm ihn, sagte die Königin, denn ich erkenne, dass die Götter dich auf diesen Weg gesandt haben, und ich werde mich nicht gegen den Willen der Unsterblichen stellen.
Doch Hera, die Herakles auf seinem ganzen Weg mit Hass verfolgte, ließ es nicht zu. Sie nahm die Gestalt einer Amazone an und lief durch die Reihen des Volkes und flüsterte, der Fremde wolle die Königin entführen. Die Kriegerinnen griffen zu ihren Waffen und stürmten auf die Schiffe zu. Ein Kampf entbrannte, groß und laut wie ein Gewittersturm, der über die Steppe fährt, und am Ende hatte Herakles den Gürtel in Händen. Er segelte ab, trug das goldene Stück zu Eurystheus, und der König reichte es wortlos seiner Tochter weiter, ohne zu fragen, was es Herakles gekostet hatte.
Die zehnte Aufgabe schickte Herakles noch weiter, bis ans äußerste Ende der Welt, wo der Riese Geryon lebte. Geryon war kein gewöhnlicher Feind: Er hatte drei Leiber, die an den Hüften zusammenwuchsen, und er hütete eine Herde roter Rinder, die schönsten Rinder der Welt. Ein zweiköpfiger Hund namens Orthros bewachte die Tiere, und Eurytion, ein gefürchteter Hirt, stand an seiner Seite. Herakles machte sich auf den langen Weg durch Libyen und Iberia, über das Ende des bewohnten Landes hinaus, und wo er die Grenzen der Welt erreichte, errichtete er zwei große Felsen als Zeichen, dass hier ein Mensch gewesen war, der den Rand der Dinge berührt hatte.
Die Sonne brannte auf dieser Reise so heiß, dass Herakles seinen Bogen nach oben richtete und den Gott Helios damit bedrohte. Und Helios, der Sonnengott, der täglich über den Himmel fuhr, lachte ob dieser Kühnheit und lieh Herakles seinen goldenen Becher, in dem er jeden Abend über das Weltmeer zurückfuhr. So gelangte Herakles über das Wasser bis zur Insel Erytheia, wo Geryons Herde weidete. Orthros stürzte sich auf ihn, und Herakles schlug ihn nieder. Eurytion trat vor, und auch er unterlag. Dann erschien Geryon selbst, mit drei Köpfen und drei Schilden, ein Wesen, das die Erde zu erschüttern schien, wenn es sich bewegte.
Der Kampf war gewaltig wie das Rauschen eines aufgewühlten Meeres, und doch endete er, wie alle Kämpfe des Herakles endeten. Die roten Rinder trieb Herakles nun quer durch die ganze bekannte Welt zurück nach Mykene. Es war eine lange, mühsame Reise, Tiere entkamen und mussten wieder eingefangen werden, und Hera schickte eine Bremse, die die Herde in Unruhe versetzte. Doch Herakles trieb die Tiere unbeirrt voran, Schritt für Schritt, und brachte sie schließlich zu Eurystheus. Der König ließ die Rinder der Hera opfern, und Herakles schwieg dazu.
Die elfte Aufgabe galt den Äpfeln der Hesperiden, jenen goldenen Früchten, die Hera zur Hochzeit mit Zeus geschenkt bekommen hatte und die nun in einem Garten am Rande der Welt wuchsen. Drei Nymphen, die Hesperiden, hüteten die Bäume, zusammen mit Ladon, einem Drachen, der sich niemals schlafend zeigte. Herakles wusste nicht genau, wo dieser Garten lag, und so begann eine Reise, die ihn zu vielen Enden der Welt führte. Er befragte Nereus, den alten Meergreis, der die Dinge weiß, die den Göttern verborgen sind. Nereus wand sich und verwandelte sich, nahm eine Gestalt nach der anderen an, Feuer, Wasser, ein Fisch, ein Vogel, aber Herakles ließ ihn nicht los.
Gehe zu Atlas, sagte Nereus schließlich, denn nur er kennt den Weg zu den Töchtern des Abends. Atlas stand am Rand der Welt und trug das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern, eine Last, die er seit Urzeiten trug und die ihn in die Knie zwang, ohne ihn zu brechen. Herakles trat vor ihn und machte ihm ein Angebot: Er würde das Himmelsgewölbe halten, solange Atlas zu seinen Töchtern, den Hesperiden, ginge und die goldenen Äpfel holte. Atlas war einverstanden. So nahm Herakles den Himmel auf seine Schultern, und die Last drückte auf ihn nieder wie das Gewicht aller Zeiten.
Atlas kehrte zurück, die Äpfel in den Händen, und in seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Herakles kannte: Er wollte die Last nicht zurücknehmen. Ich bringe die Äpfel selbst nach Mykene, sagte Atlas, du kannst so lange warten. Herakles nickte, als dächte er nach. Dann bat er Atlas, das Gewölbe noch einen Moment zu halten, damit er sich ein Polster auf die Schultern legen könne. Atlas legte die Äpfel nieder und nahm den Himmel zurück, und Herakles nahm die Äpfel und ging. Atlas sah ihm nach, das Gewölbe wieder auf den Schultern, und schwieg. Manche sagen, ein leises Lächeln lag auf seinem Gesicht, als erkenne er, dass er einem Ebenbürtigen begegnet war.
Eurystheus nahm die Äpfel entgegen, und wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Sie konnten der Hera nicht als Opfer dienen, denn sie gehörten ihr. Sie konnten nicht behalten werden, denn sie gehörten dem Garten am Ende der Welt. So kehrten die goldenen Äpfel zurück zu den Hesperiden, und der Garten leuchtete wieder im Abendlicht. Nun blieb nur noch eine Aufgabe. Die zwölfte. Die schwerste.
Eurystheus nannte sie zuletzt, denn er hatte sie für zuletzt aufgespart, in der Gewissheit, dass kein sterblicher Mensch sie bestehen könne. Herakles sollte hinabsteigen in den Hades, in das Reich der Toten, und von dort den Hund Kerberos heraufbringen. Kerberos bewachte den Eingang zur Unterwelt, ein Wesen mit drei Köpfen, einer Schlange als Schwanz und einem Leib, aus dem Schlangen wie Haare wuchsen. Er ließ jeden hinein, aber keinen hinaus.
Bevor Herakles hinabstieg, ließ er sich in die Mysterien von Eleusis einweihen, denn die Eingeweihten trugen ein Wissen in sich, das ihnen den Weg durch das Dunkel wies. Dann trat er an den Eingang zur Unterwelt, an jenem Ort, wo das Wasser der Styx in schwarzen Wellen rollte und die Schatten der Toten warteten. Hermes, der Götterbote, begleitete ihn, und Athene, die eulenäugige, stand an seiner Seite, als er die ersten Schritte in die Tiefe tat.
Die Unterwelt empfing ihn mit Stille. Die Schatten wichen zurück, denn ein Lebender unter den Toten war ein seltenes Ding. Herakles begegnete dem Schatten des Meleagros und hörte seine Geschichte. Er begegnete Medusa, doch er ließ sie stehen, denn er kannte ihr Wesen. Er fand Theseus und Peirithoos, die dort festgehalten wurden, und befreite Theseus, indem er ihn beim Arm fasste und aufzog. Tiefer im Reich des Hades trat er vor Persephone, die Königin der Toten, und bat sie um Erlaubnis.
Und Persephone, die einst selbst aus dem Reich des Lichts in die Tiefe geholt worden war, sah Herakles an und nickte. Sprich mit Hades selbst, sagte sie, und was er entscheidet, wird gelten. Hades, der König der Unterwelt, empfing Herakles ohne Zorn. Er kannte das Schicksal seiner Besucher, und er wusste, dass Herakles nicht ohne Grund hier war. Herakles bat ihn offen: Er wolle Kerberos an die Oberfläche führen, nur für kurze Zeit, um seinem König zu beweisen, was er vollbracht hatte. Hades dachte nach, und dann sprach er seine Bedingung: Herakles dürfe Kerberos nehmen, doch ohne Waffe. Mit bloßen Händen müsse er den Hund bändigen, und Kerberos müsse ihm freiwillig folgen.
Herakles trat vor den dreiköpfigen Wächter. Kerberos stellte alle drei Köpfe auf und knurrte, und die Schlangen an seinem Leib erhoben sich. Herakles umfasste ihn mit beiden Armen, fest und ruhig, und ließ sich weder durch Knurren noch durch Zischen von seinem Griff abbringen. Kerberos wand sich und dann, gab nach. Langsam, Schritt für Schritt, folgte er Herakles durch die Dunkelheit, die Gänge hinauf, bis das erste graue Licht des Tages durch den Eingang schimmerte.
Als Kerberos das Licht der Sonne erblickte, schüttelte er alle drei Köpfe, und aus seinem Maul tropfte Schaum auf die Erde, und dort, wo er die Erde berührte, wuchs das Eisenkraut, der Beifuß, die zähen Pflanzen der Wegränder. Herakles führte den Hund nach Mykene, und Eurystheus, der mutige König, versteckte sich erneut in seinem Vorratsgefäß, als er das Wesen erblickte. Herakles wartete, bis Eurystheus sich beruhigt hatte, und dann führte er Kerberos zurück in die Tiefe, zu seinem Platz am Eingang des Hades, wo er seinen Dienst wieder aufnahm. Zwölf Aufgaben. Manche hatten Jahre gedauert, andere Tage. Manche hatten ihn an die Enden der Welt geführt, eine in die Unterwelt selbst.
Herakles stand nun wieder in Mykene, und Eurystheus hatte keine Aufgabe mehr. Was einst als Strafe begonnen hatte, war zu einem Weg geworden, einem Weg, der Herakles überall hingeführt hatte, wohin ein Mensch nur gehen konnte, und ein Stück darüber hinaus. Die Götter hatten zugeschaut, und Zeus, der Wolkenversammler, hatte still genickt. Und das Meer lag ruhig in der Abendsonne, und die Zikaden sangen, und Herakles ruhte zum ersten Mal seit langer Zeit ohne den Gedanken an eine nächste Aufgabe, die auf ihn wartete. Herakles wird in den Olymp aufgenommen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.