Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 10 Minuten zu lesen

Die zwölf Aufgaben des Herakles – Teil 2

Vier Aufgaben lagen bereits hinter Herakles, als er an jenem Morgen die Straße nach Elis einschlug. Der Löwe von Nemea, die vielköpfige Hydra, die Hirschkuh mit den goldenen Hörnern, der wilde Eber vom Erymanthos, sie alle hatten den Bezwinger gefunden, den keine Kreatur je bezwungen hatte. Doch König Eurystheus wartete in seiner steinernen Burg auf Mykene, und sein Sinn war darauf gerichtet, dem Helden Aufgaben zu stellen, an denen selbst die Götter sich die Hände wundgerieben hätten. Er ließ Herakles rufen und trat nicht aus dem Tor, sondern rief seine Worte über die Mauer herab, als fürchte er, die bloße Nähe des Helden könnte ihn erschrecken.

Der Weg nach Elis führte durch Olivenhaine, deren silbrige Kronen im Morgenwind zitterten, und an Weinbergen vorbei, die sich in sanften Terrassen den Hügeln entlangzogen. Das Licht war noch weich, die Schatten noch lang, und Herakles schritt mit dem ruhigen Gang eines Mannes, der weiß, dass der Tag noch viel vor ihm verbirgt. Die fünfte Aufgabe wartete auf ihn in einem Tal, in das man den Wind eher roch als spürte, denn der Wind von Elis trug an jenem Morgen einen Geruch, der selbst die weidenden Vögel am Straßenrand aufschreckte.

König Augias regierte das fruchtbare Elis und besaß die größten Rinderherden ganz Hellas’. Sein Vater Helios, die Sonne selbst, hatte ihm das Vieh in unzählbaren Mengen geschenkt, und die Ställe, in denen diese Herden standen, waren so gewaltig wie eine kleine Stadt, mit Mauern aus dunklem Stein und Toren so breit wie eine Tenne. Doch seit dreißig Jahren war kein Streu gewechselt, kein Schaufler bewegt, kein Abwasser abgeführt worden, und was sich in jenen Jahrzehnten angesammelt hatte, lag nun so tief und so schwer, dass selbst die Rinder darin versanken bis an die Knie. Das Tal von Elis stöhnte unter dem Gewicht dieser Last, und kein Landmann wagte sich in jene Richtung, wenn der Wind aus dem Süden blies.

Herakles stand vor den Toren und blickte lange in dieses Tal. Dann trat er ein, roch die Luft, maß die Ströme mit dem Blick und kehrte um, nicht aus Furcht, sondern weil sein Sinn bereits begann, zu rechnen und zu planen. Er suchte die Flussbetten des Alpheios und des Peneios auf, jener zwei Flüsse, die das Land von Elis durchzogen wie zwei schlafende Schlangen.

Mit Felsen und Erde lenkte er ihre Läufe um, grub neue Kanäle durch das lehmige Erdreich und öffnete schließlich jene Mauern der Ställe, durch die das Wasser seinen Weg finden sollte. Als die Flüsse in das Tal stürzten, rauschten sie durch jeden Winkel, jeden Spalt, jedes Gebälk, und trugen fort, was dreißig Jahre aufgehäuft hatten. Der Alpheios und der Peneios taten an einem einzigen Tag, wofür tausend Männer eine Generation gebraucht hätten.

Augias jedoch staunte nicht über das Wunder, sondern ärgerte sich über den Lohn, den er dem Helden versprochen hatte, und weigerte sich zu zahlen. Er sprach, das Wasser habe die Arbeit getan, nicht Herakles, und schickte den Helden mit leeren Händen fort. Herakles ließ dieses Unrecht stehen, wie ein Stein auf dem Weg liegenbleibt, um den man herumgeht, ohne ihn zu vergessen. Eurystheus seinerseits rechnete diese Aufgabe später nicht an, da ein Lohn verhandelt worden war, doch Herakles war längst schon weitergegangen, dem nächsten Morgen entgegen.

Die sechste Aufgabe führte ihn an den Stymphalischen See in Arkadien, dessen Wasser dunkel und träge zwischen schilfigen Ufern lag. Über diesem See hausten die Stymphalischen Vögel in unzählbarer Menge: Kreaturen mit ehernen Schnäbeln, ehernen Krallen und Federn aus Metall, die sie wie Pfeile abschossen auf alles, was sich dem See näherte. Sie fraßen das Korn der Felder, vergifteten das Wasser mit ihrem Kot und ließen keinen Bauern, keinen Reisenden ungestört. Die Luft über dem See klang, wenn sie aufflogen, wie das Klirren von tausend Schwertern.

Herakles stand am Ufer und erkannte bald, dass weder Bogen noch Keule ihn ans Ziel bringen würden, solange die Vögel verborgen im Schilf und den alten Bäumen saßen. Da erschien ihm Athene, die eulenäugige, und reichte ihm ein Geschenk, das Hephaistos, der Schmied der Götter, gefertigt hatte: ein mächtiges Klapperpaar aus Bronze, dessen Lärm die Luft zerriss wie ein Donner in der Nacht.

Hebe sie auf, Sohn des Zeus, und lass den See erschaudern. Herakles bestieg einen Hügel am Ufer, hob die Klappern und schlug sie zusammen, einmal, zweimal, immer wieder. Der Lärm fuhr über den See wie ein Sturm, und die Vögel stiegen in dichten Schwärmen auf, erschreckt und flatternd, ein einziger dunkler Teppich gegen den hellen Himmel. Als sie in Reichweite seines Bogens stiegen, sandte Herakles Pfeil um Pfeil in ihre Mitte, und die Vögel, die nicht fielen, flohen nach Osten über das Meer, fort aus Hellas, und kamen nicht wieder.

Der See von Stymphalos lag danach still, und der Schilf stand unberührt im Abendwind. Das Wasser des Sees spiegelte den Abendhimmel, als Herakles den Hügel verließ, ein rotes und goldenes Leuchten, das sich im stillen Wasser verdoppelte wie in einem Spiegel der Götter. Die Bauern des Umlandes kamen hervor aus ihren Häusern und blickten auf den leeren Himmel, und keiner wagte zuerst zu sprechen. Dann begannen die Zikaden wieder, und die Welt kehrte zu sich zurück.

Die siebte Aufgabe trug Herakles über das Meer, hinüber nach Kreta, jener großen Insel, auf der einst König Minos regierte, der weise und strenge Herr der hundert Städte. Poseidon, der Erderschütterer, hatte dem Minos einst einen Stier aus dem Meer gesandt, weiß wie frischer Schnee und so schön, dass der Anblick genügte, um jeden Atem stocken zu lassen. Doch Minos hatte das Tier für sich behalten, anstatt es dem Gott zurückzugeben, und Poseidon hatte es mit einem Fluch belegt: Der Stier war wild geworden, unaufhaltsam, brach Mauern nieder und ließ kein Feld unbeschädigt. Kein Hirt wagte sich ihm zu nähern, und die Ebenen Kretas trugen die Spuren seiner Wut.

Herakles landete auf Kreta und bat den König um Erlaubnis, den Stier zu bezwingen. Minos gewährte sie mit Erleichterung und bot Männer und Werkzeug an, doch Herakles wollte nichts davon. Er suchte den Stier allein, fand ihn auf einer weiten Ebene, wo er schnaubend den Boden aufwühlte, und trat ihm entgegen. Was zwischen ihnen geschah, war ein langer, stiller Kampf ohne Waffe, Stärke gegen Stärke, Wille gegen Wille.

Herakles bezähmte das Tier schließlich mit bloßen Händen und brachte es auf ein Schiff, das ihn zurück über das weinrote Meer nach Mykene trug. Dort zeigte er Eurystheus den Stier, der sich im Angesicht der Burgmauern losriss und fortan durch Hellas streifte, bis er weit im Norden, auf den Ebenen des Marathons, sein Ende fand, doch das ist eine Geschichte, die einem anderen Kapitel gehört.

Eurystheus blickte lange auf den Stier, der in sicherem Abstand an einer Leine geführt worden war, und dankte den Göttern, dass eine Mauer zwischen ihm und dem Tier stand. Dann wandte er sich ab und schickte nach dem nächsten Auftrag, als sei jeder vollendete Triumph nur ein weiteres Ärgernis für ihn. Es war die Art des kleinen Mannes, der Herrschaft über einen Größeren besitzt: er nutzt sie, so lange er kann, und weiß tief in sich, dass kein Befehl der letzte sein wird.

Für die achte Aufgabe hieß Eurystheus den Helden nach Thrake reiten, in das ferne, rauhe Land jenseits der nördlichen Berge, wo der Wind andere Stimmen hat als in Hellas und die Nächte im Winter kürzer sind als anderswo. Dort herrschte Diomedes, Sohn des Ares, über das Volk der Bistonen, ein König von wilder Natur, der seinen Ruhm auf eine grausame Gewohnheit gründete: Er besaß vier Rosse, die er mit Menschenfleisch fütterte. Die Rosse des Diomedes waren groß wie kein Pferd, das ein Reiter je geritten hatte, mit Augen wie glühende Kohlen und Mähnen, die im Wind flatterten wie Flammen. Kein Strick hielt sie, keine Kette band sie dauerhaft, und fremde Reisende, die in das Reich des Diomedes gerieten, verschwanden spurlos.

Herakles nahm Gefährten mit auf diese Reise, und unter ihnen war ein junger Mann namens Abderos, der ihm zugetan war wie ein Bruder. Sie segelten nach Norden, legten an der thrakischen Küste an und drangen ins Inland vor, wo die Ebene weit und flach lag unter einem grauen Himmel. Die Ställe des Diomedes fanden sie rasch, denn niemand in dieser Gegend zögerte, den Fremden den Weg zu weisen — sie waren froh, wenn die Aufmerksamkeit des Königs anderswohin gelenkt wurde. Herakles betrat die Ställe, überwältigte die Wächter und trieb die vier Rosse heraus ins Freie, und er übergab sie für eine Weile dem jungen Abderos, während er sich dem Angriff der Bistonen stellte, die Diomedes entsandte, um sein Eigentum zurückzuholen.

Der Kampf auf der thrakischen Ebene war laut und weit wie ein Gewitter am Horizont, Herakles stand inmitten der andrängenden Männer wie ein Fels in der Brandung, und die Wellen brachen sich an ihm. Doch in jenem Kampf kam Abderos ums Leben, durch die Rosse selbst, die der junge Mann nicht zu bändigen vermochte. Als Herakles zurückkehrte und sah, was geschehen war, legte er den Gefährten mit eigenen Händen in die Erde und gründete dort eine Stadt, die er Abdera nannte, damit der Name des Freundes bliebe, wo der Mensch vergehen musste. Dann wandte er sich zu Diomedes selbst um, und der König der Bistonen fand in diesem Augenblick sein Ende, die Art und Weise überlässt die Erzählung der Stille.

Was danach geschah, war nur noch die Rückkehr: die Rosse, nun ruhig und seltsam zahm, wurden eingeschifft und nach Mykene gebracht. Eurystheus ließ die Rosse des Diomedes frei, und sie streiften durch die Wälder am Fuße des Olymp, bis die Natur sie schließlich in sich aufnahm. Herakles stand auf dem Rückweg einige Zeit an dem Grab des Abderos und sprach leise mit dem Abend. Der Wind strich über die thrakische Ebene und trug seinen Atem nach Süden, über das Meer, nach Hellas zurück. Vier Aufgaben lagen nun hinter ihm in diesem zweiten Teil seines langen Weges: die gereinigten Ställe, der befreite See, der bezähmte Stier, die gebändigten Rosse.

Der Mond ging auf über dem Meer, als das Schiff des Herakles südwärts zog, weiß und ruhig über dem dunklen Wasser. Die Sterne standen tief und klar, die Art, wie sie nur über dem offenen Meer stehen, weit von jedem Feuer der Menschen entfernt. Herakles saß am Bug und blickte in die Richtung, aus der Hellas kommen würde, noch unsichtbar, aber nicht mehr fern.

Acht Aufgaben lagen hinter ihm. Vier noch vor ihm, der Gürtel der Amazonenkönigin, die Rinder des Geryon, die goldenen Äpfel der Hesperiden und das letzte, dunkelste Werk. Doch davon weiß eine andere Nacht. Jetzt ruhte das Meer, und das Schiff glitt lautlos durch das stille Wasser, und die Sterne spiegelten sich im Dunkel darunter wie die Hallen des Olymp in einem fernen Traum.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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