Nach griechischer Überlieferung · 9 Minuten zu lesen
Die zwölf Aufgaben des Herakles – Teil 1
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und ihre Beschlüsse das Schicksal der Sterblichen formten wie Töpferhände den Ton, lebte in der Stadt Tiryns ein Mann, dem keine Mauer hoch genug und kein Weg zu weit sein konnte. Herakles, Sohn des donnernden Zeus und der weisen Alkmene, trug die Stärke eines Gottes in menschlichem Körper, und mit ihr die Last, die ein solches Erbe immer bedeutet. Wie er aufwuchs, wie Athene ihn führte und Chiron ihn lehrte, davon hat ein früheres Kapitel dieser Sammlung bereits geflüstert. Was jetzt beginnt, ist ein neues Gewicht auf seinen Schultern: zwölf Aufgaben, von König Eurystheus bestimmt, von den Göttern zugelassen, von der Welt bezeugt.
Der Orakelspruch von Delphi hatte es so gefügt. Herakles, von einem dunklen Wahnsinn heimgesucht, den Hera in ihre Hände gesandt hatte, erwachte eines Morgens in tiefem Schmerz über das, was geschehen war, und wandte sich an das Heiligtum der pythischen Priesterin. Diene dem König Eurystheus von Tiryns für den Zeitraum von zwölf Jahren, sprach die Pythia, und vollbringe, was er dir aufträgt. Am Ende dieses Weges wartet die Unsterblichkeit. So war es gesprochen, so war es festgelegt in den Fäden des Schicksals. Herakles neigte den Kopf und trat den Weg nach Tiryns an, und der Morgenwind trug den Duft blühender Thymiansträucher über die Hänge des Peloponnes.
Eurystheus war ein kleiner König mit einem großen Misstrauen, und er empfing den gewaltigen Herakles nicht mit Wärme. Schon beim ersten Anblick des Halbgottes wich er zurück und sann auf Aufgaben, die kein Mensch erfüllen konnte. Die erste dieser Aufgaben führte Herakles nach Nemea, in das Tal südlich von Korinth, wo ein Löwe hauste, der die Herden vernichtet und die Bauern in ihre Häuser getrieben hatte. Dieser Löwe war kein gewöhnliches Tier: Sein Fell widerstand jedem Eisen, jeder Bronze, jedem Pfeil, der je auf ihn abgeschossen worden war. Die Männer von Nemea schüttelten die Köpfe, als Herakles durch ihr Dorf schritt, Bogen und Keule auf der Schulter.
Herakles suchte den Löwen zuerst mit dem Bogen. Er spähte von einer Anhöhe in das Tal hinunter, und als das gewaltige Tier aus seinem Felsenlager trat, sandte er einen Pfeil. Dann noch einen. Die Pfeile prallten ab, als träfen sie auf Stein. Herakles hielt inne und beobachtete, wie der Löwe sich nicht einmal umdrehte. Dann warf er den Bogen beiseite, legte die Hand um seine Keule aus Olivenholz und stieg in das Tal hinunter.
Er trieb den Löwen zurück in seine Höhle, die zwei Ausgänge hatte, und verstopfte den einen mit Felsbrocken. Dann trat er durch den anderen ein und rang in der Dunkelheit mit dem Tier, bis es ruhig war. Als Herakles wieder ans Licht trat, trug er das Fell des Löwen über der Schulter, und niemand in Nemea musste von diesem Tag an mehr Angst haben.
Eurystheus, dem ein Bote die Nachricht überbrachte, glaubte es zunächst nicht. Als Herakles aber selbst vor seinen Toren erschien, das Löwenfell um die Schultern geworfen wie einen Mantel, soll der König vor Schrecken in ein großes Vorratsgefäß aus Bronze gesprungen sein, das fortan sein bevorzugter Aufenthaltsort blieb, wenn Herakles nahte. Von da an ließ Eurystheus seine Botschaften durch einen Herold überbringen, einen gewissen Kopreus, und empfing Herakles niemals mehr von Angesicht zu Angesicht. Das nemeische Löwenfell aber blieb an Herakles, und die Welt erkannte ihn daran, wohin er auch zog.
Die zweite Aufgabe führte ihn in die Sümpfe von Lerna, dort wo das Wasser träge zwischen schilfbestandenen Ufern stand und ein schwerer Geruch über dem Land lag. In den Tiefen dieser Sümpfe lebte die Hydra: ein schlangenleibiges Wesen mit vielen Köpfen, deren Atem allein schon genügte, um Felder zu verdorren und Brunnen zu vergiften. Die Bewohner der Gegend mieden das Ufer, seit Menschengedenken. Herakles machte sich auf den Weg, und sein Neffe Iolaos fuhr mit ihm auf einem Wagen.
Als Herakles die Hydra aus ihrem Nest im Schilf trieb und ihr mit der Keule begegnete, zeigte sich sogleich die eigentliche Schwierigkeit: Jedes Mal, wenn er einen Kopf abschlug, wuchsen zwei neue nach. Er schlug und schlug, und das Wesen wurde mit jedem Schlag mächtiger. Da rief er nach Iolaos, und sein Neffe, der verstand, was zu tun war, entzündete eine Fackel und hielt die brennende Flamme an jeden Stumpf, bevor ein neuer Kopf entstehen konnte. So arbeiteten die beiden gemeinsam: Herakles schlug, Iolaos folgte mit dem Feuer, und nach und nach verstummte das Rauschen des vielköpfigen Wesens.
Nur den letzten, unsterblichen Kopf konnte Herakles nicht endgültig zerstören; er begrub ihn tief unter einem schweren Felsblock am Wegesrand, wo er ruhen sollte bis ans Ende aller Zeiten. Die Pfeile, die Herakles danach in das Blut der Hydra tauchte, wurden zu Waffen, die kein Lebewesen überstand, ein zweischneidiges Erbe, das ihn noch lange begleiten sollte. Eurystheus war unzufrieden. Er erklärte, diese Aufgabe zähle nicht, weil Iolaos geholfen habe.
Herakles schwieg dazu und wartete auf das nächste Wort des Herolds. Es kam bald: Die dritte Aufgabe führte ihn diesmal nicht in den Kampf, sondern in die Stille der Berge. Eurystheus begehrte die Hirschkuh der Artemis, jenes schlanke, unberührbare Tier mit den goldenen Hörnern und den ehernen Hufen, das der Göttin der Jagd heilig war und niemandem gehörte als ihr. Es lebte frei in den Wäldern des Nordens, und wer es berührte ohne Erlaubnis der Göttin, durfte Artemis’ Zorn fürchten.
Herakles jagte die Hirschkuh ein volles Jahr lang. Durch Wälder und über Bergkämme, durch den Winter hindurch, als der Schnee auf den Höhen lag, und in den Frühling hinein, wenn die ersten Krokusse zwischen den Felsen blühten. Er jagte sie über das Flussland im Norden, bis hinauf in das Land der Hyperboreer, wo das Licht anders ist und die Wälder tiefer schweigen als irgendwo sonst auf der Welt.
Er rannte nicht, er hetzte nicht, er folgte einfach, geduldig wie ein langer Schatten, Tag um Tag, bis die Hirschkuh schließlich ermüdete. Als er sie schließlich, sanft wie möglich, am Ufer des Flusses Ladon stellte und mit einem Netz fing, ohne ihr zu schaden, erschienen plötzlich Artemis und ihr Bruder Apollon vor ihm, entstanden wie aus dem Licht des Waldes selbst.
Wie wagst du es, mein Tier zu nehmen, Sohn des Zeus?, sprach Artemis, und ihre Stimme klang wie eine Sehne, die gespannt wird. Herakles erklärte ruhig, was ihn geführt hatte: der Befehl, das Orakel, das Schicksal, das er nicht selbst gewählt hatte. Artemis hörte zu, und ihr Blick wurde nachdenklicher. Sie ließ ihn die Hirschkuh nach Tiryns bringen, mit der Bedingung, dass er sie danach wieder freilasse. So geschah es: Herakles trug das Tier lebendig zu Eurystheus, zeigte es ihm, und ließ es dann laufen in die Wälder zurück, aus denen es gekommen war. Es heißt, die Hirschkuh habe auf ihrem Weg durch die Berge nicht einmal zurückgeblickt.
Die vierte Aufgabe war von anderer Art als die dritte, lauter und rauer. Auf dem Berg Erymanthos im arkadischen Hochland hauste ein gewaltiger Eber, der die umliegenden Felder verwüstete und dessen Stoßzähne breite Schneisen in die Wälder gruben. Herakles zog durch die Schneefelder des Winters hinauf in die Berge, denn der Winter war seine Verbündete: Im tiefen Schnee verlor ein schweres Tier an Geschwindigkeit. Er trieb den Eber mit Rufen und Lärm durch die Hänge, tiefer und tiefer in die Schneeverwehungen, bis das Tier so eingesunken war, dass es sich kaum noch bewegen konnte. Dann warf er seine Netze und brachte den Eber lebendig gefangen.
Auf dem Weg nach Erymanthos hatte Herakles Rast gemacht beim Kentauren Pholos, einem weisen und gastfreundlichen Wesen, das ihm Wein und Speise bot. Als das Aroma des Weines sich über die Bergwinde verbreitete, kamen andere Kentauren herbei, rauh und unbeherrscht, und es entstand ein Tumult auf den Hängen des Berges. Herakles hielt stand, und die Kentauren zogen sich zurück in andere Wälder. Pholos beobachtete nachdenklich, was geschehen war, und Chiron, der weiseste aller Kentauren und einst Herakles’ Lehrer, saß weit entfernt sicher in seiner Höhle. Diese Begegnung gehörte zu den stillen Begleitgeschichten am Rande der großen Aufgaben, ein Zeichen, dass kein Weg des Herakles ohne seine eigene, ungeplante Geschichte verlief.
Als Herakles den gefangenen Eber schließlich auf den Schultern nach Tiryns trug und ihn dem erschrockenen Eurystheus präsentierte, blieb der König wieder in seinem Bronzegefäß und rief dem Herold zu, man solle die Aufgabe als erfüllt vermerken. Vier von zwölf. Der Löwe, die Hydra, die Hirschkuh, der Eber, vier Wesen, vier Landstriche des großen Hellas, vier Beweise, dass Stärke allein nicht immer das Entscheidende war, sondern auch Geduld, Klugheit, und die Bereitschaft, einen langen, stillen Weg zu gehen. Herakles trat aus der Stadt Tiryns wieder hinaus in die Abendluft, das Löwenfell auf den Schultern, den Blick nach Süden und Westen gerichtet, wo weitere Aufgaben auf ihn warteten.
Die Olivenhaine des Peloponnes standen ruhig in der sinkenden Sonne, ihre silbrigen Blätter kaum bewegt vom leichten Wind. Über den Berggipfeln sammelten sich zarte Wolken, rosig und fern, wie Zuschauer, die von weitem beobachten, was die Welt von einem einzigen Menschen verlangen kann. Acht Aufgaben lagen noch vor ihm: Ställe und Vögel, Stiere und wilde Rosse, und Dinge jenseits davon, die noch kein Bote ihm geschildert hatte. Aber dieser Abend gehörte der Stille, und Herakles setzte sich auf einen Stein am Wegrand und ruhte, während die Sterne einer nach dem anderen über dem weinroten Meer erschienen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.