Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen

Die zehn Lampen in der Nacht

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, wo die Olivenbäume silbern schimmerten und die Nächte tief und sternenreich waren, erzählte ein weiser Mann seinen Zuhörern eine Geschichte. Er saß inmitten einer Gruppe von Menschen, die sich an einem stillen Abend um ihn versammelt hatten, und seine Stimme war ruhig und getragen, wie das Murmeln eines fernen Brunnens. Und alle, die zuhörten, spürten, dass seine Worte mehr trugen als das, was man auf den ersten Blick hören konnte, so wie ein Öllämpchen in der Nacht mehr trägt als nur sein kleines Licht.

Er begann so: Es war einmal ein Hochzeitsfest, wie man es sich festlicher nicht vorstellen konnte. Irgendwo in der Hügellandschaft des Landes, dort wo die Weinberge in langen Reihen die sanften Hänge hinaufkletterten und die Abendluft nach Blüten und trockenem Stein roch, bereitete sich eine Familie auf die schönste Nacht des Jahres vor. Der Bräutigam würde kommen, mit Musik und Freude und Gelächter, und seine Braut würde ihn empfangen, und das Fest würde die ganze Nacht hindurch leuchten.

Zehn junge Frauen hatten sich aufgemacht, den Bräutigam zu empfangen. Sie trugen Lampen in den Händen, kleine Tongefäße mit Dochten, die in Öl schwammen, und ihr Licht war warm und golden in der Abenddämmerung. Die eine Hälfte von ihnen, fünf an der Zahl, hatten vorausbedacht und kleine Krüge mitgenommen, gefüllt mit Öl für die langen Stunden der Nacht. Die andere Hälfte hatte nur das mitgebracht, was ihre Lampen von Anfang an enthielten, nicht mehr und nicht weniger, ohne weiteren Gedanken an das, was noch kommen mochte.

Sie warteten am Rand des Weges, dort wo die Feigenbäume ihren breiten Schatten warfen und die Grillen ihr unermüdliches Lied sangen. Die Sonne versank hinter den Hügeln, und die ersten Sterne zeigten sich am Himmel, einer nach dem anderen, wie Lichter, die jemand in der Höhe entzündet. Die Lampen brannten hell, und die zehn Frauen sprachen miteinander, lachten, erzählten sich Geschichten, und warteten voll Freude auf das Kommen des Bräutigams.

Doch die Stunden vergingen, und der Bräutigam kam nicht. Die Nacht wurde tiefer, und der Mond zog seinen Bogen über den Himmel. Und wie es bei langem Warten immer geschieht, sanken die Augen der Wartenden zu, erst ein wenig, dann mehr und mehr, bis alle zehn Frauen am Wegrand schlummerten, ihre Lampen still neben sich, und die Nacht über sie hinwegschwieg wie ein ruhiges Meer.

Dann, in der tiefsten Stunde der Nacht, als die Dunkelheit am schwersten war und kein Wind sich rührte, hallte ein Ruf durch die Stille. Es war eine Stimme, laut und klar wie eine Glocke: Seht, der Bräutigam naht, geht ihm entgegen! Die zehn Frauen fuhren auf aus dem Schlummer, rieben sich die Augen, und griffen nach ihren Lampen. Und schon brannten die ersten wieder hell, schon schüttelten die Frauen den Schlaf von sich und machten sich bereit.

Doch da bemerkten die fünf, die kein Öl mitgebracht hatten, dass ihre Lampen zu verlöschen drohten. Die Dochte zitterten und zuckten, und das schwache Licht drohte zu erlöschen wie ein müder Atemzug. Sie wandten sich an ihre Gefährtinnen und baten sie: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen gehen aus. Doch die anderen schüttelten traurig den Kopf und sprachen: Wir können nicht geben, was wir selbst brauchen, denn das Öl reicht gerade für uns. Aber geht und kauft euch welches, solange es noch möglich ist.

So eilten die fünf in die Nacht davon, auf der Suche nach dem, was sie hätten bereit halten sollen. Und während sie noch auf den Wegen des Dorfes suchten und klopften, da kam der Bräutigam. Er kam mit Licht und Musik, sein Gefolge trug Fackeln, die tanzten und flackerten, und sein Lachen hallte warm durch die Dunkelheit. Die fünf klugen Frauen, die ihre Lampen brennend bereit gehalten hatten, traten ihm entgegen, und ihr Licht vermischte sich mit seinem Licht, und gemeinsam zogen sie in das Haus des Festes ein.

Die Türen schlossen sich hinter ihnen, und drinnen begann das große Hochzeitsmahl. Man hörte Gesang und das Klingen von Krügen, und Lachen stieg auf in die warme Nacht. Die fünf anderen Frauen kehrten zurück, ihre neu gefüllten Lampen nun brennend, und sie klopften an die Tür und riefen: Herr, Herr, öffne uns! Doch die Stimme von drinnen antwortete ihnen, ruhig und unwiderruflich: Ich kenne euch nicht.

Der weise Mann schwieg eine Weile, nachdem er diese Worte gesprochen hatte. Der Abend lag still um die Zuhörenden herum, und irgendwo in der Ferne blökte ein Schaf auf seiner Weide, dann wurde es wieder ruhig. Was er mit dieser Geschichte sagen wollte, war nicht schwer zu ahnen: dass es Dinge gibt im Leben, für die man sich bereit halten muss, lange bevor der Augenblick kommt. Nicht aus Angst, nicht aus Zwang, sondern weil das Bereitstehen selbst eine Art Liebe ist, eine Art Aufmerksamkeit, die man dem Leben entgegenbringt.

Das Öl in den Lampen, was war es wohl? Manche dachten, es war die stille Sorgfalt des Herzens, die man nicht teilen kann wie Brot, die jeder in sich selbst tragen muss. Andere dachten an Geduld, an jene tiefe, unerschütterliche Bereitschaft, die nicht erlischt, auch wenn die Nacht lange dauert. Und wieder andere dachten einfach an das Licht selbst, an das kleine, zuverlässige Licht einer Lampe, die jemand in Liebe bereit gehalten hat für einen Moment, der wichtig ist.

Der Sternenhimmel über dem Land war in jener Nacht besonders klar. Die großen Sterne standen tief und leuchtend, und wer aufblickte, konnte meinen, dass das Himmelszelt selbst aus lauter kleinen Flammen gemacht sei, aus unzähligen Lichtern, die jemand entzündet und bereit gehalten hatte seit dem Beginn der Welt. Der weise Mann lächelte, als er das sagte, und seine Zuhörer saßen still und trugen seine Worte in sich hinein wie einen warmen Stein, den man in der Nacht in den Händen hält. Und so erzählt man diese Geschichte noch heute, überall dort, wo Menschen sich versammeln und auf etwas warten, das größer ist als sie selbst.

Sie erzählen von zehn Lampen in der Nacht, von Öl und Dunkelheit, von Türen, die sich öffnen, und von dem stillen Glanz der Bereitschaft. Es ist eine Geschichte, die man gut im Herzen tragen kann, wenn die Nacht lang wird und das Warten schwer, denn sie sagt: Halte dein Licht bereit. Der Augenblick wird kommen. Und nun, da auch diese Geschichte zu Ende gegangen ist, liegt das Land ruhig da unter dem großen Sternenhimmel, die Olivenbäume schimmern silbern im Nachtwind, und irgendwo auf einem fernen Hügel brennt noch eine kleine Lampe in der Dunkelheit, warm und still und beständig.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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