Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Veirmøllen · 4 Minuten zu lesen

Die Windmühle

Auf dem Hügel stand eine Windmühle, stolz anzusehen, und sie fühlte sich auch so — aber nicht hochmütig, das hätte sie weit von sich gewiesen. Ich bin durchaus nicht stolz, pflegte sie zu sagen, aber ich bin sehr aufgeklärt, außen und innen. Und das stimmte: Außen hatte sie ihre vier Flügel, die der Wind drehte, und innen hatte sie ihr Mahlwerk in der Brust und dazu ihre Gedanken.

Ihr stärkster Gedanke nämlich, das war der Müller. Der wohnte in ihr mit seiner Frau und den Kindern, und die Mühle nannte die ganze Familie ihre Gedankenwelt: den Müller ihren Willensgedanken, die Müllerin ihr Gefühl, und die Kinder die kleinen Einfälle, die einem durch den Kopf springen. Wenn abends drinnen Licht brannte und die Familie um den Tisch saß, dann fühlte die Mühle sich durchdacht und wohl, und wenn der Müller nach dem Wetter sah und an den Flügeln etwas nachstellte, sagte sie: So ist es recht, man muss sich mit seinen Gedanken besprechen. Die Sterne sahen ihr zu, der Wind kam und ging, und die Mühle drehte sich und mahlte und wurde dabei langsam alt, wie alles, was ordentlich arbeitet.

Mit den Vögeln stand die Mühle in einem freundlich-belehrenden Verhältnis. Die Schwalben, die unter ihrem Dach wohnten, ließ sie gelten, denn sie zahlten mit Gesang, und dem Storch auf dem Nachbarhof nickte sie zu, von Flügel zu Flügel gewissermaßen, wobei sie fand, dass ihre vier gegen seine zwei doch ein deutliches Wort sprachen. Nur wenn ein junger Wind zu übermütig an ihr riss, wurde sie ernst und knarrte ihm etwas vor über Maß und Ordnung, und der Wind zog dann meistens ein wenig beschämt weiter, um es hinter dem Hügel gleich wieder zu vergessen. So erzieht man Winde: gar nicht. Aber das Knarren tat der Mühle gut.

An windstillen Tagen, wenn die Flügel ruhten, wurde die Mühle gern ein wenig philosophisch. Stillstand, erklärte sie dann dem Hof, sei kein Müßiggang, sondern Sammlung; sie stehe nicht herum, sie erwarte Wind. Und wirklich: Kaum kam die erste Bö über den Hügel, war alle Philosophie vergessen, und sie drehte los mit einer Freude, die man einem so aufgeklärten Bauwerk gar nicht zugetraut hätte. Arbeit, die einem fehlt, ist eben auch eine Art Wind.

Eines Tages, in ihrem hohen Alter, geschah dann, was Mühlen geschehen kann: Ein Feuer kam, und die alte Mühle brannte nieder, bis auf den Grund. Die Familie kam heil davon, und das war der Mühle, hätte man sie fragen können, gewiss das Wichtigste gewesen, denn was ist eine Mühle ohne ihre Gedanken. Und nun das Merkwürdige, das sie selbst immer geahnt hatte: Sie hatte oft gesagt, sie werde einmal erneuert werden, schöner als zuvor — und so kam es. Die Familie baute eine neue Mühle auf denselben Hügel, stattlicher als die alte, mit denselben vier Flügeln gegen denselben Himmel, und der Müller zog wieder ein mit Frau und Kindern, und abends brannte wieder Licht.

Ist es nun die alte Mühle oder eine neue? Die Leute im Dorf stritten sich eine Weile darüber, so wie man sich über solche Fragen gern streitet, weil man dabei so schön nichts tun kann. Die Mühle selbst hätte gesagt: Nehmt nicht alles so wörtlich. Die Balken sind neu, aber die Gedanken sind dieselben, und auf die kommt es an — der Wille, das Gefühl und die kleinen Einfälle, die einem durch den Kopf springen. Solange die wieder einziehen, ist jede Mühle die alte. Und so dreht sie sich bis heute oben auf ihrem Hügel, sehr aufgeklärt, außen und innen, und mahlt dem Dorf sein Mehl. Nachts, wenn der Wind schlafen geht, stehen die Flügel still wie ein großes ruhendes Kreuz vor den Sternen, und dann träumt sie — wovon wohl? Vermutlich von sich selbst. Das tun die Aufgeklärten am allerliebsten.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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