Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen

Die Weisen aus dem Morgenland

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, war ein Kind geboren worden, still und unscheinbar, in einem kleinen Ort am Rande der Welt. Die Hirten hatten es in jener Nacht gesehen und waren wieder zu ihren Herden zurückgekehrt, die Herzen erfüllt von etwas, das sie kaum in Worte fassen konnten. Doch die Geschichte, die in Bethlehem begann, reichte weit über jene Hügel und Felder hinaus. Weit im Osten, jenseits der großen Wüste und der langen Karawanenstraßen, lebten Männer, die den Himmel lasen wie andere Menschen ein Buch lesen.

Es waren Weise, Deuter der Sterne, Männer des langen Schweigens und der tiefen Geduld. Sie hatten ihr Leben damit verbracht, die Bahn der Lichter am Himmel zu beobachten, und sie wussten, dass nichts dort oben zufällig geschah. Nächte um Nächte hatten sie auf flachen Dächern gestanden, die Augen auf das dunkle Gewölbe gerichtet, während die Welt um sie her schlief. Ihre Bücher waren alt und ihre Gedanken noch älter, und manchmal glaubten sie, dass der Himmel eine Sprache sprach, die nur jene verstehen konnten, die gelernt hatten zu warten.

Und dann, in einer Nacht wie keine andere, erschien es: ein Licht. Nicht der gewöhnliche Schimmer eines Planeten, nicht das stille Ziehen eines Sternes in seiner alten Bahn, sondern etwas Neues, etwas Unbekanntes, das aufging wie eine Frage und leuchtete wie eine Antwort. Die Weisen sahen es und schwiegen erst. Sie sahen es wieder in der zweiten Nacht, und in der dritten. Dann begannen sie miteinander zu sprechen, leise und bedächtig, wie Männer es tun, denen das Staunen schon lange zur zweiten Natur geworden ist.

Sie lasen in ihren alten Schriften und fanden dort Worte, die von einem König sprachen, der kommen sollte, einem König nicht wie die Könige dieser Welt, die mit Schwertern und Heeren herrschten, sondern einem, dessen Herrschaft eine andere Tiefe hätte. Und je länger sie lasen und je länger sie den Stern betrachteten, desto klarer wurde ihnen: Sie mussten aufbrechen. Nicht morgen. Jetzt.

So bereiteten sie sich vor mit jener stillen Sorgfalt, die Reise in ferne Länder erfordert. Sie wählten Geschenke aus, kostbar und bedächtig gewählt, wie es sich für einen König geziemte. Dann zogen sie los, kleine Gestalten unter dem weiten Himmel, mit Kamelen und Dienern und dem Stern vor sich, der zog wie ein Wegweiser über das dunkle Gewölbe. Die Wüste empfing sie mit ihrer großen Stille, und die Nächte waren kalt und voller Sterne, und der eine Stern leuchtete stärker als alle anderen.

Viele Tage und viele Nächte zogen sie so dahin. Das Licht des Tages war heiß und weiß, und der Staub der Straßen legte sich auf ihre Kleider und in ihre Augen. Doch wenn die Nacht hereinbrach und die Dunkelheit sich über die Erde legte wie ein Tuch, dann war der Stern wieder da, klar und sicher, und die Weisen folgten ihm ohne Zögern. Man sagt, dass Reisende, die einem Licht folgen, das größer ist als sie selbst, niemals wirklich verloren gehen.

Als sie schließlich das Land Juda erreichten, zogen sie nach Jerusalem, denn wo sonst sollte ein König zu finden sein als in der größten Stadt des Landes? Sie fragten in den Straßen und in den Häusern, freundlich und ohne Anmaßung, und ihre Frage war einfach: Wo ist das Kind, das als König geboren wurde? Wir haben seinen Stern gesehen im Osten und sind gekommen, um ihm zu huldigen.

Doch in Jerusalem herrschte kein Jubel und keine Freude. König Herodes, der dort auf seinem Thron saß, war ein alter Mann, misstrauisch und von langen Jahren der Herrschaft müde geworden. Als er von den Fremden und ihrer Frage hörte, wurde es still in ihm, jene gefährliche Stille, die manchmal in Menschen entsteht, wenn sie Angst vor etwas haben, das größer ist als sie. Er ließ die Weisen zu sich rufen und sprach mit ihnen, und seine Stimme war glatt und höflich, aber in seinen Augen lag etwas Unruhiges.

Er befragte auch seine Schriftgelehrten, und die sagten ihm, was in den alten Büchern geschrieben stand: dass in Bethlehem, dem kleinen Ort im Hügelland Judas, ein Hirte und König kommen sollte, der ein Hirt seines Volkes sein würde. Herodes schickte die Weisen dorthin, und seine Worte waren freundlich, aber sein Auftrag war ein anderer als der, den er aussprach. Er bat sie, zurückzukommen und ihm zu berichten, wo das Kind zu finden sei, damit auch er, wie er sagte, kommen und huldigen könne.

Die Weisen zogen von Jerusalem fort, und der Stern, der eine Weile verschwunden schien in dem Gewirr der großen Stadt, stand wieder am Himmel. Er leuchtete vor ihnen, klarer und näher als je zuvor, und die Weisen sahen es und wurden froh mit einer Freude, die man nicht erzwingen und nicht erkaufen kann. So folgten sie dem Licht durch das Hügelland, auf kleinen Straßen und Pfaden, bis der Stern stillstand, und unter ihm lag das Haus, das sie gesucht hatten.

Sie traten ein, die Weisen aus dem Osten, mit all ihrer Gelehrtheit und all ihrem langen Schweigen, und sahen das Kind und seine Mutter. Und alle Weisheit, die sie in langen Jahren angesammelt hatten, alle Bücher und alle Sternenkarten, all das verblasste in jenem Augenblick vor dem stillen Anblick dieses Kindes, das sie mit ruhigen Augen betrachtete. Sie knieten nieder, diese Männer des hohen Wissens und der weiten Reisen, und es war keine Schwäche in diesem Niederknien — es war die tiefste Art von Stärke, die ein Mensch kennen kann.

Dann öffneten sie ihre Behälter und legten ihre Gaben vor das Kind. Gold, das den Königen gehört. Weihrauch, der aufsteigt wie ein stiller Gedanke. Und Myrrhe, herb und kostbar, die von langen, schweren Wegen erzählt. Jede Gabe war bedächtig gewählt, und jede sprach von etwas, das die Weisen auf ihrer Reise verstanden hatten, nicht mit dem Verstand allein, sondern mit dem ganzen Herzen.

In jener Nacht, als sie zur Ruhe kamen, schenkten ihnen ihre Träume eine Botschaft: Sie sollten nicht zurückkehren zu Herodes. Und so wählten sie am nächsten Morgen einen anderen Weg, einen anderen Pfad durch das stille Land, und zogen heim, jeder auf seinem eigenen Weg, zurück in den Osten, in ihre Städte und ihre Dächer und ihre Sternenkarten. Doch sie kamen verwandelt zurück, wie alle Menschen verwandelt zurückkehren, die etwas gesehen haben, das wahrer ist als alles, was sie je zu wissen glaubten.

Und der Stern über Bethlehem leuchtete noch lange in jener Nacht, als die Weisen schon gegangen waren und das Kind schlief und die Welt ringsum still war unter dem großen, dunklen Himmel. So war es in jenen fernen Tagen, und so wird es erzählt, von Generation zu Generation, von Mund zu Mund, eine Geschichte von einem Licht, dem man folgen kann, und von Männern, die weit gereist sind, um es zu finden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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