Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Die Wanderung nach Emmaus

Es war der erste Tag nach dem großen Sabbat, und die Welt lag noch unter dem Gewicht einer Stille, die schwerer war als alle anderen Stillen. Der Morgen hatte sich geöffnet wie ein Auge, das sich langsam besinnt, und Gerüchte hatten sich seit den frühen Stunden wie Nebel durch die Gassen Jerusalems gezogen, leise Worte, die niemand ganz verstand, und doch niemand vergessen konnte. Zwei Jünger machten sich auf den Weg, fort aus der Stadt, die ihnen in diesen Tagen so fremd geworden war. Ihr Ziel war ein kleines Dorf namens Emmaus, nicht weit entfernt, und doch weit genug, um für eine Weile zu gehen und dabei vielleicht den Gedanken ein wenig Luft zu machen.

Der eine von ihnen hieß Kleopas, und mit ihm ging sein Begleiter, und sie gingen nebeneinander auf dem staubigen Pfad, der sich zwischen Olivenhainen und kargen Hügeln dahinschlängelte. Die Luft roch nach dem trockenen Stein der Landschaft und nach dem frühen Frühling, der zart und zögerlich in die Äste fuhr. Aber sie sahen die Schönheit kaum. Ihre Herzen waren schwer von dem, was geschehen war, von den Dingen der letzten Tage, die sie nicht fassen konnten, die wie ein Knoten saßen, den keine Hand lösen mochte. Und so redeten sie miteinander, leise und eindringlich, wie Menschen reden, die etwas zu begreifen suchen, das sich dem Begreifen entzieht.

Und während sie so gingen und sprachen, da geschah es, dass ein Fremder sich ihnen näherte und neben ihnen herging. Er kam nicht eilig und nicht von weit her sichtbar — er war einfach plötzlich da, ein Wanderer wie sie, auf demselben Weg. Seine Schritte passten sich ihren an, ruhig und selbstverständlich, als gehörte er von jeher dazu. Die beiden Jünger blickten auf, und doch erkannten sie ihn nicht. Ihre Augen sahen einen Mann, einen einfachen Reisenden, und nichts weiter. Und der Fremde fragte sie mit einer Stimme, die warm war und unaufdringlich: Was sind das für Dinge, über die ihr so miteinander redet, während ihr geht?

Da blieben sie stehen. Kleopas schaute den Fremden an, und in seinem Blick lag etwas zwischen Staunen und einem leisen Schmerz. Bist du der Einzige in Jerusalem, sprach er, der nicht weiß, was sich in diesen Tagen dort zugetragen hat? Der Fremde antwortete ruhig: Was denn? Und da öffneten sich die beiden, wie Menschen sich öffnen, wenn sie lange geschwiegen haben und endlich jemanden finden, dem sie es sagen können. Sie erzählten von einem Mann aus Nazaret, einem Mann, der mit Worten und Taten das ganze Volk bewegt hatte, der Kraft ausstrahlte wie Licht aus einer Lampe in dunkler Nacht.

Sie sprachen davon, wie die Hohenpriester und Obersten ihn hatten ausliefern lassen, wie er gerichtet worden war und gestorben, und wie mit diesem Tod alle Hoffnung begraben schien. Wir aber hatten gehofft, sagte Kleopas, und diese Worte hingen in der Luft wie ein Atemzug, der nicht zu Ende gedacht ist. Hatten gehofft. Diese zwei Worte trugen das ganze Gewicht dieser Tage. Und dann sprachen sie auch von dem Morgen, von den Frauen, die früh zum Grab gegangen waren und zurückgekehrt waren mit einer Geschichte, die zu groß war, um sie zu glauben, das Grab sei leer, und Lichtgestalten hätten gesprochen, er lebe.

Der Fremde hörte zu, bis sie fertig gesprochen hatten. Dann antwortete er, und seine Stimme trug nun einen anderen Klang, nicht tadelnd, aber fest, wie eine Hand, die sanft eine Tür öffnet. Ihr Schwerherzigen, sprach er, wie schwer fällt es euch, all dem zu trauen, was von alters her überliefert worden ist. Und dann begann er zu sprechen, ruhig und weitausholend, und er erzählte ihnen von den alten Geschichten, von den Propheten, von allem, was in diesen Überlieferungen von einem solchen Weg gesprochen worden war, dass Dunkel und Herrlichkeit keine Gegensätze sind, sondern manchmal ein und derselbe Weg.

Und die beiden hörten zu. Sie gingen und hörten zu, und ohne dass sie es hätten benennen können, geschah etwas in ihnen. Die Last wurde nicht leichter, und doch fühlte sie sich anders an, wie etwas, das man trägt und das einen gleichzeitig trägt. Die Hügel zogen vorbei, die Olivenbäume, die staubigen Steine des Weges, und der Fremde sprach, und seine Worte waren wie Wasser, das langsam in ausgetrocknete Erde einzieht. Das Dorf Emmaus tauchte vor ihnen auf, die Häuser klein und weiß im Nachmittagslicht, und die Schatten wurden länger.

Da schickte sich der Fremde an weiterzugehen, als ginge sein Weg noch weiter. Aber Kleopas und sein Begleiter hielten inne. Etwas in ihnen wollte ihn nicht ziehen lassen, nicht jetzt, nicht so. Und so baten sie ihn, und es war eine herzliche Bitte, keine förmliche: Bleib bei uns, denn es wird Abend, und der Tag hat sich geneigt. Der Fremde ließ sich bitten und blieb, und sie gingen zusammen in das Haus.

Sie saßen zusammen am Tisch, und das Licht der Abendsonne fiel schräg durch die schmale Öffnung in der Wand. Brot lag auf dem Tisch, einfaches Brot, wie es das immer gibt, an jedem Tisch, in jedem Haus. Und der Fremde nahm das Brot in die Hände, und er dankte, und er brach es, und er reichte es ihnen, und in diesem Augenblick, in dieser einen ruhigen Geste, öffneten sich ihre Augen. Sie erkannten ihn. Sie sahen, wen sie die ganze Zeit neben sich gehabt hatten, auf dem staubigen Weg, durch all die Worte und die Stunden.

Und da war er nicht mehr da. So schnell und lautlos, wie er gekommen war, war er ihren Augen entschwunden, und nur das gebrochene Brot lag noch auf dem Tisch. Die beiden saßen einen Atemzug lang in der Stille. Dann sprach einer zum anderen, und seine Stimme war voller Staunen und voller einer Wärme, die neu war und doch so vertraut: Brannte nicht unser Herz in uns, während er mit uns redete auf dem Weg und uns die alten Worte aufschloss?

Und obwohl die Stunde spät war und die Nacht schon ihre dunklen Tücher über die Hügel breitete, standen die beiden auf. Sie konnten nicht stillsitzen. Sie gingen zurück, den Weg, den sie gekommen waren, zurück nach Jerusalem, wo die anderen versammelt waren, und sie erzählten alles, von dem Fremden, von dem Weg, von dem Brot. Und die Stille, die am Morgen so schwer gewogen hatte, hatte sich verwandelt in etwas anderes: in eine Stille, die trägt.

Die Nacht senkte sich über das Land, über die Olivenhaine und die Hügel, über die weißen Häuser und die schlafenden Herden. Irgendwo auf einem Weg zwischen zwei Dörfern lagen noch die Spuren zweier Sandalen im Staub, und der Wind bewegte leise das Gras am Wegrand. Was in jenen Stunden zwischen Abschied und Erkennen geschehen war, ließ sich nicht in Worte fassen und brauchte keine Worte. Es war einfach geschehen, ruhig und wahr, wie das Licht, das jeden Morgen wiederkommt, ohne zu fragen, ob man daran glaubt. Und so endet die Geschichte dieser zwei Wanderer auf dem Weg nach Emmaus, mit gebrochenem Brot, mit offenen Augen und mit Herzen, die nach langer Kälte wieder zu leuchten begannen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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