Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 9 Minuten zu lesen
Die verzauberte Stadt aus Messing
In den Zeiten des Kalifen Abd al-Malik, als die Karawanen noch durch Länder zogen, die heute keiner mehr kennt, und als die Wüste noch Geheimnisse barg, die tiefer reichten als jeder Brunnen, begab es sich, dass ein alter Fischer dem Kalifen von etwas erzählte, das er mit eigenen Augen gesehen hatte. Er hatte ein Gefäß aus Messing aus dem Meer gezogen, verschlossen mit einem Siegel aus Blei, so alt, dass das Metall selbst zu schlafen schien, und als er es öffnete, war eine Rauchwolke entwichen, die sich zu einem Dschinn geformt hatte, riesig und erschrocken, als hätte er selbst nicht gewusst, wie lange er bereits gefangen war.
Der Kalif hörte diese Geschichte und dachte lange nach, und in seinen Gedanken formte sich eine Frage, die ihn nicht losließ: Wenn solche Gefäße im Meer treiben, woher kommen sie dann, und wer hat sie erschaffen? Der Kalif rief seinen weisesten Wesir, einen Mann namens Musa, dessen Bart weiß war wie der erste Schnee und dessen Augen die Ruhe eines Mannes trugen, der viele Dinge gesehen und noch mehr vergessen hatte. Wisse, o Musa, sprach der Kalif, ich möchte, dass du reist. Ich möchte, dass du die Quelle dieser Gefäße findest, jene Stadt, von der die alten Schriften munkeln, die Stadt aus Messing, die irgendwo im Herzen der großen Wüste liegt, verlassen und verzaubert, wartend seit Jahrtausenden.
Musa verneigte sich tief, und in seinen Augen war kein Zögern, denn er war ein Mann, der wusste, dass manche Reisen nicht aus Wahl unternommen werden, sondern aus Bestimmung. Die Karawane, die Musa zusammenstellte, war groß und gut gerüstet, Kamele beladen mit Wasservorräten und Zeltbahnen, Männer mit Erfahrung in der Wüste, ein Gelehrter, der die alten Karten lesen konnte, und ein Führer, ein alter Beduine mit einem Gesicht wie getrocknetes Leder und einem Gedächtnis, das weiter reichte als jede Karte. Sie zogen aus der Stadt hinaus, als der Morgen noch grau war und die Minarette ihre ersten Schatten warfen, und hinter ihnen schloss sich das Stadttor mit einem dumpfen Laut, der wie ein Abschied klang.
Viele Wochen zogen sie durch die Wüste. Die Tage waren heiß und lautlos, die Nächte kalt und weit, und die Sterne standen so nah, dass manche der Männer glaubten, sie könnten sie berühren, wenn sie die Hand ausstreckten. Der Gelehrte las in seinen Karten, der Beduine las in den Sternen und im Sand, und Musa las in beiden, in den Karten und in den Männern, in ihrer Erschöpfung und ihrer Hoffnung, die er sorgfältig hütete wie ein Feuer in der Nacht. An manchen Tagen fanden sie Oasen, grün und üppig wie Träume, mit Palmen, die ihr Laub im Wind bewegten, und Wasser so klar, dass man den Grund sehen konnte.
An anderen Tagen fanden sie nichts als Sand und Himmel und die eigenen Gedanken. Dann, an einem Abend, als die Sonne das Land in rotes Gold tauchte, sah der Beduine etwas am Horizont, einen Glanz, der nicht von der Sonne kam, zu fest, zu gleichmäßig, zu beständig. Er hielt sein Kamel an und schwieg eine lange Weile, und dann sagte er nur: Dort. Mehr brauchte er nicht zu sagen. Die Männer schauten und sahen es auch, ein Leuchten wie von tausend Spiegeln, ein kaltes, ruhiges Schimmern, das aus dem Herzen der Wüste aufstieg wie ein Atem.
Musa spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog, nicht aus Angst, sondern aus jener seltsamen Ehrfurcht, die man empfindet, wenn man merkt, dass man am Rand von etwas steht, das größer ist als man selbst. Am nächsten Morgen, als sie näher kamen, sahen sie die Stadt. Sie ragte aus dem Sand wie eine Erinnerung, Mauern aus purem Messing, so hoch, dass die Zinnen im Morgendunst verschwanden, Türme, die das Licht nicht reflektierten, sondern zu trinken schienen, Tore so gewaltig, dass eine ganze Karawane hätte hindurchziehen können, ohne die Seiten zu berühren.
Kein Laut kam aus ihr. Kein Rauch, kein Ruf, kein Vogelschrei. Nur das leise Klingen des Windes, der über das Messing strich und dabei einen Ton erzeugte wie eine Saite, die jemand einmal angeschlagen hatte und die noch immer nachklang. Musa ließ die Karawane halten und ritt allein vor, so weit, dass er die Tore sehen konnte, geschlossen, versiegelt mit Schlössern, die aus demselben Messing waren wie die Mauern.
Auf den Toren waren Inschriften, in einer Schrift, die der Gelehrte lange betrachtete, bis er begann, leise zu lesen, Verse über Vergänglichkeit und Stolz, über Könige, die geglaubt hatten, ihre Macht würde ewig währen, und über die Zeit, die alles nimmt, gleichmäßig und ohne Hast. Die Inschriften sprachen von einem Volk, das hier gelebt hatte, reich und weise und mächtig, und das dennoch vergangen war, wie alle Völker vergehen, wie alle Dinge vergehen, wie der Wind vergeht, der gerade über das Messing streicht.
Sie fanden einen Weg hinein, nicht durch die großen Tore, sondern durch eine kleine Pforte, versteckt in einer Mauerecke, so niedrig, dass man sich bücken musste. Was sie drinnen sahen, ließ die Männer schweigen, nicht aus Schrecken, sondern aus einer Stille, die von der Stadt selbst ausging, als hätte sie all die Jahrhunderte gewartet, um endlich wieder Augen zu haben, die sie sahen.
Straßen aus Messing, breit und gerade, gesäumt von Häusern, deren Türen noch angelehnt waren, als hätten die Bewohner sie gerade eben verlassen. Brunnen, trocken seit Jahrhunderten, aber noch immer mit ihren Ketten und Eimern, die im Wind leise schaukelten. Märkte mit leeren Ständen, auf denen noch die steinernen Gewichte lagen, als würden sie auf Ware warten, die nie mehr kommen würde. Und auf dem zentralen Platz der Stadt, auf einem Thron aus ebenselbem Messing, saß eine Gestalt. Musa trat näher und sah: Es war kein Mensch, aber es sah aus wie einer, ein Reiter aus Metall, gefertigt mit solcher Kunstfertigkeit, dass man unwillkürlich auf seinen Brustkorb schaute, ob er atme.
In seiner ausgestreckten Hand hielt er eine Tafel, und auf der Tafel stand, in der Schrift, die der Gelehrte inzwischen lesen konnte: Ich bin Tadmur, Hüter dieser Stadt. Wer hierher kommt und lesen kann, der lese. Wer hierher kommt und denken kann, der denke. Und wer hierher kommt in Hochmut, der kehre um, denn diese Stadt hat den Hochmut schon begraben, und sie wird ihn wieder begraben, so oft er kommt. Musa stand lange vor der Tafel und las die Worte noch einmal, und dann noch einmal.
Er dachte an den Kalifen, der ihn ausgesandt hatte, an die Gefäße mit den Dschinn, an die alten Karten, an die Wochen in der Wüste, an die Männer seiner Karawane, die nun still hinter ihm standen. Er dachte daran, was man aus einer verlassenen Stadt mitnehmen kann, Gold, Gegenstände, Schätze, und was man mitnehmen sollte: die Stille davon, das Gewicht der Inschriften, die Erinnerung an Augen, die eine Stadt sahen, die nicht mehr gesehen werden wollte, und die trotzdem noch war.
Sie sammelten Gefäße, jene versiegelten Messinggefäße, von denen der Kalif gehört hatte, stapelweise aufgereiht in einem kühlen Gewölbe unter der Stadt, sorgfältig und unberührt. Musa ließ sie vorsichtig einladen, ließ jeden Mann in der Karawane eine Inschrift abschreiben, so dass die Worte der toten Stadt mit ihnen reisen würden, lebendig in Tinte auf Pergament. Und dann verließen sie die Stadt, durch dieselbe kleine Pforte, durch die sie gekommen waren, und als der letzte Mann hindurchtrat, schien die Pforte hinter ihnen leiser zu werden, als ob die Stadt einatmete und sich beruhigte.
Die Rückreise war lang, aber ruhig. Die Männer sprachen wenig, und wenn sie sprachen, dann leise, als ob sie immer noch in der Stadt wären, als ob die Stille, die sie dort gefunden hatten, sich in ihnen festgesetzt hätte wie Sand in den Falten eines Gewandes. Musa ritt an der Spitze der Karawane und betrachtete manchmal die Messinggefäße, die auf den Kamelen schaukelten, ruhig und versiegelt. Er wusste, was darin war, und er wusste, was nicht darin war. Das Wichtigste ließ sich nicht einladen und nicht transportieren. Es wartete in der Wüste, in einer Stadt ohne Lärm, und es wartete geduldig, denn es hatte gelernt zu warten.
Als Musa dem Kalifen berichtete, von den Mauern aus Messing, von den Inschriften, von dem metallenen Reiter auf seinem Thron, von der Stille, die tiefer war als jede Stille, die er je gekannt hatte, da schwieg der Kalif lange. Er hatte viele Berichte gehört in seinem Leben, von Schlachten und Entdeckungen, von Schätzen und Katastrophen. Aber dieser Bericht ließ ihn anders schweigen, nicht nachdenklich, nicht unruhig, sondern still, wie ein Mensch still wird, wenn er etwas gehört hat, das er nicht erklären kann und nicht erklären muss.
Die Gefäße wurden sorgfältig verwahrt, die Inschriften wurden in der Bibliothek des Palastes aufbewahrt, und die Geschichte der Stadt aus Messing wurde in die großen Bücher eingetragen, die in jenen Zeiten geführt wurden. Und manchmal, wenn in Bagdad eine Nacht besonders still war und der Mond besonders voll über den goldenen Kuppeln stand, dann sagte man, man könne das leise Klingen hören, den Ton einer Saite, die jemand einmal angeschlagen hatte, irgendwo in der Wüste, irgendwo in einer Stadt aus Messing, die noch immer wartete und noch immer war. Und wer gut zuhörte, der hörte in diesem Klang nicht Trauer, sondern Frieden, die tiefe, vollständige Stille der Dinge, die ihren Platz gefunden haben und ihn nie mehr verlassen werden.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.