Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen

Die Verkündigung an Maria

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub und alter Olivenbäume, lebte in einem kleinen Dorf im Norden ein junges Mädchen namens Maria. Nazaret war ihr Zuhause, ein bescheidener Ort auf einem Hügel, umgeben von Feldern und Weinbergen, von den Rufen der Vögel am frühen Morgen und dem Duft des Brotes, das in den Häusern gebacken wurde. Maria war einfach und still, wie das Wasser in einem tiefen Brunnen still ist, ruhig an der Oberfläche und doch voller Tiefe darunter. Sie war verlobt mit einem Mann namens Josef, einem Zimmermann, dessen Hände das Holz kannten wie ein Hirte seine Schafe kennt.

Es war an einem gewöhnlichen Tag, einem Tag wie viele andere, als das Außerordentliche geschah. Vielleicht war die Luft warm und still, vielleicht fiel das Licht schräg durch das kleine Fenster ihres Hauses. Maria war allein, versunken in die Stille des Morgens, als sie plötzlich spürte, dass sie nicht mehr allein war. Eine Gegenwart füllte den Raum, hell und groß und ganz anders als alles, was sie je gekannt hatte. Und sie sah vor sich eine Gestalt, leuchtend und aufrecht wie eine Flamme, die nicht brennt, sondern wärmt.

Es war ein Bote aus jener Welt, die jenseits des Sichtbaren liegt, ein Bote, den die alten Geschichten einen Engel nennen. Und er sah Maria an mit einem Blick, der voll Güte war und voll einer Freude, die größer schien als alle irdische Freude. Sei gegrüßt, sprach er zu ihr, und seine Stimme war wie ein ruhiger Fluss, der über Steine gleitet. Du bist hochbegnadet, und es ist eine Gegenwart bei dir, größer als du weißt.

Maria erschrak. Nicht vor Angst allein, sondern vor der Wucht des Augenblicks, vor der Größe dessen, was sie plötzlich spürte. Sie versuchte zu begreifen, was diese Worte bedeuteten, was dieser Gruß bedeutete, der so anders war als alle Grüße, die sie je gehört hatte. Ihr Herz schlug schnell, und sie war sehr still, wie ein junges Tier, das zum ersten Mal den Morgen erschaut.

Der Bote sah, dass sie erschrocken war, und er sprach mit sanfter Stimme: Fürchte dich nicht, Maria. Du hast Gnade gefunden, die über alle Maße geht. Er sprach weiter, ruhig und klar wie das Licht des frühen Morgens, und sagte ihr, dass sie ein Kind empfangen und gebären werde, einen Sohn, und dass sie ihm den Namen Jesus geben solle. Er sprach von diesem Kind in Worten, die alt klangen und groß, Worte, die wie Sterne funkelten, wie Verheißungen aus einer Zeit, die noch nicht begonnen hatte.

Maria hörte zu, und ihr Inneres war sehr still geworden, trotz allem. Sie verstand nicht alles, wie sollte sie. Und doch war da in ihr etwas, das lauschte und erkannte, mit einem Teil von ihr, der tiefer war als der Verstand. Sie fragte leise, wie das sein könne, denn sie lebte noch nicht mit ihrem Verlobten zusammen, wie es die Sitte verlangte. Ihre Frage war keine Zweifelsfrage, sie war eine Staunensfrage, die Frage eines Menschen, der staunen will und nicht aufhören kann zu staunen.

Der Bote antwortete ihr, und seine Worte waren wie Atem und Licht zugleich. Er sprach von einer Kraft, die über allen Kräften steht, die wie ein Schatten der Fürsorge über sie kommen werde. Er nannte ihr auch ein Zeichen: ihre Verwandte Elisabeth, alt und kinderlos seit vielen, vielen Jahren, trage nun selbst ein Kind unter ihrem Herzen, schon im sechsten Monat. Denn nichts ist unmöglich, sprach er, und diese Worte klangen wie eine Wahrheit, die seit Anbeginn der Welt wahr gewesen war.

Maria war ganz still. Die Stille dauerte einen langen Atemzug lang, und in dieser Stille geschah etwas, das sich nicht beschreiben lässt, etwas, das tiefer war als Worte. Dann öffnete sie den Mund, und was sie sprach, war einfach und war groß zugleich, wie alles Wahre einfach und groß ist. Ich bin bereit, sagte sie, mit einer Stimme, die ruhig war wie ein See in der Morgenstille. Es geschehe mit mir, wie du gesagt hast.

Und da war der Bote fort, so wie er gekommen war, nicht mit Lärm und Erschütterung, sondern wie das Erlöschen einer Flamme, wie das Ende eines Atemzugs. Maria stand allein in ihrem kleinen Haus, und die Luft war dieselbe wie zuvor, und das Licht fiel noch immer durch das Fenster, und draußen sangen die Vögel. Und doch war alles anders. Etwas hatte sich in der Welt verändert, leise und gewaltig zugleich, wie wenn ein großer Stein ins Wasser fällt und die Ringe sich weit und weit ausbreiten.

In den Tagen, die folgten, brach Maria auf den langen Weg in die Berge zu ihrer Verwandten Elisabeth, die sie nun sehen wollte mit ihren eigenen Augen. Und sie trug etwas in sich, das größer war als sie selbst, und sie trug es in Stille und in Würde, wie die Nacht die Sterne trägt, ohne Aufhebens, ohne Lärm, in einer Ruhe, die tiefer ist als Schlaf. Die Olivenbäume standen still am Wegesrand, und der Staub der Straße war warm unter ihren Füßen, und über ihr wölbte sich der Himmel, weit und blau und unendlich, wie immer und überall, und wie noch nie zuvor.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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