Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 7 Minuten zu lesen

Die Traumhändlerin

In jener Nacht, als der Mond sein silbernes Licht über die weißen Dächer von Bagdad goß und die Jasminblüten ihren Duft in die warme Luft entließen, da lebte in einer engen Gasse nahe dem Großen Basar eine Frau, die die Menschen nur die Traumhändlerin nannten. Ihr richtiger Name war Layla, und sie bewohnte ein kleines Haus, dessen Wände mit blauen Kacheln bedeckt waren und dessen Schwelle stets mit getrocknetem Lavendel bestreut war, damit, so sagte man, die bösen Geister des Abends nicht eintreten konnten. Niemand wusste genau, woher sie kam, ob aus den Wüstenstädten des Südens oder aus den Bergen des fernen Ostens, doch jeder wusste, was sie tat: Sie verkaufte Träume.

Ihre Waren lagen nicht auf einem Tisch ausgebreitet wie Seide oder Gewürze. Sie trug sie in kleinen Fläschchen aus geblasenem Glas, Fläschchen von der Farbe des Abendhimmels, des tiefen Meeres, des ersten Morgenrots. In jedem Fläschchen schimmerte etwas Unsichtbares, ein Hauch, ein Geheimnis, ein Versprechen. Wer eines erwarb und es beim Einschlafen öffnete, der würde träumen, und die Träume der Traumhändlerin, so hieß es, waren von besonderer Art: klar wie Quellwasser, sanft wie der Wind über der Wüste, und am Morgen erinnerte man sich an jedes einzelne Bild, als hätte man es selbst erlebt. Die Menschen kamen zu ihr mit Kummer und Sehnsucht.

Ein Kaufmann, der seinen verstorbenen Vater noch einmal sehen wollte. Eine junge Frau, die von einem fernen Land geträumt hatte, das ihr keine Ruhe ließ. Ein alter Gelehrter, der im Wachen keine Antworten fand und hoffte, der Schlaf würde ihm geben, was die Bücher versagten. Layla hörte einen jeden an, langsam, ohne Hast, und dann griff sie in ihr Regal und wählte ein Fläschchen, nie das erste, das sie berührte, immer eines, das sie eine Weile in der Hand hielt, das Gesicht des Besuchers dabei betrachtend, als läse sie darin wie in einem aufgeschlagenen Buch. So verging Jahr um Jahr, und Laylas Ruf wuchs wie ein Baum, der tief wurzelt.

Doch in jenem Herbst, als die ersten kühlen Winde vom Fluss heraufzogen und die Palmblätter raschelten wie geflüsterte Gebete, geschah etwas, das selbst Layla nicht hatte kommen sehen. Ein Bote erschien an ihrer Tür, ein junger Mann in den Gewändern des Palastes, mit einem versiegelten Brief, dessen Siegel das goldene Zeichen des Kalifen trug. Der Kalif selbst hatte von der Traumhändlerin gehört, und der Kalif selbst wünschte sie zu sprechen.

Die Gassen des Palastviertels waren still, als Layla am nächsten Morgen durch sie schritt, ihr Körbchen mit den Fläschchen über dem Arm. Die Wachen verbeugten sich, was sie überraschte, der Kalif hatte offenbar Anweisung gegeben, sie mit Würde zu empfangen. Durch Hof um Hof schritt sie, vorbei an Springbrunnen, deren Wasser in der frühen Sonne glitzerte, vorbei an Gärten voller Rosengebüsche und Granatapfelbäume, bis sie in einen Saal geführt wurde, dessen Boden aus weißem und schwarzem Marmor gefügt war und dessen Decke von hundert vergoldeten Säulen getragen wurde.

Der Kalif saß auf seinem Thron, doch er saß nicht so, wie Layla sich einen Kalifen vorgestellt hatte, aufrecht und mächtig. Er saß vorgebeugt, die Hände ineinandergelegt, und sein Gesicht trug die Erschöpfung eines Mannes, den der Schlaf seit langer Zeit gemieden hatte. Du bist die Traumhändlerin, sagte er, und seine Stimme klang rau, als käme sie aus weiter Ferne. Man sagt, du kannst Menschen den Schlaf zurückgeben. Ich befehle dir nichts, ich bitte dich. Denn ich habe seit drei Monaten keinen einzigen Traum gehabt, und ohne Träume, so scheint es mir, verliert das Leben seinen Grund. Layla trat näher und betrachtete den Kalifen, so wie sie alle ihre Besucher betrachtete, ruhig, aufmerksam, ohne Scheu.

O mein Herr, sprach sie, Träume kann ich nicht erzwingen, so wenig wie man den Wind zwingen kann, in eine bestimmte Richtung zu wehen. Doch ich kann dir etwas geben, das den Weg bereitet. Sie öffnete ihr Körbchen und suchte lange, länger als gewöhnlich. Ihre Finger glitten über Glas um Glas, bis sie zuletzt ein Fläschchen heraushob, das so dunkel war wie die Nacht kurz vor dem Morgengrauen, mit einem Schimmer darin, der an das Licht ferner Sterne erinnerte.

Dieses Fläschchen, sagte sie, enthält keinen fertigen Traum. Es enthält etwas anderes: das Vergessen. Der Kalif runzelte die Stirn. Layla fuhr fort, ruhig wie immer: Wisse, o Weiser, wer nicht schlafen kann, trägt meist etwas in sich, das er nicht loslassen kann. Eine Sorge, eine Schuld, ein Wort, das er hätte sagen sollen und nicht sagte. Das Fläschchen nimmt nichts fort für immer. Es legt es nur beiseite, für eine Nacht. Nur für eine Nacht. Und in dieser Nacht, wenn die Last ruht, kehren die Träume zurück von selbst. Der Kalif betrachtete das Fläschchen lange. Sein Wesir, der in den Schatten hinter dem Thron stand, räusperte sich leise, doch der Kalif winkte ab.

Und was ist es, fragte er schließlich, leiser als zuvor, das du für diese Dienste verlangst? Layla schüttelte den Kopf. Nichts, o mein Herr. Wenn du schläfst und träumst, ist das Lohn genug. Wenn nicht, so behalt das Fläschchen als Erinnerung daran, dass manche Dinge sich nicht kaufen lassen. In jener Nacht, so erzählte der Bote später den Wachleuten, und die Wachleute erzählten es den Händlern, und die Händler erzählten es einander über dampfenden Teegläsern im Basar, in jener Nacht öffnete der Kalif das Fläschchen.

Er roch nur einen Hauch von etwas, das er nicht benennen konnte: vielleicht Regen auf heißem Stein, vielleicht den Geruch alten Holzes in einem Haus der Kindheit. Dann legte er sich zurück auf seine Kissen, und noch ehe der Mond seinen höchsten Stand erreicht hatte, schlief er. Und er träumte. Er träumte von einem Garten, den er als Kind gekannt hatte, bevor er Kalif geworden war, bevor die Last der Herrschaft auf seine Schultern gelegt worden war.

In diesem Garten stand ein Brunnen aus rotem Sandstein, und das Wasser darin war so klar, dass man den Grund sehen konnte, Münzen, die frühere Kinder hineingeworfen hatten, jede ein Wunsch, jede ein Versprechen an die Zukunft. Er kniete nieder und sah sein Spiegelbild, und das Spiegelbild lächelte ihn an, ruhig und ohne Angst. Am Morgen sandte er erneut nach Layla.

Doch als der Bote in die blaue Kachelgasse kam, fand er das Haus geschlossen und die Schwelle frisch mit Lavendel bestreut, als wäre sie gegangen, noch in der Nacht, lautlos wie ein Traum selbst. Die Nachbarn sagten, sie hätten sie nicht weggehen sehen, doch am Morgen sei das Haus leer gewesen, die Regale ohne Fläschchen, die Lampe erloschen. Nur auf dem Fensterbrett, so sagte die alte Näherin, die ihr gegenüber wohnte, hatte jemand ein einziges kleines Fläschchen zurückgelassen, leer, das Glas durchsichtig wie Wasser, ohne jeden Schimmer. Als wäre der letzte Traum darin verbraucht worden. Oder als wäre er verschenkt worden, an jemanden, der ihn nötiger brauchte.

Und in den Jahren danach, wenn die Nächte lang wurden und die Menschen von Bagdad nicht schlafen konnten, dachten sie manchmal an Layla, die Traumhändlerin, und fragten sich, ob sie vielleicht noch irgendwo sei, in einer anderen Gasse, einer anderen Stadt, ein Körbchen über dem Arm und Fläschchen voller Dunkelheit und Sterne. Wer weiß, vielleicht ist sie noch heute unterwegs, in den Nächten, wenn der Mond tief steht und die Welt ganz still wird und der Schlaf von selbst kommt, leise, sanft, ungerufen, wie ein alter Freund, der weiß, wann er gebraucht wird. Die Wüste ist still. Der Palast schläft. Und irgendwo in der Ferne flüstert Scheherazade noch immer.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in 1001 Nacht · 54 Geschichten der Scheherazade. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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