Nach griechischer Überlieferung · 5 Minuten zu lesen
Die Titanen und die Geburt der Götter
In jenen alten Tagen, bevor der erste Mensch seine Augen öffnete, bevor das erste Schiff das Meer durchpflügte, herrschten die Titanen über die Welt. Sie waren gewaltig und alt, Söhne und Töchter des Uranos und der Gaia, und der mächtigste unter ihnen hieß Kronos. Mit der Sichel, die Gaia ihm gegeben hatte, und einem Willen hart wie Fels hatte er seinen Vater gestürzt und sich den Thron der Welt genommen. Er saß nun zwischen Himmel und Erde und ließ seinen Blick über alles schweifen, was existierte.
Doch mit der Macht kam auch die Angst. Gaia, die alte Erde, hatte Kronos gewarnt, und die Worte fraßen sich tief in ihn hinein: Eines Tages würde sein eigenes Kind ihn stürzen, so wie er den Vater gestürzt hatte. Seine Gemahlin Rhea gebar ihm ein Kind nach dem anderen, Hestia, Demeter, Hera, Hades, Poseidon, und jedes Mal wartete Kronos. Jedes Mal streckte er die Hand aus, und jedes Mal schluckte er das Kind hinunter in die ewige Dunkelheit seines Inneren. Die Welt stand still in diesen Momenten, und selbst der Wind schien den Atem anzuhalten.
So lebten die Kinder des Kronos in einem seltsamen Schlummer, weder tot noch wirklich lebendig, gefangen in der Tiefe des Titanen wie Sterne, die nie aufgehen durften. Rhea trug ihr Leid still, aber als das sechste Kind heranwuchs und die Stunde der Geburt naherückte, fasste sie einen Entschluss. Sie ging zu Gaia, der alten Erde, die aus urzeitlichem Schweigen heraus Rat gab, und gemeinsam schmiedeten sie einen Plan. Bringe das Kind auf die Insel Kreta, flüsterte Gaia, dort, wo die wilden Ziegen die Hänge des Ida-Gebirges bewohnen. Dort wird er sicher sein. Rhea befolgte den Rat. Als der kleine Zeus auf dem Ida-Gebirge zur Welt kam, wickelte sie ihn in warme Tücher und gab ihn in die Obhut der Nymphen.
Sie fütterten ihn mit der Milch der Ziege Amaltheia, und die Kureten, junge Krieger, tanzten laut um seine Wiege und schlugen ihre Schilde zusammen, damit Kronos das Weinen des Kindes nicht hören konnte. Inzwischen kehrte Rhea zu ihrem Gemahl zurück und reichte ihm einen Stein, sorgfältig in Tücher gewickelt. Kronos nahm ihn und schluckte ihn hinunter, ohne zu zögern. Die Jahre vergingen wie das Rauschen eines stillen Flusses, und Zeus wuchs heran auf Kreta, zwischen Felsen und Meerwind, gestärkt von der Erde und dem Licht der Sonne.
Er war kräftig und listenreich, und als die Zeit gekommen war, trat er vor seinen Vater, nicht als Bittender, sondern als Sohn, der seine Rechte kennt. Mit einem Trank, den die weise Metis bereitet hatte, zwang er Kronos, alles herauszugeben, was er verschluckt hatte. Zuerst kam der Stein wieder zum Vorschein, dann, einer nach dem anderen, die Geschwister des Zeus, Poseidon, Hades, Hera, Demeter, Hestia, benommen und verwandelt, aber lebendig.
Sie standen nun zusammen im weißen Licht der Welt und blickten einander an, und es war, als würden Sterne erwachen, die zu lange geschlafen hatten. Doch Kronos war nicht bereit, seine Herrschaft kampflos aufzugeben, und die anderen Titanen stellten sich hinter ihn. Was nun begann, erschütterte die Welt bis in ihre tiefsten Schichten. Der Krieg zwischen den Göttern und den Titanen dauerte zehn lange Jahre. Die Titanen hielten den gewaltigen Berg Othrys besetzt, und die jungen Götter sammelten sich auf dem Olymp, dessen Gipfel im ewigen Wolkenmeer verborgen lag. Blitze fuhren durch den Himmel, Felsen stürzten ins Meer, und die Wellen schlugen hoch über die Küsten.
Es war ein Ringen zweier Zeitalter, das alte, schwere Reich der Titanen gegen das junge, helle Geschlecht der Götter. Zeus wusste, dass er Verbündete brauchte, die mächtiger waren als alles, was die Titanen aufbieten konnten. Gaia wies ihn in die Tiefe: Dort, im Tartaros, dem tiefsten Schlund der Erde, saßen in ewiger Finsternis die Zyklopen und die Hundertarmigen, die der alte Uranos dorthin verbannt hatte. Zeus stieg hinab und brach ihre Fesseln. Wir werden an deiner Seite kämpfen, sprachen die Zyklopen, und als Dankbarkeit schmiedeten sie dem Zeus den Donnerkeil, jene züngelnde, leuchtende Waffe, die kein Titan aufhalten konnte.
Nun wandte sich das Geschehen. Die Hundertarmigen schleuderten Felsen in solcher Menge auf die Titanen, dass der Othrys erzitterte und die alten Herrscher zurückwichen. Zeus schleuderte den Donnerkeil, und sein Licht füllte den Himmel von Horizont zu Horizont. Die Titanen brachen unter dieser Gewalt, einer nach dem anderen, und Kronos fiel zuletzt, nicht mit Lärm, sondern mit einer großen Stille, die sich über die Welt legte wie der erste Tau des Morgens. Die besiegten Titanen wurden in den Tartaros geleitet, in jenes tiefe Dunkel, aus dem kein Weg zurückführt, und die Hundertarmigen hielten fortan Wache vor den ehernen Toren, treu und unermüdlich.
Die Welt aber war nun anders als zuvor, leichter und heller, als hätte sie einen langen, schweren Winter abgestreift. Vor den jungen Göttern lag alles offen: der Himmel, das weite Meer, die stille Tiefe, eine Welt, die auf ihre neue Ordnung wartete wie ein Garten auf den ersten Tag des Frühlings. Rhea sah die Kinder, die einst in ihr geschlummert hatten, nun in ihrer vollen Stärke beisammenstehen. Und irgendwo in der Tiefe der Erde lag der Stein, den Kronos für seinen Sohn gehalten hatte, und er liegt bis heute dort, ein stiller Zeuge jener Zeit, da die Welt einmal neu begann.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.