Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Die Taufe am Jordan
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, floss durch das Herz der Erde ein Fluss, der älter war als die Erinnerung der Menschen. Er hieß der Jordan, und er hatte viele Jahreszeiten gesehen, Dürre und Fülle, Stille und Sturm. Sein Wasser kam aus den Bergen im Norden, wo der Schnee schmilzt und die Quellen aus dem Stein brechen, und es floss südwärts, träge und ruhig, durch Schilfgras und Tamarisken, durch Senken, die im Morgenlicht golden glänzten. Die Menschen kannten diesen Fluss seit Generationen, und sie liebten ihn, wie man eine alte Geschichte liebt, die man immer wieder hören möchte.
In jenen Tagen lebte in der Wüste ein Mann, dessen Name Johannes war. Er hatte sich von den Städten ferngehalten und von dem Lärm der Märkte und der Meinungen der Menschen. Die Wüste hatte ihn geformt, ihre Stille, ihre Weite, das harte Licht und die tiefen Nächte, in denen die Sterne so nah schienen, dass man glaubte, sie berühren zu können. Er trug raues Gewand und lebte schlicht, und wer ihm begegnete, spürte, dass dieser Mann aus einer anderen Tiefe sprach als die meisten. Seine Worte waren nicht viele, aber sie hatten Gewicht, wie Steine, die man in stilles Wasser wirft und die noch lange Kreise ziehen.
Und die Menschen kamen zu ihm. Sie kamen aus den Dörfern und aus den Städten, aus der Ebene und aus den Hügeln. Manche kamen neugierig, manche kamen mit schweren Herzen, manche kamen, weil sie nicht wussten, was sie suchten, und hofften, es am Jordan zu finden. Johannes empfing sie alle am Ufer des Flusses, wo das Schilf im Wind rauschte und das Wasser kühl war und klar.
Er sprach zu ihnen von einem neuen Anfang, davon, dass man das Alte hinter sich lassen und gereinigt wieder aufstehen könne, wie der Morgen das Dunkel hinter sich lässt. Und jene, die kamen und ihr Herz öffneten, die stieg er mit ihnen in den Fluss, und das Wasser des Jordan strömte um sie beide, und sie tauchten unter, und als sie wieder auftauchten, lagen Tränen auf manchen Gesichtern und Staunen auf anderen.
Es war an einem solchen Tag, dass ein junger Mann aus dem Norden den Weg zum Jordan fand. Er war aus Galiläa gekommen, aus einem kleinen Ort, den die Welt kaum kannte, und er hatte viele Meilen zu Fuß zurückgelegt, durch staubige Wege und über Hügel, die im Mittagslicht flimmerten. Er hieß Jesus, und er kam ohne Aufsehen, so wie einer kommt, der weiß, wohin er geht, aber nicht eilt. Die anderen Menschen am Ufer sahen ihn, vielleicht beachteten sie ihn zunächst kaum, denn er war einer unter vielen, ein Mann in einfachem Gewand, mit dem Staub der Straße auf den Sandalen.
Als Johannes ihn jedoch erblickte, da hielt er inne. Es war, als ob in dem Lärm am Ufer plötzlich eine Stille entstünde, unsichtbar und doch spürbar, wie wenn der Wind aufhört und die Blätter sich nicht mehr bewegen. Johannes kannte diesen Mann nicht dem Namen nach, und doch erkannte er in ihm etwas, das er nicht in Worte fassen konnte, wie man manchmal ein Licht in der Ferne sieht und weiß, noch bevor man es benennen kann, dass es kein gewöhnliches Licht ist. Er sprach zu den Menschen um sich her, und seine Stimme hatte einen neuen Klang: Seht, dieser ist es, von dem ich gesprochen habe.
Nach mir kommt einer, der größer ist als ich, und ich bin nicht würdig, ihm die Sohlen seiner Schuhe zu lösen. Dann trat Jesus zu Johannes heran und bat ihn, ihn zu taufen. Johannes war einen Augenblick still. Er sagte leise, dass er es sei, der getauft werden müsste, und nicht umgekehrt, dass er sich nicht würdig fühle, diesen Dienst an jenem zu tun, der vor ihm stand. Aber Jesus antwortete ihm ruhig und freundlich, wie man einem guten Menschen antwortet, dem man vertraut: Lass es jetzt so sein. Es ist recht, dass wir alles erfüllen, was sein soll. Und Johannes neigte sein Haupt und stimmte zu, so wie man zustimmt, wenn man fühlt, dass etwas größer ist als man selbst.
Und sie stiegen gemeinsam hinab in den Jordan. Das Wasser war kühl und strömte leise um ihre Beine, und das Schilf am Ufer stand still in der Mittagsluft. Johannes legte seine Hand auf den Rücken des Mannes aus Galiläa, und das Wasser schloss sich über ihm, und für einen Atemzug war es still. Dann richtete Jesus sich wieder auf, und das Wasser lief von seinen Schultern, und er trat ans Ufer, und das Licht lag auf ihm so, wie Licht manchmal auf Dingen liegt, die man plötzlich mit neuen Augen sieht.
Und in jenem Moment, als er aus dem Wasser stieg, da öffnete sich der Himmel. Es war, als ob die Grenze zwischen oben und unten für einen einzigen Herzschlag durchlässig würde. Die Menschen am Ufer hielten inne. Manche sahen etwas, das sie später nicht beschreiben konnten, ein Leuchten, einen Schimmer, eine Sanftheit in der Luft, wie wenn eine Taube mit weichen Schwingen niederfährt und die Stille noch stiller macht. Und aus der Tiefe des Himmels kam eine Stimme, die nicht laut war und doch alle hörten, tief und warm wie das Rauschen eines fernen Meeres: Dies ist mein geliebter Sohn. An ihm habe ich Freude.
Niemand sprach. Der Fluss strömte weiter, ruhig und geduldig, so wie er immer geströmt hatte. Das Schilf raschelte ein wenig im Wind. Die Sonne stand hoch am Himmel, und das Wasser des Jordan glitzerte in ihrem Licht wie tausend kleine Spiegel. Die Menschen am Ufer standen noch eine Weile still, und jeder trug etwas von diesem Augenblick in sich, das er nicht benennen konnte, aber es war da, wie ein Ton, der verklungen ist und doch noch nachschwingt in der Brust.
Jesus stand am Ufer und schaute auf den Fluss. Das Wasser, das ihn eben noch umgeben hatte, floss weiter seinem langen Weg entgegen, südwärts, in die tiefste Senke der Erde. Bald würde er selbst seinen Weg gehen, durch Städte und Dörfer, über Hügel und durch Täler, zu Menschen, die ihn erwarteten, ohne es zu wissen. Aber in diesem Augenblick war er einfach hier, am Ufer des alten Flusses, im warmen Licht des Tages, und die Welt um ihn war still und weit und voller Möglichkeit. Johannes sah ihm nach. Und der Jordan floss, wie er immer geflossen war, ruhig und unaufhaltsam, und trug das Licht des Himmels auf seiner Oberfläche, weit, weit hinab ins Land.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.