Nach Arthur Conan Doyle · 6 Minuten zu lesen
Die tanzenden Männchen
Eines Tages kam ein stattlicher, gutmütiger Landedelmann zu uns in die Baker Street, Herr Hilton Cubitt aus Norfolk, Herr eines alten Gutshauses, das seine Familie seit Jahrhunderten bewohnte. Er war ein offener, ehrlicher Mann, doch tiefe Sorge lag auf seinem Gesicht, und in der Hand hielt er einen Zettel mit einer höchst sonderbaren Zeichnung. Herr Holmes, sagte er, ich verstehe nichts davon, aber es macht meine Frau zu Tode unglücklich, und ich muss wissen, was dahintersteckt.
Er erzählte seine Geschichte. Vor etwa einem Jahr habe er geheiratet, eine Amerikanerin namens Elsie, eine liebe, gute Frau. Vor der Hochzeit aber habe sie ihn um eines gebeten: Er solle sie niemals nach ihrer Vergangenheit fragen. Es habe dunkle Dinge in ihrem früheren Leben gegeben, sagte sie, die sie hinter sich lassen wolle. Er habe es ihr aus Liebe versprochen und das Versprechen treu gehalten. Eine Zeit lang seien sie sehr glücklich gewesen. Doch dann sei aus Amerika ein Brief gekommen, der seine Frau sichtlich erschreckt habe — sie habe ihn jedoch sogleich ins Feuer geworfen und kein Wort darüber verloren.
Und dann, fuhr Herr Cubitt fort, begannen die seltsamen Zeichen. Eines Morgens fand ich auf der Fensterbank, mit Kreide gemalt, eine Reihe kleiner Strichmännchen, Figuren, die aussahen, als tanzten sie. Ich hielt es für einen Kinderstreich und wischte sie fort. Doch als ich es meiner Frau erzählte, wurde sie kreidebleich. Seither, berichtete er, seien immer wieder solche tanzenden Männchen aufgetaucht: auf der Sonnenuhr im Garten, auf einem Stück Papier, auf der Tür des Geräteschuppens. Und jedes Mal verfalle seine Frau in tödliche Angst, weigere sich aber standhaft, ihm zu erklären, was die Figuren bedeuteten.
Herr Cubitt hatte alle Zeichnungen sorgfältig abgemalt und brachte sie nun mit. Sherlock Holmes betrachtete die Reihen tanzender Strichmännchen mit wachsender Spannung. Das, mein Herr, sagte er, ist keine Kinderei. Das ist eine Geheimschrift. Jedes dieser Männchen steht für einen Buchstaben, und die Figuren, die ein Fähnchen halten, zeigen das Ende eines Wortes an. Es ist eine sinnreiche Verschlüsselung — doch jede Geheimschrift lässt sich knacken, wenn man nur genug Beispiele hat.
Er bat Herrn Cubitt, jede weitere Botschaft, die auftauche, sogleich genau abzuzeichnen und ihm zu schicken, und versprach, sich der Sache eingehend anzunehmen. In den folgenden Tagen trafen weitere Reihen tanzender Männchen ein, und Holmes machte sich mit Eifer ans Werk. Wie ein Gelehrter über alten Inschriften saß er stundenlang über den Zeichnungen, zählte die Häufigkeit der Figuren, verglich, prüfte und tastete sich Buchstabe um Buchstabe voran.
Sehen Sie, Watson, erklärte er, in der englischen Sprache kommt ein bestimmter Buchstabe am häufigsten vor. Das häufigste Männchen muss also für diesen stehen. Von dort aus erschließt sich der Rest, ein Wort gibt das nächste frei. Allmählich enthüllten sich die Botschaften — und sie waren bedrohlich. Eine lautete: Ich bin hier, Abe Slaney. Eine andere rief Elsie bei ihrem Namen. Und die letzte, die eintraf, war eine offene Drohung.
Da erkannte Holmes, dass Gefahr im Verzug war. Wir müssen sofort nach Norfolk, rief er. Ich fürchte, wir haben schon zu lange gewartet. Doch so sehr wir uns auch beeilten — als wir das alte Gutshaus erreichten, war das Unglück bereits geschehen. In der Nacht hatte sich eine Tragödie ereignet: Der gute Herr Hilton Cubitt war einem Schuss zum Opfer gefallen, und seine Frau Elsie lag schwer verletzt darnieder. Die Polizei vor Ort glaubte zunächst das Schlimmste, dass die verzweifelte Frau ihren Mann und dann sich selbst verletzt habe. Doch Holmes glaubte das keinen Augenblick.
Mit seiner gewohnten Genauigkeit untersuchte er den Schauplatz. Und bald fand er den Beweis: An der Zahl der abgefeuerten Schüsse und an einer Spur am Fensterrahmen zeigte er, dass in jener Nacht noch ein Dritter zugegen gewesen war, jemand, der von draußen, durch das Fenster, in das Zimmer geschossen hatte. Elsie Cubitt trifft keine Schuld am Tod ihres Mannes, sagte Holmes bestimmt. Hier war ein Fremder am Werk, derselbe, der die tanzenden Männchen malte: Abe Slaney.
Nun zeigte sich Holmes’ ganze Meisterschaft. Statt den Mann mühsam zu suchen, beschloss er, ihn zu sich kommen zu lassen, mit seiner eigenen Geheimschrift. Holmes setzte selbst eine Reihe tanzender Männchen zusammen, eine kurze Botschaft in ebenjenem Code, die nur Slaney und Elsie verstehen konnten, und schickte sie an den Ort, wo Slaney sich, wie er herausgefunden hatte, einquartiert hatte. Die Botschaft lautete schlicht: Komm sofort hierher. Und tatsächlich: Im Glauben, der Ruf komme von Elsie, kam Abe Slaney arglos zum Gutshaus spaziert und ging Holmes geradewegs in die Falle. Er wurde gestellt, ohne dass weiteres Unheil geschah.
Slaney, ein hartgesottener Mann aus Amerika, gestand schließlich alles. Er und Elsie hätten einander aus alten Tagen in Chicago gekannt; sie stamme aus einem Milieu, dem sie habe entfliehen wollen, und er, ein gefährlicher Bursche von dort, habe sie nicht ziehen lassen wollen. Die tanzenden Männchen seien eine Geheimschrift gewesen, die man einst in ihren Kreisen verwendet habe; damit habe er sie aufzuspüren und zurückzurufen versucht. Als sie sich geweigert habe, sei er in jener Nacht ans Fenster gekommen; es sei zu einem Wortwechsel, dann zu Schüssen gekommen, in deren Verlauf der unglückliche Hilton Cubitt ums Leben kam.
Slaney beteuerte, der Hausherr habe zuerst geschossen — und auf dieser Grundlage wurde ihm später das härteste Urteil erspart, doch seiner Strafe entging er nicht. Elsie Cubitt überlebte ihre schwere Verletzung. Lange brauchte sie, um zu genesen, an Leib und an Seele. Danach aber widmete sie ihr Leben in Stille den Menschen ihrer Umgebung und der Verwaltung des Gutes, das ihr Mann ihr hinterlassen hatte.
Ein trauriger Fall, sagte Holmes auf der Heimfahrt. Und doch hat das Rätsel sich gefügt, der Schuldige ist gefasst, und die Unschuldige ist von allem Verdacht befreit. Es war eine hübsche kleine Geheimschrift, Watson, tanzende Männchen. Ich habe sie diesem meinem Sammelbuch der Chiffren einverleibt; man weiß nie, wann sie einem wieder begegnet. So endete der Fall von den tanzenden Männchen: ein Rätsel aus kleinen gemalten Figuren, gelöst mit Geduld und Scharfsinn. Nun ist es still geworden, das alte Gutshaus liegt weit hinter uns, und über den weiten Feldern Norfolks senkt sich friedlich der Abend.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.