Andreas’ Nacht

Nach einem japanischen Märchen · 6 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die Strohhüte für die steinernen Wächter

Am Fuß eines Berges, dort wo der Schnee im Winter höher liegt als anderswo, stand ein kleines Haus, und darin wohnten ein alter Mann und seine alte Frau. Sie waren so arm, wie man nur sein kann, ohne zu betteln. Es war der letzte Tag des Jahres. In der Kiste, in der sonst der Reis war, lag nichts mehr als ein wenig Staub, und für die Reiskuchen, die man am Neujahrsmorgen isst, hatten sie kein Korn und kein Geld, um welches zu kaufen.

Da sagte der Alte, er wolle Hüte flechten und sie in der Stadt verkaufen. Sie holten das Stroh vom Boden herunter, und er setzte sich damit ans Feuer. Die Frau reichte ihm die Halme zu, und er flocht den ganzen Vormittag. Es roch nach Stroh und nach Rauch, und die Finger der beiden wurden warm von der Arbeit. Am Mittag lagen fünf Hüte auf der Matte, fest geflochten und sauber am Rand, und schöner hätte sie niemand machen können, der sein Handwerk kannte.

Er band die Hüte auf den Rücken, band sich sein Kopftuch um und ging los. Der Weg in die Stadt war weit, und es fing schon wieder an zu schneien. In der Stadt war viel Volk unterwegs, weil alle für das neue Jahr einkauften. Es roch nach gebratenem Fisch und nach frischem Reis, und an den Ständen hingen Zweige und Bänder. Der Alte stellte sich an eine Ecke, hielt einen Hut hoch und rief, dass er gute Hüte habe, feste Hüte für den Winter.

Die Leute gingen an ihm vorbei. Der eine sah kurz her und ging weiter, der andere sah gar nicht her. Wer heute Geld ausgab, gab es für Reis aus und für Fisch, nicht für einen Hut. Der Nachmittag wurde grau, und dann wurde er dunkel. Einer nach dem anderen machte seinen Stand zu, die Lichter gingen an und gleich darauf wieder aus, und der Alte stand allein an seiner Ecke, mit fünf Hüten und ohne eine einzige Münze in der Hand.

Da band er die Hüte wieder auf den Rücken und ging heim. Draußen vor der Stadt hatte der Wind zugenommen. Der Schnee kam ihm von vorn ins Gesicht und blieb in den Augenbrauen hängen, und der Weg über die Felder war nicht mehr zu sehen, sondern nur zu ahnen an den Stangen, die man im Herbst gesetzt hatte. Er ging langsam, weil das Stroh auf seinem Rücken bei jedem Schritt schwerer wurde, und dachte an das Feuer zu Hause und daran, was er sagen würde, wenn er ohne Reis in die Tür trat.

An der Wegbiegung, wo der Pfad zum Berg abgeht, standen sechs steinerne Figuren in einer Reihe. Es waren die Jizo, die dort seit langem stehen und auf die achtgeben, die vorbeigehen. Der Schnee lag ihnen hoch auf den Schultern und auf den Köpfen, und über den Gesichtern war eine dünne Schicht Eis, so dass die Züge kaum noch zu erkennen waren. Der Alte blieb stehen. Es sah aus, als stünden sie schon sehr lange so und als warteten sie darauf, dass jemand kam.

Er stellte seine Last ab und wischte dem ersten mit dem Ärmel den Schnee von Kopf und Schultern. Dann dem zweiten, dann dem dritten. Seine Hände waren rot und taub, und er hauchte zwischendurch hinein. Als alle sechs sauber waren, nahm er die Hüte und setzte einen nach dem anderen auf und band die Bänder unter dem Stein zusammen, so ordentlich, wie er es bei einem Menschen getan hätte. Beim sechsten hielt er inne, denn es war kein Hut mehr da.

Da nahm er sein eigenes Kopftuch ab, faltete es und band es dem letzten um den Kopf, und er zog es gerade, damit es richtig saß. Es ist nicht viel, sagte er, aber es hält den Schnee ab. Verzeiht, dass es kein Hut ist. Dann verneigte er sich vor der ganzen Reihe, einmal tief und ohne Eile, und ging weiter, barhäuptig, und der Schnee fiel ihm nun in das dünne Haar und schmolz darin und lief ihm kalt in den Nacken hinunter. Er sah sich nicht mehr um.

Zu Hause machte die Alte ihm die Tür auf und sah sofort, dass er nichts brachte. Er erzählte, wie es gewesen war, und von den Steinen an der Biegung, und dass er sein Tuch dort gelassen habe. Das hast du gut gemacht, sagte sie. Sie goss ihm heißes Wasser ein, und sie aßen, was da war, und es war fast nichts. Dann legten sie sich hin. Draußen ging der Wind ums Haus, und drinnen sank das Feuer zusammen und wurde rot und dann grau.

Tief in der Nacht wachten sie beide auf, weil draußen jemand sang. Es kam von weit her über die Felder, mehrere Stimmen, tief und langsam, und in dem Gesang kam vor, dass ein alter Mann ihnen Hüte gegeben habe und wo denn das Haus dieses alten Mannes stehe. Die Stimmen kamen näher und näher, bis sie ganz dicht vor der Wand waren. Dann tat es einen schweren Schlag vor der Tür, dass das ganze Haus bebte, und danach war es still.

Am Morgen schoben sie die Tür auf, und sie ging nur eine Handbreit weit, dann stieß sie gegen etwas Schweres. Sie schoben zu zweit, bis der Spalt breit genug war, und sahen hinaus. Vor der Schwelle lag ein Haufen, so hoch, dass er ihnen den Blick auf den Hof verdeckte. Obenauf lag ein Bündel weißer Reiskuchen in frischem Stroh, und als der Alte das Tuch zurückschlug, waren sie noch weich unter den Fingern und rochen nach gestampftem Reis, so wie es sonst nur in den Häusern roch, in denen man am Vorabend gestampft hatte.

Darunter kamen die Säcke zum Vorschein. Der Alte klopfte gegen den ersten, und es klang voll und dumpf, und die Frau legte beide Hände darauf und ließ sie dort liegen, obwohl das Leinen kalt war vom Schnee. Daneben stand ein Korb mit Rüben und Kohl, hart gefroren und mit Reif an den Blättern, und dahinter lag der gesalzene Fisch, und zuletzt fand sich ein Beutel, der schwer in der Hand lag und leise klirrte, als der Alte ihn aufhob. Über dem Hof stand die Luft klar und ohne einen Zug, und die Sonne war noch nicht über den Berg gekommen.

Erst danach sahen sie den Weg. Vom Haus fort über das Feld führte eine breite Spur durch den Schnee, keine Fußstapfen darin, sondern eine glatte Bahn, wie sie etwas hinterlässt, das man am Boden hinter sich her zieht. Sie ging bis an den Fuß des Berges, und weit hinten, wo das weiße Feld in den Hang überging, stiegen sechs kleine dunkle Gestalten hintereinander hinauf, fünf mit Strohhüten auf dem Kopf und eine mit einem Tuch darum. Sie wurden kleiner und waren zuletzt nicht mehr von den Steinen zu unterscheiden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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