Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Storkene · 4 Minuten zu lesen

Die Störche

Auf dem letzten Haus eines kleinen Dorfes war ein Storchennest gebaut. Die Storchmutter saß darin bei ihren vier Jungen, die ihre kleinen Köpfe mit den schwarzen Schnäbeln über den Rand streckten, denn rot werden die Schnäbel erst später. Ein Stück entfernt stand der Storchvater auf dem Dachfirst, steif und still, das eine Bein unter sich gezogen, damit das Wachestehen wenigstens ein bisschen beschwerlich aussah. Man hätte meinen können, er sei aus Holz geschnitzt, so still stand er da. Vornehm sieht das aus, dachte er, dass meine Frau einen Wächter beim Nest hat. Dass er ihr Mann war, konnte ja niemand wissen.

Unten auf der Straße spielte eine Schar Kinder, und als sie die Störche sahen, sang einer der ältesten Jungen ein altes Spottlied auf die Störche, und die anderen fielen ein: Vom Hängen und Brennen sangen sie, wie es in dem Lied nun einmal heißt, und lachten dazu. Die jungen Störche im Nest erschraken sehr. Hörst du, was sie singen, flüsterten sie, wir sollen gehängt und gebrannt werden! Kümmert euch nicht darum, sagte die Storchmutter ruhig. Seht gar nicht hin, dann schadet es nichts.

Aber die Jungen sahen doch hin, und jedes Mal, wenn die Kinder sangen, duckten sie sich tiefer ins Nest. Nur ein kleiner Junge unten, er hieß Peter, sagte, es sei Unrecht, Tiere zu verspotten, und wollte nicht mitsingen. Die Storchmutter tröstete ihre Kinder: Denkt lieber daran, was kommt. Im Herbst fliegen wir alle in die warmen Länder, weit fort von hier, über Berge und Wälder, nach Ägypten, wo es dreieckige Steinhäuser gibt, die in einer Spitze bis über die Wolken ragen; sie heißen Pyramiden und sind älter, als ein Storch sich denken kann. Dort gibt es einen Fluss, der über die Ufer tritt und das ganze Land zu Schlamm macht. Man geht im Schlamm spazieren und isst Frösche, so viele man mag.

Oh, sagten die Jungen, und ihre Augen glänzten. Ja, sagte die Mutter, aber erst müsst ihr fliegen lernen. Und als der Sommer voll geworden war, begann der Unterricht. Erst mussten die Jungen auf dem Dachfirst balancieren, dann mit den Flügeln schlagen, und beim ersten Sprung fielen sie beinahe, denn die Flügel wussten noch nicht recht, wozu sie da waren. Ich will nicht fliegen lernen, sagte das eine Junge und kroch ins Nest zurück, ich will lieber hierbleiben. Willst du denn erfrieren, wenn der Winter kommt, fragte die Mutter — da kam es doch wieder heraus, und am dritten Tag flogen alle vier, leicht und sicher, einmal um den Kirchturm herum.

Von da an übten sie jeden Tag, und bald konnten sie über das ganze Dorf segeln, hoch über den Gärten, wo die Äpfel schwer wurden, und über dem Teich, in dem die Abendwolken lagen. Wenn unten die Kinder ihr Spottlied sangen, ärgerten sich die jungen Störche noch immer. Wollen wir uns nicht rächen, fragten sie. Die Mutter schwieg eine Weile. Dann sagte sie: Ich weiß etwas Besseres. Ihr wisst doch, dass wir Störche es sind, die den Familien die kleinen Kinder bringen; wir holen sie aus dem Teich, wo sie liegen und träumen. Nun merkt auf: Der Junge, der das Lied angefangen hat, der bekommt in diesem Jahr kein Geschwisterchen gebracht. Aber der kleine Peter, der gesagt hat, es sei Unrecht, Tiere zu verspotten — dem bringen wir eine kleine Schwester, das lieblichste Kind, das im Teich zu finden ist.

Und so geschah es. Die Störche flogen zum Teich, und für Peter suchten sie das Kind aus, das im Schlaf am schönsten lächelte. Dann kam der Herbst. Die Störche sammelten sich auf den Dächern und Wiesen, Hunderte aus dem ganzen Land, probten ihre Flügel und warteten auf den rechten Wind. An einem klaren Morgen erhoben sie sich alle zugleich, ordneten sich zu einem großen Zug und flogen davon, über die Wälder, die schon golden wurden, den warmen Ländern zu.

Und der schönste und stärkste der vier jungen Störche, so erzählten es sich die Störche später, wurde nach dem kleinen Jungen unten im Dorf genannt: Peter hieß er, und so heißen die Störche in den Geschichten noch heute. Unten im Dorf aber stand Peter am Zaun und sah dem Zug nach, bis er nur noch ein dünner Strich am Himmel war, und dann gar nichts mehr — nur der weite, stille Herbsthimmel über den Dächern.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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