Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 7 Minuten zu lesen
Die Sternenleserin von Bagdad
In jener Nacht, als der Mond wie eine silberne Schale über den Minaretten von Bagdad ruhte und die Öllampen in den Gassen ein warmes, flackerndes Licht auf die Mosaike der alten Mauern warfen, da begab es sich, dass ein Kalif namens Haroun al-Raschid nicht schlafen konnte. Er stand auf der Terrasse seines Palastes, das Gewand aus Seide und Mondlicht, und blickte hinauf in den Himmel, der sich über der Stadt wie ein dunkler Teppich voller Diamanten wölbte. Seit Wochen plagten ihn schwere Träume, und kein Wesir, kein Arzt, kein Gelehrter hatte ihm Linderung bringen können. In seiner Not wandte er sich an die Sterne, doch die Sterne schwiegen.
Da flüsterte ihm sein ältester Wesir, ein Mann namens Dschafar mit weißem Bart und klugen Augen, ins Ohr: O Beherrscher der Gläubigen, wisse, dass es in der Gasse der Kupferschmiede eine Frau gibt, die Zubayda heißt und die Sprache der Sterne liest wie andere Menschen die Buchstaben auf einem Pergament. Der Kalif schwieg lange. Dann nickte er, ein kaum merkliches Neigen des Hauptes, und ließ seinen Mantel bringen. In der Gasse der Kupferschmiede roch es nach Metallstaub und Jasmin, nach dem Rauch der erloschenen Kohlenfeuer und dem feuchten Duft der Bewässerungskanäle.
Die Häuser lehnten sich hier so eng aneinander, dass die Sterne nur als schmaler Streifen über den Köpfen der Wanderer sichtbar waren, ein Fluss aus Licht zwischen dunklen Wänden. Der Kalif und sein Wesir waren schlicht gekleidet, ihre Gesichter halb verborgen, und sie gingen leise, wie Männer, die wissen, dass manche Wahrheiten nur in der Stille zu finden sind. Vor einem niedrigen Haus, dessen Tür mit blauen Fliesen umrahmt war, blieben sie stehen. Eine Lampe brannte dahinter, und ihr Licht war nicht gelb wie das anderer Lampen, sondern seltsam silbrig,
als hätte jemand ein Stück Mondlicht eingefangen und in Öl aufgelöst. Dschafar klopfte dreimal. Stille. Dann zweimal. Dann einmal. Die Tür öffnete sich, lautlos wie in einem Traum. Zubayda war nicht alt und nicht jung. Sie hatte Augen wie dunkle Seen in einer mondlosen Nacht, und ihr Haar war mit Silberfäden durchzogen, die nicht von grauen Jahren stammten, sondern von etwas anderem, etwas, das man nicht benennen konnte, ohne sich selbst zu verändern. Ich habe euch erwartet, sagte sie ruhig, ohne Überraschung, ohne Ehrerbietung, aber auch ohne Unhöflichkeit. Sie sprach so, wie der Fluss fließt: weil es seine Natur ist.
Dann trat sie zurück und ließ die beiden Männer ein. Der Raum, den sie betraten, war klein und vollständig mit Karten bedeckt, Karten des Himmels, aufgerollt und aufgehängt, übereinandergelegt auf dem Boden, an die Wände geheftet mit kleinen Kupfernägeln. In der Mitte stand ein runder Tisch aus dunklem Holz, und auf ihm lagen Messinginstrumente, die der Kalif nicht kannte, sowie eine einzige brennende Kerze. Ihr Schein warf die Schatten der Sternkarten an die Decke, sodass man meinen konnte, man säße selbst im Innern des Himmels.
Setzt euch, o Gäste, sagte Zubayda, und ihre Stimme war wie Wasser über Kiesel. Der Kalif setzte sich, ohne seinen Namen zu nennen. Aber Zubayda lächelte leise und sagte: Der Name eines Mannes ist nicht wichtig. Die Sterne kennen ihn bereits. Sie nahm eine der Karten, einen Himmel aus feiner Seide, mit goldenen Punkten bestickt, und breitete sie über den Tisch. Mit einem langen, dünnen Finger folgte sie Linien, die der Kalif nicht sehen konnte. Du träumst von einem Garten, sagte sie nach einer Weile. Es war keine Frage.
In diesem Garten steht ein Brunnen, und aus dem Brunnen kommt keine Stimme herauf, sondern Stille, eine Stille, die schwerer ist als Stein. Der Kalif schluckte. Sein Wesir Dschafar rührte sich nicht. Die Kerze flackerte, obwohl es keinen Wind gab. Wisse, fuhr Zubayda fort, und ihre Stimme wurde leiser, fast zu einem Wispern, dieser Brunnen ist kein Brunnen aus Stein und Mörtel.
Er ist das Schweigen um etwas, das du einmal gewusst hast und vergessen hast. Etwas, das dir wichtig war, bevor die Macht kam und das Vergessen mit ihr. Sie hob den Blick, und ihre Augen fingen das Kerzenlicht wie zwei ruhige Spiegel. Die Träume sind keine Warnung. Sie sind eine Erinnerung. Der Kalif schwieg lange. Draußen in der Gasse rief irgendwo eine Eule, einmal, und verstummte.
Dann sagte er mit leiser Stimme: Wie lese ich, was die Sterne schreiben? Zubayda legte die Seidenkarte behutsam zusammen, mit den Händen einer Frau, die weiß, dass auch Dinge aus Stoff eine Art Leben besitzen. Das lernt sich nicht in einer Nacht, sagte sie. Aber es beginnt damit, dass man aufhört, nach Antworten zu suchen, und anfängt, Fragen zu hören. Sie stand auf und trat zu einem der Fenster, das zum Hof hinausging.
Der Hof war ein kleiner Garten, kaum mehr als ein paar Kacheln, ein alter Granatapfelbaum und ein steinerner Sockel, auf dem eine Messingschale stand, gefüllt mit Wasser. In der Schale spiegelten sich die Sterne. Sieh, sagte Zubayda leise, und ihre Stimme klang nun wie die des Wassers selbst. Der Himmel zeigt sich im Kleinen ebenso wie im Großen. Der Brunnen in deinem Traum ist diese Schale. Das Schweigen darin ist die Antwort, die du nicht hören wolltest.
Der Kalif trat neben sie und blickte in das Wasser. Die Sterne zitterten darin, verzerrt von der Wärme der Nacht, und für einen Moment meinte er, er sehe nicht den Himmel, sondern ein Gesicht, das Gesicht eines Knaben, jung und unbesorgt, mit Lehm an den Händen und Lachen in den Augen. Dann kräuselte ein leichter Wind die Wasseroberfläche, und das Bild zerfloss.
Wer war das? fragte der Kalif, und seine Stimme war nicht mehr die Stimme des Herrschers über Bagdad, sondern die eines Mannes, der sich an etwas erinnert. Du selbst, sagte Zubayda einfach. Bevor du wusstest, wer du bist. Sie reichten sich keine Hände, sprachen keine Abschiedsformeln. Der Kalif und sein Wesir gingen, wie sie gekommen waren, leise, durch die blaue Tür, hinaus in die Gasse der Kupferschmiede. Aber etwas hatte sich verändert. Die Gasse roch noch immer nach Metall und Jasmin. Die Sterne standen noch immer über den Dächern.
Und doch war die Nacht weiter geworden, weiter und stiller und voller Raum. In den Wochen darauf schlief der Kalif Haroun al-Raschid tiefer als je zuvor. Der Brunnen in seinen Träumen war noch da, aber das Schweigen darin war nicht mehr schwer. Es war ruhig. Es war das Schweigen eines Sees bei Windstille, das Schweigen zwischen zwei Atemzügen, das Schweigen des Himmels kurz vor dem Morgenrot. Und manchmal, wenn er aufwachte und die ersten Muezzin ihre Stimmen in die Frühe hoben, spürte er noch den Lehm zwischen den Fingern des Knaben, kühl, weich, wirklich.
In der Gasse der Kupferschmiede brannte Zubaydas Lampe weiter, Nacht für Nacht, ihr silbriges Licht zwischen den dunklen Wänden. Wer sie fand, hatte sie gesucht. Wer sie gesucht hatte, hatte schon gewusst, was er finden würde. Und die Sterne über Bagdad schrieben weiter ihre langsamen Geschichten in den Himmel, Buchstaben aus Licht, geduldig wie die Zeit selbst. So ruhte die Stadt, und der Kalif schlief, und die Nacht hielt ihn sanft.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.