Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 8 Minuten zu lesen
Die Stadt aus Gold am Ende der Wüste
In jener Nacht, als der Mond wie eine silberne Münze über den Dächern von Bagdad stand und die Karawansereien ihre Tore geschlossen hatten, erzählte man sich in den Gassen eine Geschichte, geflüstert von Händler zu Händler, von Mutter zu Kind, von Greis zu Greis. Es war die Geschichte von Iram, der Stadt der Säulen, die der Allmächtige aus der Erde wachsen ließ und ebenso wieder in den Sand versinken ließ, jener strahlenden Stadt, die nur jene erblicken durften, die das Schicksal selbst dorthin rief. Es begab sich in den Zeiten des Kalifen Muawiya, dass ein Händler namens Abdullah in den Basaren von Aden Bernstein kaufte und verkaufte.
Ein alter Beduine trat eines Tages an seinen Stand, ein Mann mit Augen wie Wüstenbrunnen, tief und dunkel und still, und legte ein Stück Bernstein auf das Tuch, so groß wie eine Faust, leuchtend wie erstarrte Sonne. Abdullah hatte in vierzig Jahren noch nie ein solches Stück gesehen. Er fragte den Alten, woher er es habe, und der Beduine antwortete nur mit einem Lächeln: aus der Wüste, aus dem Herzen des Sandes, von einem Ort, den kein Mensch auf einer Karte verzeichnet hatte. Abdullah ließ nicht locker.
Er bot Silber, er bot Gold, er bot den schönsten Seidenmantel in seinem Lager, und erst als er seinen gesamten Vorrat an Bernstein dazulegte, nickte der alte Beduine und sprach: Wisse, o Händler, ich werde dir den Weg zeigen. Aber du musst allein gehen. Und du musst bereit sein, das Schönste zu sehen, das je ein Menschenauge erblickt hat, und es dennoch zu verlassen.
Abdullah verstand nicht, was der Greis meinte. Doch etwas in seiner Brust, warm und leise und unwiderstehlich wie der Duft von Jasmin bei Nacht, drängte ihn vorwärts. So brach er auf, allein, mit einem Kamel, Wasservorräten für vierzig Tage und einem kleinen Lederbeutel mit Datteln. Der Weg führte ihn zuerst durch die grünen Hügel hinter Aden, dann durch das steinige Flachland, und schließlich öffnete sich die Erde vor ihm zu einer Weite, die ihm den Atem verschlug.
Die Wüste, rot und golden und endlos wie das Meer, empfing ihn mit der Stille von tausend Jahren. Sein Kamel schritt gleichmäßig durch den feinen Sand, und die Sonne wanderte über den Himmel, und die Sterne traten hervor, groß und nah wie Lampen in einem niedrigen Gemach. In der dritten Nacht träumte Abdullah. Er sah eine Stadt, Türme aus weißem Stein, Säulen so hoch wie Berge, Gärten voll blühender Bäume, deren Früchte aus Rubinen und Smaragden waren. Ein Licht lag über allem, nicht das Licht der Sonne und nicht das Licht des Mondes, sondern ein Leuchten, das von den Mauern selbst auszugehen schien, warm und golden und still wie Bernstein.
Er erwachte und fand, dass sein Kamel still stand und die Nüstern hob, als wittere es etwas, das kein Mensch wahrnehmen konnte. Am vierten Tag, als die Mittagssonne am höchsten stand und die Luft über dem Sand zu flimmern begann wie Wasser, sah Abdullah am Horizont etwas aufsteigen. Zuerst glaubte er, es sei eine Fata Morgana, jene trügerischen Bilder, die die Wüste dem müden Reisenden schenkt. Doch je näher er kam, desto fester wurden die Umrisse, desto klarer zeichneten sich die Mauern gegen den blauen Himmel ab. Türme. Tore. Säulen. Eine Stadt, und sie leuchtete, als wäre jeder Stein mit Licht getränkt.
Iram. Die Stadt der Säulen. Die Stadt, von der es hieß, sie sei erbaut von Schaddad, dem Sohn des Ad, der Paradise auf Erden schaffen wollte und dafür die halbe Welt beraubte, Rubine aus Indien, Perlen aus dem Meer, Gold aus den Flüssen des Südens, Marmor aus den Bergen des Nordens. Hundert Jahre, so sagten die Alten, hatte Schaddad an ihr gebaut, und als sie vollendet war, schickte der Himmel ein Zeichen, ein Donner, der kein Ende nahm, und die Stadt versank im Sand und war fortan nur noch für jene sichtbar, die das Schicksal selbst dorthin führte. Abdullah stand vor dem Tor.
Es war aus dunklem Holz gefertigt, beschlagen mit Gold, eingelassen in einen Bogen aus weißem Stein, in den Inschriften gemeißelt waren, Verse, so alt, dass keine lebende Zunge sie noch lesen konnte. Sein Herz schlug laut in seiner Brust, aber seine Hand war ruhig, als er den Riegel berührte. Das Tor öffnete sich lautlos, wie von unsichtbarer Hand gezogen, und die Stadt empfing ihn mit einem Hauch von Kühle und dem Duft von Rosen, obwohl weit und breit kein Rosenstrauch zu sehen war.
Die Gassen waren leer. Keine Stimmen, kein Lachen, kein Ruf des Muezzins. Nur das leise Rieseln von Wasser, denn durch die Stadt liefen Kanäle aus poliertem Stein, und in ihnen floss Wasser, klar und kühl und murmelnd wie ein schläfriger Gesang. Die Häuser hatten Türen aus Sandelholz und Fenster mit Gittern aus geflochtenem Silber. Die Böden der Plätze waren ausgelegt mit Mosaiken, Blumen und Vögel und Sterne, so fein, dass Abdullah Angst hatte, darauf zu treten. Und über allem lag dieses Leuchten, warm, golden, still. Er wanderte durch die Stadt wie in einem Traum.
Er betrat einen Garten, in dem Granatapfelbäume wuchsen, schwer von Früchten, und Bäume, deren Blätter aus grünem Glas zu sein schienen, so zart zitterten sie in dem leichten Wind. Er trat in einen Palast, dessen Hallen von goldenen Säulen getragen wurden, dessen Decken aus blauem Lapislazuli schimmerten, eingelegt mit Sternen aus Perlmutt. Er fand Tische, gedeckt mit Schüsseln, leer, aber noch duftend nach Safran und Kardamom, als hätten die Bewohner gerade erst ihre Mahlzeit verlassen.
Wo waren sie, die Menschen, die hier gelebt hatten? Abdullah setzte sich an das Ufer eines der Kanäle und ließ die Hand ins Wasser gleiten. Das Wasser war angenehm kühl. Ein kleiner Fisch mit Schuppen wie Silberblättchen schwamm an seiner Hand vorbei, betrachtete ihn mit einem runden dunklen Auge und tauchte wieder in die Tiefe. Und in diesem Augenblick verstand Abdullah, was der alte Beduine gemeint hatte. Diese Stadt gehörte niemandem. Sie war nicht für Händler und nicht für Könige. Sie war ein Versprechen, ein Zeichen, dass es Schönheit gibt, die kein Mensch besitzen kann, und dass es Frieden gibt, der jenseits aller Worte liegt. Er blieb bis zum Abend.
Er trank vom Wasser der Kanäle, es schmeckte wie nichts, das er je getrunken hatte, kühl und süß und leicht wie das erste Atemzug eines neuen Tages. Er aß von seinen Datteln im Schatten eines Palmenbaums und hörte dem leisen Rieseln des Wassers zu. Die Sonne sank, und die Stadt begann zu leuchten, nicht stärker, aber wärmer, wie eine Lampe, die jemand in einem fernen Zimmer entzündet hat.
Die Sterne traten hervor, und Abdullah bemerkte, dass sie hier anders standen als anderswo, tiefer, klarer, so nah, dass er glaubte, er könnte die Hand ausstrecken und einen berühren. Als der Mond seinen höchsten Punkt erreicht hatte, erhob er sich. Er wusste, dass es Zeit war. Er wusste es nicht, weil ihm jemand es gesagt hatte, sondern weil er es in sich spürte, ruhig und klar und unbestreitbar wie das Fallen der Nacht.
Er trat durch das Tor zurück in die Wüste, und als er sich umwandte, sah er die Stadt noch ein letztes Mal, strahlend und still und vollkommen, eingebettet in den dunklen Sand unter dem Sternenhimmel. Dann wandte er sich ab und schritt zurück durch die Nacht. Als Abdullah nach vielen Wochen nach Aden zurückkehrte, fragte ihn der Kalif Muawiya, der von seiner Reise gehört hatte, was er gesehen habe. Abdullah schwieg lange.
Dann sprach er: O Gebieter, ich habe eine Stadt gesehen, die schöner war als alles, was Menschenhand je erschaffen hat. Und ich habe verstanden, dass das Schönste auf der Welt nicht besessen, sondern nur erblickt werden kann, und dass dieser Blick genügt für ein ganzes Leben. Der Kalif ließ die Worte auf sich wirken und schwieg ebenfalls, lange, während draußen die Nacht über Bagdad lag und die Brunnen im Innenhof leise plätscherten. Und der alte Beduine? Man sah ihn nie wieder in den Basaren von Aden. Manche sagten, er sei ein Dschinn gewesen, gesandt, um einen würdigen Menschen zu finden, dem Iram noch einmal gezeigt werden sollte. Andere sagten, er sei so alt gewesen wie die Wüste selbst.
Doch was auch immer er gewesen sein mochte, der Bernstein, den er zurückgelassen hatte, leuchtete noch jahrelang in Abdullahs Händen, warm und golden, wie ein Abglanz jenes Lichtes, das einmal über den Mauern der versunkenen Stadt gelegen hatte. Und wer in jenen Nächten durch die Wüste ritt und die Augen offenhielt, der konnte manchmal, wenn der Mond in der richtigen Stellung stand und der Wind aus dem richtigen Winkel wehte, in der Ferne einen Schimmer sehen, warm und golden und still, wie das Leuchten einer Stadt, die für einen Herzschlag lang durch den Sand heraufstieg und dann wieder versank in den Tiefen des Schlafs.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.