Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Springfyrene · 5 Minuten zu lesen

Die Springer

Der Floh, der Grashüpfer und die kleine Springgans aus einem Gänseknöchelchen wollten einmal sehen, wer von ihnen am höchsten springen könne. Sie luden die ganze Welt dazu ein, und wer wollte, durfte zuschauen; es waren drei berühmte Springer, als sie sich in der Stube versammelten. Wer am höchsten springt, sagte der König, der bekommt meine Tochter — denn es wäre kahl, wenn um nichts gesprungen würde.

Zum Wettspringen war die ganze Stube voll: Der König saß auf seinem Thron, die Prinzessin auf ihrem goldenen Schemel daneben, und an der Wand standen die Höflinge in Reihen und machten wichtige Gesichter, denn bei Hofe weiß man nie, ob nicht auch ein Flohsprung Staatsangelegenheit wird. Ganz vorn aber lag der alte Hofhund, die Schnauze auf den Pfoten, und blinzelte. Er hielt von Wettspringen nicht viel und von Urteilen umso mehr, und er hatte sich seines schon gebildet, noch ehe gesprungen war. Alte Hofhunde sind so.

Der Floh trat zuerst an. Er hatte feine Manieren und grüßte nach allen Seiten, denn er hatte Kammerjungfernblut in den Adern und war gewohnt, nur mit Menschen umzugehen. Dann kam der Grashüpfer in seiner grünen Uniform; er stamme, sagte er, aus einer sehr alten Familie aus dem Morgenland. Die kleine Springgans aber sagte gar nichts. Sie war aus einem Gänsebrustknöchelchen gemacht, mit zwei Zwirnsfäden und einem Tropfen Wachs, und der alte Hofhund beschnupperte sie und behauptete, sie habe etwas im Kopf.

Es wurde auch vorher noch ausgiebig geredet, wie bei jedem Wettkampf. Der Floh erzählte, er springe grundsätzlich nur in bester Gesellschaft, und deutete an, mit wessen Wangen er bereits Bekanntschaft gemacht habe; Namen, versteht sich, nannte er nicht, das verbiete die Diskretion. Der Grashüpfer trug ein Lied über sein Kartenhaus vor, drei Stockwerke, lauter Herzdamen nach innen gekehrt, und ließ durchblicken, dass man in Ägypten seinesgleichen heilig gehalten habe. Die Springgans schwieg weiter. Aber sie schwieg so gründlich, dass die Leute anfingen, sich etwas dabei zu denken — und das ist die stärkste Rede, die es gibt.

Der Floh sprang zuerst — und er sprang so hoch, dass ihn niemand mehr sah, und da behaupteten die Leute, er sei gar nicht gesprungen, was eine große Kränkung für ihn war. Der Grashüpfer sprang halb so hoch, aber er sprang dem König gerade ins Gesicht, und der König sagte, das sei geschmacklos. Die kleine Springgans stand lange still, und die Leute dachten schon, sie könne überhaupt nicht springen. Dann sprang sie — einen kleinen, schiefen, bescheidenen Sprung, geradewegs in den Schoß der Prinzessin, die auf ihrem goldenen Schemel saß.

Über den Sprung des Flohs entstand übrigens noch eine gelehrte Debatte. Die Höflinge stritten, ob ein Sprung, den niemand gesehen habe, als Sprung zu werten sei, und einer schlug vor, die Höhe amtlich zu schätzen, und ein anderer verlangte ein Gutachten. Der alte Hofhund öffnete während der ganzen Verhandlung nur ein Auge und schloss es wieder, und das war das vernünftigste Gutachten des Abends. Was zu hoch hinauswill, sagte sein Auge, ist zuletzt einfach nicht mehr da. Aber auf Hundegutachten gibt man ja bei Hofe nichts.

Da sprach der König: Der höchste Sprung ist der zu meiner Tochter hinauf, denn darin liegt das Feine. Aber um darauf zu kommen, muss man einen Kopf haben — und die Springgans hat gezeigt, dass sie einen Kopf hat. So bekam die Springgans die Prinzessin, und die beiden saßen fortan nebeneinander auf dem goldenen Schemel, und wer die Springgans besuchte, musste leise sein, denn viel geredet wurde dort nicht.

Die Springgans nahm ihre Erhöhung an, wie sie alles nahm: still. Sie verbeugte sich vor dem König, so gut man sich mit einem Gänsebrustknöchelchen verbeugen kann, und nahm ihren Platz auf dem goldenen Schemel ein, als hätte sie nie woanders gesessen. Die Höflinge, die eben noch über sie gelächelt hatten, fanden nun einhellig, man habe es immer geahnt: In der Stille liege Tiefe, und in Zwirnsfäden mehr Haltung, als man denke. So schnell dreht sich der Hof. Die Springgans hörte sich alles an und sagte auch dazu nichts. Vielleicht war das ihr ganzes Geheimnis. Es ist jedenfalls noch keinem geschadet.

Die Prinzessin übrigens war mit dem Urteil ihres Vaters sehr einverstanden, und das will bei Prinzessinnen etwas heißen. Sie hatte die lauten Springer den ganzen Abend ein wenig anstrengend gefunden, und als ihr die kleine Springgans in den Schoß gehüpft war, leicht wie ein Hüsteln, hatte sie gelacht wie seit Wochen nicht. Etwas, das aus einem Gänseknöchelchen, zwei Zwirnsfäden und einem Tropfen Wachs besteht und trotzdem den Mut hat, bei Hofe zu springen — das, fand sie, sei genau die Sorte Gesellschaft, die einem die langen Winterabende rettet.

Der Floh ging in fremde Dienste, weit fort, und man hat lange nichts von ihm gehört. Der Grashüpfer aber setzte sich draußen in den Graben ins grüne Gras und dachte darüber nach, wie es zugeht in der Welt, und sang dazu sein altes, gleichmäßiges Lied, das man an Sommerabenden hören kann, wenn alles andere still wird. Von ihm haben wir die Geschichte. Er hat sie an einem solchen Abend erzählt, zwischen zwei Liedern, und die Wiese hat zugehört und langsam ihre Gräser schlafen gelegt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen