Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen
Die Speisung der Vielen
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub und weitem Himmel, zogen die Menschen ihm nach, wohin er auch ging. Sie kamen von den Dörfern am See und von den Hügeln dahinter, sie kamen auf staubigen Wegen und schmalen Pfaden, die durch Felder und Olivenhaine führten. Es war, als ob ein Ruf durch das Land gegangen wäre, unhörbar und doch von allen gehört, und wer ihn vernahm, der machte sich auf den Weg.
Jesus aber hatte sich zurückgezogen an einen stillen Ort jenseits des Sees von Galiläa, wo die Ufer flach waren und das Schilf im Wind rauschte. Er hatte seiner Freunde bedurft und der Stille, denn die Tage waren schwer gewesen und das Herz schwer. Doch als er das Boot ans Ufer zog und den Strand betrat, sah er, dass sie schon warteten. Viele Menschen. Sehr viele. Sie standen und saßen auf dem Gras, manche trugen Kinder auf den Armen, manche stützten sich auf Stäbe, und alle hatten dieselben Augen: Augen, die suchten.
Und er sah sie an, und was er sah, bewegte sein Herz. Er stieg den sanften Hang hinauf, setzte sich unter den offenen Himmel, und die Menschen kamen näher, und er redete mit ihnen und hörte ihnen zu, und die Stunden vergingen wie Wasser, das ruhig über Steine fließt. Als aber der Nachmittag sich neigte und das Licht sich goldener färbte und länger über das Land legte, da traten seine Jünger zu ihm und sprachen unter sich und zu ihm: Der Ort hier ist einsam und weit von jedem Dorf. Die Menschen haben nichts gegessen. Schick sie fort, damit sie sich in den Weilern ringsum Brot kaufen können. Sie meinten es gut.
Sie dachten an die vielen Mägen, an die kleinen Kinder, an die weiten Wege, die manche noch vor sich hatten. Es war eine vernünftige Sorge, und sie trugen sie mit aufrichtigem Herzen vor. Jesus aber schaute sie an und fragte ruhig: Wie viele Brote habt ihr? Seht nach. Da gingen sie unter die Menschen und fragten und suchten, und nach einer Weile kam einer zurück, Andreas, der Bruder des Petrus, und er sagte: Hier ist ein Knabe, der hat fünf Gerstenbrote und zwei kleine Fische. Aber was ist das für so viele? Er sprach es ohne Spott, nur mit dieser stillen Ratlosigkeit, die entsteht, wenn man ein Geschenk in der Hand hält und nicht weiß, ob es groß genug ist.
Jesus aber sprach: Ladet die Menschen ein, sich zu setzen. Und so geschah es. Die Jünger gingen durch die große Menge, und langsam, wie ein ruhiges Meer zur Ebbe fällt, setzten sich alle hin auf dem grünen Gras. Gruppen von je fünfzig, von je hundert. Und vom Hügel oben gesehen muss es ausgesehen haben wie ein großer bunter Garten, voller stiller, wartender Menschen.
Da nahm Jesus die fünf Brote und die zwei Fische in die Hände, und er blickte auf zum Himmel, und er dankte. Es war ein einfaches Danken, kein Rauschen und kein Blitz, nur dieser eine Mensch auf einem Hügel am Abend, der Brot in den Händen hält und aufschaut. Dann brach er die Brote und gab sie den Jüngern, und die Jünger trugen sie zu den Menschen, und die Fische desgleichen.
Und alle aßen. Alle aßen und wurden satt. Die Kinder, die erschöpft auf dem Schoß ihrer Mütter eingeschlummert waren, wachten auf und aßen. Die alten Männer und Frauen, die müde von den langen Wegen waren, aßen und ruhten und aßen wieder. Die Jungen, die ungeduldig gewesen waren, vergaßen ihre Ungeduld und aßen. Und niemand musste darben, und niemand wurde weggeschickt, und das Brot in den Körben wurde nicht weniger, wie die Jünger es verteilten.
Als alle gesättigt waren und das Licht des Tages sich in die erste zarte Dämmerung wandelte, da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts verloren gehe. Und sie sammelten, und was übrig geblieben war von den fünf Gerstenbroten und den zwei kleinen Fischen, das füllte zwölf Körbe. Zwölf Körbe voll. Die Menschen saßen noch eine Weile auf dem Gras, in dieser stillen Vollheit, die nach einem guten Mahl entsteht und die mehr ist als das Sattgefühl allein. Das Abendrot zog sich am Horizont über den See, und das Wasser glänzte wie geschmolzenes Kupfer, und die ersten Sterne zeigten sich zögernd am hohen Himmel. Kinder schliefen schon wieder, diesmal tiefer, auf warmem Gras, mit vollen Bäuchen und zufriedenen Gesichtern.
Es ist selten, dass so viele Menschen gemeinsam schweigen. Aber in jenem Abend war es so. Eine große, ruhige Stille lag über dem Hügel und dem Seeufer, die Stille von Menschen, die gut versorgt worden sind, die einen langen Tag gehabt haben und nun rasten dürfen. Und die Menschen machten sich auf den Heimweg, einer nach dem anderen, in kleinen Gruppen, die sich auf den Pfaden verloren wie Lichter in der Dunkelheit, jedes für sich, aber alle von demselben Ort aufgebrochen, von demselben Abend erfüllt. Die Jünger räumten die Körbe zusammen, und der See lag ruhig vor ihnen, und die Nacht kam herein über das Land, weich und dunkel und voller Sterne.
Jesus aber stieg noch höher den Hügel hinauf, allein, wie er es manchmal tat, wenn der Tag seine Arbeit getan hatte und die Stille ihn rief. Er saß dort oben unter dem weiten Himmel, und das Rauschen des Wassers stieg zu ihm herauf, und der Wind war warm, und die Nacht war tief. Und über dem stillen See von Galiläa, über den schläfrigen Dörfern und den schlafenden Kindern und dem Gras, das noch den Abdruck so vieler ruhender Menschen trug, leuchteten die Sterne so klar und so nah, wie sie es in jenen Nächten immer getan hatten, seit alters her, und noch lange danach.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.