Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die sieben Raben

Ein Mann hatte sieben Söhne, und über all die Jahre hatte er sich ein Töchterchen gewünscht. Als das Mädchen endlich zur Welt kam, war die Freude groß im Haus, aber das Kind war klein und schwach, und man sah ihm an, dass es rasch getauft werden musste. Der Vater gab dem Jüngsten den steinernen Krug in die Hand und schickte ihn zur Quelle hinter dem Hof, Taufwasser holen. Der Junge trug ihn mit beiden Armen an der Brust, weil er schwer war. Die anderen sechs liefen mit, weil draußen der Frost lag und weil sie den Tag über nichts vorhatten, und die Mutter blieb mit dem Kind am warmen Ofen zurück.

Am Brunnen lag der Schnee auf dem Rand wie ein weißer Wulst, und unten stand das Wasser schwarz und still. Jeder von ihnen wollte der erste sein, der den Krug hinabließ, und sie nahmen ihn dem Jüngsten aus den Armen, und über dem Ziehen und Drängen glitt er ihnen aus den Händen. Sie hörten ihn tief unten aufschlagen, dann war es wieder still. Die sieben standen um die Öffnung herum und sahen hinunter, und das Wasser stand so weit weg, dass keiner den Krug mehr sah. Keiner traute sich heim.

Der Vater wartete im Haus. Er ging vom Fenster zur Tür und wieder zurück, und weil er meinte, sie hätten über irgendeinem Spiel vergessen, weswegen er sie geschickt hatte, wurde ihm die Zeit zu lang. In seinem Ärger sagte er, was ein Mensch nicht sagen sollte. Ich wollte, dass die Jungen alle zu Raben würden, sagte er. Kaum war das Wort heraus, hörte er über dem Dach ein Schwirren in der Luft, und als er hinauslief, flogen sieben kohlschwarze Vögel über den Hof und strichen über die Felder davon.

Der Mann rief ihnen nach, so lange er sie sah, aber ein Wort, das gesagt ist, holt niemand wieder ein. Drinnen wurde das Kind still getauft, und es blieb am Leben und wurde stark und rotbackig, und die Mutter trug es im ersten Frühling zum ersten Mal ins Freie. Im Haus aber sprach niemand mehr von den Brüdern. Ihre Jacken hingen noch eine Weile am Haken hinter der Tür, dann hingen sie nicht mehr da, und es fragte auch niemand danach.

Das Mädchen wuchs heran und wusste nichts davon, dass es Geschwister hatte. Erst als es größer war, hörte es fremde Leute miteinander reden. Schön sei es wohl, sagten sie, aber schuld sei es doch an dem Unglück seiner sieben Brüder. Da ging es zu den Eltern und fragte, und die konnten nicht länger schweigen. Sie sagten, es sei so über sie verhängt worden und die Geburt des Kindes nur der unschuldige Anlass. Das Mädchen aber hatte von der Stunde an keine Ruhe mehr und meinte, es müsse die Brüder wieder erlösen.

Es nahm heimlich ein Ringlein der Eltern mit zum Andenken, ein Brot gegen den Hunger, ein Krüglein Wasser gegen den Durst und ein Stühlchen, um sich daraufzusetzen, wenn es müde würde. Dann ging es fort und ging immer weiter, bis an das Ende der Welt. Der Weg wurde kahl, und die Luft wurde dünn und schnitt in die Wangen. Abends stellte es sein Stühlchen hin, brach ein Stück von dem Brot und hielt es eine Weile zwischen den Händen, ehe es aß, damit die Finger wieder weich wurden.

Zuerst kam es zur Sonne. Die war heiß und furchtbar und böse, und die Steine unter ihr lagen da wie glühende Kohlen, und niemand hielt es bei ihr aus. Das Mädchen wich zurück, noch ehe sie es recht ansehen konnte, und lief davon und fragte nichts, und der Boden brannte ihm unter den Sohlen, bis es weit genug fort war. Dann ging es weiter zum Mond, und mit jedem Schritt wurde die Luft kälter, bis der Atem ihm vor dem Mund stehen blieb wie ein kleines weißes Tuch.

Bei dem Mond war Nacht und blieb Nacht. Er stand über einer Ebene aus grauem Sand, in dem kein Schritt liegen blieb, und er war kalt und grauenhaft und bösartig, und die Kälte, die von ihm kam, ging durch die Kleider hindurch, als wären gar keine da. Das Mädchen blieb am Rand des Lichts stehen und sagte kein Wort. Da hob der Mond den Kopf und sprach, ich rieche, ich rieche Menschenfleisch. Es rührte sich nicht. Er sprach es noch einmal und näher, und da lief es davon und lief, bis der graue Sand hinter ihm aufhörte.

Bei den Sternen war es still und nicht kalt. Sie saßen jeder auf seinem eigenen kleinen Stühlchen, freundlich und ordentlich, und als das Mädchen kam, rückten sie ein wenig zusammen und machten ihm Platz in der Mitte, ohne dass es hätte fragen müssen. Es setzte sich hin und merkte erst da, wie müde es war. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen, nicht größer als ein Nagel und weiß wie ein Stück Kreide, und sprach, ohne dieses Beinchen bleibt dir der Glasberg verschlossen, und im Glasberg sind deine Brüder.

Das Mädchen wickelte das Beinchen sorgfältig in ein Tüchlein und ging wieder fort, und den ganzen langen Weg hielt es das Tüchlein in der Faust und wagte kaum, die Finger zu öffnen. Der Glasberg stand da wie Wasser, das mitten im Fallen stehen geblieben war. Man sah weit hinein, und tief drinnen hing ein wenig Licht fest und kam nicht mehr heraus. Das Tor war zu. Als das Mädchen das Tüchlein aufband, war nichts darin. Es kniete nieder und suchte den Boden ab und fand nichts, und die Gabe der guten Sterne war verloren.

Was sollte es nun tun. Es wollte seine Brüder erlösen und hatte keinen Schlüssel mehr. Es sah seine Hände an. Die waren von dem langen Weg so kalt geworden, dass sie kaum noch etwas spürten, und vielleicht war das gut so. Es nahm das Messer, das es zum Brotschneiden bei sich trug, kniete sich vor das Tor, tat, was zu tun war, und sah dabei nicht hin. Dann wickelte es die Hand fest in das leere Tüchlein, hielt sie an sich gedrückt und wartete, bis der Atem wieder ruhig ging. Es machte kein Aufheben davon.

Das Fingerchen passte in das Schloss, als wäre es dafür gemacht. Das Mädchen drehte es einmal herum. Es ging schwer, und dann ging es auf einmal leicht, und das Tor schwang so weit auf, wie ein Kind es braucht, und nicht weiter. Drinnen war es hell und still wie in einem gefrorenen Zimmer, und der Boden war so glatt, dass die eigenen Schritte darauf zu leise klangen. Da kam ihm ein Männlein entgegen und fragte, was ein Kind hier suche. Meine Brüder, sagte das Mädchen, die sieben Raben.

Die Herren Raben sind nicht zu Haus, sagte das Männlein, aber wenn du warten willst, bis sie kommen, so tritt herein. Dann trug es das Essen der Raben auf, auf sieben Tellerchen und in sieben Becherlein, und von jedem Tellerchen aß das Schwesterchen ein Bröckelchen und aus jedem Becherlein trank es ein Schlückchen. In das letzte Becherlein aber ließ es das Ringlein fallen, das es von zu Hause mitgebracht hatte, und dann setzte es sich hinter die Tür und hielt die Hand still.

Auf einmal hörte es in der Luft ein Schwirren und Wehen, und das Männlein sagte, jetzt kommen die Herren Raben heimgeflogen. Sie kamen und wollten essen und trinken und suchten ihre Tellerchen und Becherlein. Da sprach einer nach dem andern, wer hat von meinem Tellerchen gegessen, wer hat aus meinem Becherlein getrunken, das ist eines Menschen Mund gewesen. Das Mädchen stand hinter der Tür und rührte sich nicht und hörte, wie die schweren Federn sich legten.

Als der siebente, der jüngste von ihnen, sein Becherlein leerte, rollte ihm das Ringlein entgegen. Er sah es an und erkannte es, denn es war ein Ring von Vater und Mutter, und er sprach, Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst. Da trat das Mädchen hinter der Tür hervor, und alle sieben bekamen ihre menschliche Gestalt wieder, und sie hielten die Schwester an sich und küssten sie und weinten und lachten alle durcheinander, und das Männlein räumte in aller Ruhe die Tellerchen ab.

Dann gingen sie miteinander heim. Sie gingen den ganzen Tag über den weißen Boden, acht Schatten nebeneinander, und die Brüder redeten unterwegs, als hätten sie das Reden all die Jahre aufgespart. Die Schwester ging in der Mitte, und der Jüngste hielt ihre Hand mit dem Tüchlein darum in seinen beiden und ließ sie den ganzen Weg nicht los, so vorsichtig, wie er einmal den steinernen Krug zur Quelle getragen hatte. Hinter ihnen wurde der Berg kleiner und blasser, und an dem Tor war kein Spalt mehr zu erkennen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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