Andreas’ Nacht

Nach Arthur Conan Doyle · 5 Minuten zu lesen

Die sechs Napoleons

Eines Abends besuchte uns der Polizeiinspektor Lestrade in der Baker Street, wie er es oft tat, um bei einer Pfeife über seine Fälle zu plaudern. Etwas Kurioses beschäftigt uns gerade, sagte er. Eigentlich nichts für Sie, Herr Holmes — wohl nur die Marotte eines Verrückten. Aber es ist sonderbar genug. Holmes horchte auf. Erzählen Sie. Es geht um Gipsbüsten, sagte Lestrade. Jemand zerschlägt überall in der Stadt billige Gipsbüsten des großen Napoleon. Erst eine im Schaufenster eines Händlers, dann zwei in der Wohnung eines Arztes. Immer dieselben Büsten, immer mutwillig zertrümmert. Was sagen Sie zu so einem Unsinn?

Holmes’ Augen blitzten interessiert. Ein Mensch, der nur aus Hass auf Napoleon Büsten zerschlüge, würde es nicht bei bestimmten Büsten belassen, sagte er nachdenklich. Hier aber werden gezielt Exemplare aus einer bestimmten Herstellung gesucht und vernichtet. Das ist keine Marotte, Lestrade. Da sucht jemand etwas. Noch während sie sprachen, wurde die Sache ernst: Eine Nachricht kam, dass in der Nacht eine weitere Büste aus einem Haus geraubt und draußen zertrümmert worden war — und dass man dabei einen Mann tot aufgefunden hatte. Aus der harmlosen Marotte war ein dunkler Fall geworden.

Holmes nahm sich der Sache mit Eifer an. Zunächst ging er der Herkunft der Büsten nach. Alle stammten, wie sich zeigte, aus derselben Werkstatt, einer Firma namens Gelder und Compagnie, und alle waren aus ein und derselben Gussform gefertigt worden — sechs gleiche Büsten Napoleons, die einst zum Trocknen nebeneinander gestanden hatten. Sechs Büsten, sagte Holmes. Und jemand zerschlägt sie eine nach der anderen. Er sucht etwas, das in einer von ihnen verborgen ist — und er weiß nicht, in welcher. Darum muss er sie alle zerstören, bis er es findet.

In der Werkstatt erfuhr Holmes, dass dort einst ein italienischer Arbeiter namens Beppo beschäftigt gewesen war — ein Mann, der wegen einer Gewalttat ins Gefängnis gekommen war, gerade um jene Zeit, als die sechs Büsten gefertigt wurden. Nun fügte sich für Holmes alles zusammen. Beppo, so schloss er, habe einst etwas sehr Wertvolles besessen, ein Diebesgut, das er vor der Polizei verbergen musste. In höchster Eile, als ihm die Häscher schon auf den Fersen waren, habe er es in den noch feuchten, weichen Gips einer der trocknenden Büsten gedrückt, wo es spurlos verschwand.

Dann sei er verhaftet worden, ehe er es zurückholen konnte. Die sechs Büsten wurden verkauft und in alle Winde zerstreut. Nun, wieder auf freiem Fuß, suche Beppo sie eine nach der anderen auf und zerschlage sie, auf der verzweifelten Jagd nach seinem verborgenen Schatz. Den Toten aber, sagte Holmes ernst, habe wohl ein zweiter Mann auf dem Gewissen, der hinter derselben Beute her war; zwischen Dieben gibt es keine Treue.

Und nun, Lestrade, sagte Holmes mit jenem feinen Lächeln, das ich an ihm liebte, können wir ihm zuvorkommen. Er hatte herausgefunden, wo sich die letzten beiden Büsten befanden, und stellte dem Übeltäter eine Falle. In der Nacht hielten wir Wache vor dem Haus, in dem die vorletzte Büste stand — und richtig, eine Gestalt schlich heran, nahm die Büste an sich und zerschlug sie draußen im Garten, um im Schein einer Laterne fieberhaft die Scherben zu durchsuchen. Es war Beppo. Doch er fand nichts, denn der Schatz steckte nicht in dieser Büste. Ehe er entkommen konnte, ergriffen wir ihn, und Lestrade legte ihm die Hand auf die Schulter.

Nun blieb nur noch die allerletzte der sechs Büsten. Holmes spürte ihren Besitzer auf und kaufte sie ihm in aller Ruhe für ein paar Schilling ab. Dann legte er sie zu Hause auf ein Tuch, nahm seinen Stock und zerschlug sie mit einem einzigen, wohlgezielten Schlag. Wir beugten uns über die Bruchstücke — und da, mitten im weißen Gips, leuchtete es dunkel und schön: eine vollkommene, schwarze Perle von unschätzbarem Wert, eine berühmte, längst gestohlene Kostbarkeit, die die Polizei seit Jahren vergeblich gesucht hatte. Beppo hatte sie einst in seiner Not in den feuchten Gips gedrückt — und niemand hätte je geahnt, wo sie all die Jahre verborgen lag.

Der gute Lestrade war sprachlos vor Staunen. Herr Holmes, sagte er schließlich bewegt, ich habe viele Fälle mit Ihnen erlebt, aber so sauber gelöst habe ich selten etwas gesehen. Wir bei der Polizei sind stolz auf Sie. Es war ein seltenes Lob aus seinem Mund, und ich sah, dass es Holmes mehr freute, als er sich anmerken ließ. Legen Sie die Perle nur sorgsam in Ihren Tresor, Lestrade, sagte er bescheiden und lächelte. Und wenn Sie wieder einmal einen kleinen Fall haben, der Sie ratlos macht — Sie wissen ja, wo ich wohne.

So endete der Fall von den sechs Napoleons: eine verborgene Perle, sechs zertrümmerte Büsten und ein Rätsel, das sich beim allerletzten Schlag in Glanz auflöste. Nun ist es still im Zimmer, die Lampe brennt ruhig, und alles ist an seinem Platz.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Sherlock Holmes · Die besten Fälle. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen