Andreas’ Nacht

Nach einem russischen Volksmärchen · 7 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die Schwanengänse

Der Vater und die Mutter wollten in der Frühe zum Markt in die Stadt, und es war noch dunkel, als sie den Wagen anspannten. Auf dem Hof lag Reif, und die Räder knirschten beim ersten Umdrehen. Drinnen hielt der Ofen noch die Wärme der ganzen Nacht. Hüte deinen Bruder, sagte die Mutter im Tuch an der Tür, geh nicht vom Haus fort, und wir bringen dir am Abend ein Halstuch und Nüsse mit. Dann fuhren sie, und das Tor blieb offen stehen.

Das Mädchen setzte den kleinen Bruder ins Gras unter das Fenster, wo die Sonne hinkam, sobald sie über den Zaun stieg. Eine Weile saß sie bei ihm. Dann liefen die Kinder aus dem Dorf vorbei und riefen nach ihr, und sie ging mit auf die Wiese, wo sie sonst spielten. Sie sprangen und liefen und vergaßen die Zeit, wie man sie an einem hellen kalten Tag vergisst, und der Bruder saß allein an der Hauswand und sah in den Himmel hinauf. Es ging kein Wind an diesem Tag.

Als sie zurückkam, war die Stelle unter dem Fenster leer. Sie rief ihn, sie sah in der Stube nach, im Stall, hinter der Scheune, unter dem Wagenschuppen. Sie lief den Zaun entlang bis ans Ende des Hofes und rief seinen Namen in den kalten Vormittag hinein. Da sah sie weit hinten über dem schwarzen Wald einen Schwarm ziehen, weiße Gänse mit langen Hälsen, und sie flogen schwer, als trügen sie etwas. Über die Schwanengänse hatte sie ihr Leben lang reden hören.

Sie lief los, so schnell sie konnte, über das gefrorene Stoppelfeld, dass ihr die Halme in die Waden schlugen. Am Feldrand stand ein Ofen ganz allein, gemauert und geheizt, und aus seiner Öffnung kam ein Duft nach frischem Brot. Ofen, Ofen, sagte sie, sag mir, wohin die Schwanengänse geflogen sind. Iss von meinem Roggenkuchen, sagte der Ofen, dann sage ich es dir. Ich esse zu Hause nicht einmal Weizenbrot, sagte sie und lief weiter.

Ein Stück weiter stand ein Apfelbaum, und an ihm hingen noch die kleinen roten Äpfel, die der Frost süß macht. Apfelbaum, Apfelbaum, sagte sie, sag mir, wohin die Schwanengänse geflogen sind. Iss einen von meinen Waldäpfeln, sagte der Baum, dann sage ich es dir. Ich esse zu Hause die aus dem Garten und rühre eure nicht an, sagte sie und lief weiter, und die Zweige schlugen leise hinter ihr zusammen. Der Boden unter dem Baum war hart und weiß.

Dann kam sie an einen Fluss, der floss weiß und dick und langsam, und die Ufer waren nicht aus Erde, sondern aus Gelee. Milchfluss, sagte sie, Ufer aus Gelee, sag mir, wohin die Schwanengänse geflogen sind. Iss von meinem Gelee mit Milch, sagte der Fluss, dann sage ich es dir. Ich habe zu Hause Sahne und mag nicht, sagte sie, und lief am Ufer entlang weiter, bis der Fluss hinter ihr in den Nebel ging. Ihre Schuhe waren längst nass und darüber kalt geworden.

Jetzt erst merkte sie, wie weit sie schon war. Hinter ihr lagen die Felder, vor ihr stand der Wald wie eine Wand, und von dem Dorf war nichts mehr zu sehen als ein grauer Strich Rauch. Ihr fiel ein, wie die Mutter im Tuch an der Tür gestanden hatte, und sie musste stehen bleiben und sich die Augen wischen, weil sie sonst nichts mehr erkannt hätte. Dann ging sie zwischen die ersten Stämme, und dort war die Luft noch kälter und still wie in einer Kirche.

Sie wäre bis zum Abend gelaufen und hätte nichts gefunden, aber ein Igel lag am Weg und rollte sich zusammen. Sie wollte ihn schon anstoßen, dann ließ sie es und fragte ihn nur. Da rollte der Igel von selbst los und lief ihr voraus zwischen den Stämmen hindurch, immer weiter in den Wald hinein, wo die Bäume dichter standen und der Boden hart war vom Frost. Zuletzt blieb er stehen und rührte sich nicht mehr, und von dort ab musste sie allein gehen.

Vor ihr auf einer Lichtung stand ein Häuschen auf Hühnerbeinen, und es drehte sich langsam in der Sonne wie ein Mensch, der sich wärmt. Aus dem Schornstein kam Rauch. Das Mädchen ging um die Wand herum und sah durch das kleine Fenster. Drinnen saß die Baba Jaga auf der Bank und spann, und der Faden lief ihr durch die Finger. Und auf dem Boden vor dem Ofen saß ihr Brüderchen und spielte mit goldenen Äpfeln und war ganz zufrieden.

Durch die Ritze des Fensters kam ein Streifen Wärme heraus und roch nach Kohl und nach heißem Stein. Der Kleine ließ einen der goldenen Äpfel fallen, und der rollte über die Dielen und blieb an der Bank liegen, und er lachte darüber, als wäre nichts geschehen. Draußen an der Wand stand das Mädchen und drückte den Rücken gegen das kalte Holz und hörte ihr eigenes Blut in den Ohren und rührte sich nicht. Der Rauch aus dem Schornstein stand gerade in der Luft.

Sie wartete, bis die Alte den Kopf über das Rad senkte. Dann trat sie leise ein, nahm den Bruder auf den Arm und war wieder draußen, ehe der Faden riss. Der Kleine hielt sich an ihrem Hals fest und sagte kein Wort. Sie lief. Hinter ihr wurde es still, dann hörte sie ein Rauschen in der Luft, und als sie sich umsah, kamen die Schwanengänse über die Wipfel, breit und langsam und mit ausgestreckten Hälsen. Da wusste sie, dass sie es bis zum Feld nicht schaffen würde.

Vor ihr lag der Milchfluss, und das Wasser ging so langsam, dass man die Bewegung kaum sah. Fluss, sagte sie, versteck mich. Iss von meinem Gelee, sagte der Fluss. Sie kniete sich ans Ufer und aß, so schnell sie konnte, und es schmeckte kühl und süß. Der Fluss hob das Ufer wie eine Decke, und sie kroch mit dem Kind darunter, und die Gänse flogen über sie hinweg. Als es wieder still war, kam sie hervor, sagte danke und lief weiter mit dem Bruder auf dem Arm.

Bald hörte sie die Flügel wieder und ihr eigenes Herz bis in den Hals hinauf. Apfelbaum, sagte sie, versteck mich. Iss einen von meinen Waldäpfeln, sagte der Baum. Sie aß, und er war sauer und gut, und der Baum ließ die Zweige über sie fallen und deckte sie mit den Blättern zu. Die Gänse suchten in den Wipfeln und fanden nichts und zogen weiter. Dann lief sie über das Stoppelfeld, und die kalte Luft brannte ihr in der Kehle, bis ihr fast der Atem ausging.

Beim Ofen fingen die Gänse sie beinahe. Ofen, sagte sie, versteck mich. Iss von meinem Roggenkuchen, sagte der Ofen. Sie nahm einen und brach ihn und gab dem Bruder die Hälfte, und dann setzte sie sich mit ihm in die Öffnung, dahin, wo das Mauerwerk warm war und nach Brot roch, und zog die Knie an, und es war eng darin und dunkel. Draußen strichen die Gänse über das Feld, hin und her und noch einmal, und zuletzt schrien sie und flogen zurück zur Baba Jaga.

Als es dunkel wurde, saßen die beiden schon zu Hause. Das Mädchen hatte den Ofen geheizt und den Bruder auf die Bank gesetzt, wo die Kacheln warm waren. Dann fuhr der Wagen in den Hof, und der Vater und die Mutter kamen herein mit kalten Gesichtern und brachten das Halstuch mit und die Nüsse. Die Mutter fragte, ob alles gut gewesen sei, und das Mädchen sagte ja. Auf dem Fensterbrett aber lag ein halber Roggenkuchen, den keiner gebacken hatte, und niemand fragte, woher er gekommen war.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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