Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen
Die Schrift an der Wand
Vor langer, langer Zeit, in einem Land zwischen großen Strömen und weiten Ebenen, stand eine Stadt, die größer war als alles, was die Menschen jener Tage kannten. Ihre Mauern ragten in den Himmel wie Berge aus Stein, und ihre Türme warfen Schatten, die weit über das umliegende Land fielen. Diese Stadt hieß Babel, und ihr König hieß Belschazar. Er regierte über ein mächtiges Reich, und er lebte in einem Palast, so prächtig, dass selbst die Sterne am Abend darin ihr Spiegelbild zu suchen schienen.
In jenen Tagen lebte in dieser Stadt auch ein Mann namens Daniel. Er war kein Kind dieser Stadt, kein Kind dieses Volkes. Als junger Mann war er aus seiner Heimat Jerusalem hierhergebracht worden, weit weg von den Hügeln, die er kannte, weit weg von dem Ölbaum vor dem Haus seines Vaters, weit weg von allem, was ihm vertraut gewesen war. Und doch hatte er sich in all den Jahren seiner Fremdheit nicht verloren. Er war klug und besonnen, und wer ihn kannte, spürte, dass in ihm eine Stille lebte, die tiefer war als alle Weisheit der Gelehrten am Hof.
Die Jahre waren vergangen wie Wasser, das durch die Hände rinnt. Daniel war älter geworden, und das Reich um ihn herum hatte sich verändert. Aber er selbst war derselbe geblieben, ruhig, aufrecht, ein Fremdling, der doch zu einem Anker geworden war für viele, die Rat suchten. Und so lebte er an diesem Abend still in seiner Kammer, während im großen Festsaal des Palastes die Fackeln brannten und die Stimmen der Gäste laut und fröhlich durch die Nacht hallten.
Denn Belschazar hatte ein großes Fest einberufen. Er hatte tausend seiner Fürsten und Großen zu sich geladen, und die Tische waren bedeckt mit allem, was das Land hervorbrachte, mit Brot und Fleisch, mit Früchten und duftenden Weinen. Die Säle waren erfüllt von Lachen und Musik, und der König selbst saß auf seinem erhöhten Thron, das Gewand schwer von Gold und Purpur, das Gesicht gerötet vom Wein und vom Gefühl seiner eigenen Größe. Es war eine Nacht wie viele andere Nächte des Überflusses, und doch sollte sie anders enden als alle, die zuvor gewesen waren.
Mitten in dem Fest ließ der König goldene und silberne Gefäße hereinbringen. Es waren Gefäße, die einst in einem fernen Tempel gestanden hatten, einem Haus des Gebetes in Jerusalem, von wo sie einst fortgebracht worden waren. Nun füllte man sie mit Wein, und die Gäste tranken daraus, als wären es gewöhnliche Becher. Gelächter hallte durch den Saal, und niemand dachte an das, was diese Gefäße einst bedeutet hatten, niemand hielt inne in der lauten, glänzenden Nacht.
Und dann geschah es. Urplötzlich, mitten in dem Lärm des Festes, erschien an der weißen Wand des Saales eine Hand. Nur eine Hand, losgelöst von jedem Körper, schwebend im Licht der Fackeln, und diese Hand begann zu schreiben. Die Finger bewegten sich langsam und mit einer Sicherheit, die alle menschliche Schrift übertraf, und hinterließen Zeichen auf dem hellen Kalkstein, vier Worte, tief und deutlich, als wären sie in Stein gemeißelt und nicht nur auf ihn gemalt.
Der König sah es. Sein Lachen erstarb. Die Röte wich aus seinem Gesicht, und er wurde bleich wie das Licht des Mondes. Er stand auf von seinem Thron, aber seine Knie zitterten, und er musste sich an der Stuhllehne festhalten. Um ihn herum breitete sich die Stille aus wie ein ruhiger See, der sich nach dem Wurf eines Steines wieder glättet, erst zögernd, dann vollständig. Die Musik verstummte. Die Gespräche erstarben. Alle Augen wandten sich an die Wand.
Da standen die Zeichen, vier Worte in einer alten Schrift: Mene, Mene, Tekel, Parsin. Aber niemand im Saal konnte sagen, was sie bedeuteten. Die Weisen wurden herbeigerufen, die Sterndeuter und die Gelehrten, jene, die ihr Leben damit verbracht hatten, die Zeichen der Zeit zu lesen. Einer nach dem anderen trat vor die Wand, betrachtete die Schrift, senkte dann den Kopf und schwieg. Keiner wusste es. Keiner wagte eine Deutung. Und die Stille im Saal wurde schwerer und schwerer, wie eine Luft vor dem Gewitter.
Da war es die Königinmutter, eine alte und weise Frau, die in den Saal trat. Sie hatte das Treiben gehört, und sie kannte das Reich und seine Geschichte besser als die meisten. Sie wandte sich an den König mit ruhiger Stimme und sprach von einem Mann, den viele vergessen hatten, dessen Name aber noch immer Gewicht hatte bei denen, die sich erinnerten. Es gibt einen Mann in deinem Reich, sagte sie, in dem ein Geist der Weisheit wohnt, der höher ist als alle Klugheit der Gelehrten. Sein Name ist Daniel. Lass ihn rufen.
Und so wurde Daniel gerufen, mitten in der Nacht, aus seiner Stille heraus in den hallenden Saal mit seinen tausend erschrockenen Gästen. Er trat ein und sah die Gesichter der Menschen, sah den bleichen König auf seinem Thron, sah die Hand, die nicht mehr da war, aber die Schrift, die sie hinterlassen hatte, noch immer an der Wand. Er trat näher und las die vier Worte. Er brauchte keine Zeit zum Nachdenken. Er kannte sie.
Der König wandte sich an ihn und versprach ihm große Ehren, Kleider aus Purpur und eine goldene Kette und den dritten Platz im Reich, wenn er die Schrift deuten könnte. Daniel aber schwieg einen Augenblick lang, und als er sprach, war seine Stimme ruhig und klar wie Wasser aus einem tiefen Brunnen. Behalte deine Gaben, o König, oder gib sie einem anderen. Ich will die Schrift deuten ohne Lohn, denn die Wahrheit, die ich dir sagen muss, ist keine, die man kaufen oder verkaufen sollte.
Und dann begann Daniel zu sprechen. Er erinnerte den König an seinen Vater, an den großen Herrscher, der vor ihm gewesen war, der einst in Hochmut gelebt hatte und dann in die Tiefe gesunken war, bis er die Größe erkannte, die über aller menschlichen Größe steht. Jener hatte es gelernt, langsam und schmerzhaft, durch lange Jahre der Stille. Belschazar aber hatte nicht daraus gelernt. Er hatte die heiligen Gefäße genommen und sie mit Wein gefüllt, als wäre nichts daran heilig. Und darum hatte sich die Hand an die Wand geschrieben.
Mene, sagte Daniel, und seine Stimme war getragen und ernst, bedeutet: Die Tage sind gezählt worden. Gott hat deine Tage gezählt und ihnen ein Ende gesetzt. Tekel bedeutet: Du bist gewogen worden auf der Waage und zu leicht befunden. Er hielt inne, und die Stille im Saal war vollkommen. Und Parsin bedeutet: Dein Reich wird geteilt werden und anderen gegeben. Belschazar hörte die Worte.
Er war ein Mensch wie alle Menschen, und vielleicht lag in ihm in jenem Augenblick etwas, das spürte, dass die Wahrheit gesprochen worden war. Er ließ Daniel kleiden, wie er versprochen hatte, und beides, das Gewand und die goldene Kette, wirkten in diesem Moment wie Zeichen einer Geste, die zu spät kam. Noch in derselben Nacht fielen die Tore der großen Stadt. Ein fremdes Heer war über den Strom gezogen, lautlos wie der Nebel, und die Stadt, die sich uneinnehmbar geglaubt hatte, öffnete sich ihnen.
Daniel aber lebte. Wie er all die Jahre überlebt hatte, wie er all die Erschütterungen überdauert hatte, die um ihn herum Reiche hatten stürzen und steigen lassen, so überlebte er auch diese Nacht. Er kehrte nicht in Triumphgefühlen zurück, er sprach nicht von Sieg und Niederlage. Er war ein stiller Mann, der die Wahrheit gesagt hatte, weil er keine andere Sprache kannte, und der nun weiterleben würde in dem neuen Reich, das über die alte Stadt hereingebrochen war.
Die Nacht verging über Babel. Der Sternhimmel zog seine langsamen Bahnen über die Mauern und die Türme, über die Straßen und die Gärten, über den Festsaal, in dem die Fackeln erloschen waren und die Becher umgefallen auf den Tischen standen. Irgendwo in der Stadt schlief Daniel seinen ruhigen Schlaf, den Schlaf eines Menschen, der keine Schuld zu verbergen hat und keine Angst zu verheimlichen braucht. Und die vier Worte an der Wand blieben stehen, bis das Morgenlicht durch die hohen Fenster fiel und die Wächter des neuen Königs kamen, um den Palast in Besitz zu nehmen.
So war es gewesen in jenen Tagen, in der großen Stadt zwischen den Strömen, in einer Nacht, die mit Lachen begonnen hatte und mit Stille geendet war. Und wer von dieser Geschichte weiß, der weiß auch, dass die Wahrheit manchmal an Wände geschrieben wird, die wir am wenigsten erwarten, und dass es gut ist, einen Menschen zu kennen, der sie lesen kann.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.