Frei nach Hans Christian Andersens Verdens deiligste Rose · 4 Minuten zu lesen
Die schönste Rose der Welt
Es regierte einmal eine Königin, die ihr Volk liebhatte und von ihm geliebt wurde, und in ihrem Garten blühten die herrlichsten Rosen aller Länder. Als die Königin alt und sehr krank wurde, sprachen die Ärzte ein wunderliches Wort: Zu retten sei sie nur durch die schönste Rose der Welt — durch jene eine, die das Zeichen der höchsten und reinsten Liebe sei. Werde ihr die vor die Augen gebracht, so werde sie nicht sterben. Da machte sich das ganze Land auf die Suche, denn jeder wollte seiner Königin die Rose bringen, und jeder brachte eine andere.
Der Rosengarten der Königin war im ganzen Land berühmt. Da wuchsen die weißen Rosen aus den Klostergärten des Nordens und die dunkelroten aus den Ländern des Südens, Rosen, die nach Äpfeln dufteten, und welche, die nach Honig dufteten, und eine kleine unscheinbare, die nur in der Dämmerung duftete, dann aber so, dass die Nachtwächter auf der Mauer die Runde langsamer gingen. Die Königin hatte sie alle selbst gepflanzt oder pflanzen lassen, und sie kannte jede mit Namen. Ihr Volk sagte: So wie sie ihren Garten hält, hält sie das Land. Es war als Lob gemeint und war das größte, das ein Volk vergeben kann.
Eine glückliche Mutter trat ans Bett und sagte: Die schönste Rose der Welt blüht auf den Wangen meines Kindes, wenn es am Morgen aufwacht und lacht. Eine andere Frau sagte: Ich habe sie auf den Wangen einer Mutter gesehen, die ihr krankes Kind pflegte, Nacht um Nacht, und schöner wurde dabei statt müder. Der alte Bischof sagte: Ich habe sie am Altar gesehen, im Gesicht eines jungen Menschen, der sein Herz ganz und ehrlich verschenkte. Und die Weisen nickten zu allem und sagten doch: Es ist die Rose, aber es ist nicht die eine. Die eine ist noch größer.
Es kamen noch viele andere, denn das ganze Land nahm teil. Der Gärtner der Königin brachte seine gezüchtete Wunderrose, schwer und dunkel wie Samt, und musste hören, sie sei herrlich, aber es sei nicht die. Ein junger Dichter las ein Gedicht über die Rose der Liebe, so schön, dass die Kammerfrauen weinten — es war die Rose im Wort, aber nicht die im Leben. Und ein reicher Kaufherr ließ eine Rose aus purem Gold schmieden, mit Tautropfen aus Diamant, und die Weisen sagten am freundlichsten, was zu sagen war: Gold, Herr, duftet nicht. So lernte das Land beim Suchen nebenher eine ganze Menge über Rosen — und über sich selbst, wie das beim ehrlichen Suchen immer geschieht.
Da kam der kleine Sohn der Königin ins Zimmer, mit einem großen aufgeschlagenen Buch in den Armen, und Tränen standen ihm in den Augen. Mutter, sagte er, hör, was ich gelesen habe. Und er setzte sich zu ihr und las die alte Geschichte von jenem Einen, der aus lauter Liebe für alle Menschen das Schwerste trug und am Kreuz sein Leben gab, damit keines verloren sei. Größere Liebe gibt es nicht, las der Junge, und im Zimmer war es ganz still.
Da richtete die Königin sich auf, und ihre Augen wurden weit und hell, denn über den Blättern des Buches sah sie sie stehen: die schönste Rose der Welt, die aus jener Liebe erwachsen ist und seither nicht verblüht — die Rose, die aus dem dunkelsten Boden das hellste Blühen macht. Wer diese Rose gesehen hat, sagten die Weisen, der stirbt nicht wirklich; und die Königin genas und lebte noch manches milde Jahr. In ihrem Garten aber ließ sie einen Platz frei, mitten zwischen den herrlichsten Beeten, und wer fragte, warum dort nichts gepflanzt sei, dem antwortete sie: Dort blüht die schönste. Man sieht sie nur mit geschlossenen Augen. Die Königin, so heißt es, hat sie auf diese Weise noch oft gesehen — am liebsten abends, kurz vor dem Einschlafen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.