Andreas’ Nacht

Nach einem russischen Volksmärchen · 15 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Die schöne Wassilissa

Es war schon Winter geworden, als die Frau des Kaufmanns zu sterben begann. Sie lag in der guten Stube, wo der Ofen den ganzen Tag über geheizt wurde, und draußen hing der Frost weiß in den Zweigen des Gartens. Wassilissa saß auf einem Schemel am Bett und hielt die Hand der Mutter, die leicht geworden war und trocken wie Papier. Auf der Decke lag ein kleines Bündel aus Leinen. Die Mutter schob es dem Kind zu und sagte, nimm es, von heute an gehört es dir.

Wassilissa wickelte das Leinen auseinander, und darin lag eine Puppe, nicht größer als ihre Hand, mit einem gemalten Gesicht und einem Röckchen aus rotem Tuch. Höre gut zu, sagte die Mutter, und sprich mit niemandem darüber. Wenn dir ein Leid geschieht, dann gib der Puppe zu essen und zu trinken und erzähle ihr alles. Sie wird dir raten, was zu tun ist. Das ist mein Segen, und den nimmt dir keiner. Sie küsste das Kind auf die Stirn, und am Morgen war sie tot.

Der Kaufmann trauerte, wie Männer trauern, die viel unterwegs sind, still und ohne viele Worte. Drei Jahre gingen ins Land. Das Haus war groß, und in den Zimmern, die niemand mehr betrat, blieb es kühl bis in den Sommer hinein. In der Nachbarschaft wohnte eine Witwe mit zwei Töchtern, und sie war freundlich zu ihm und ließ es ihn merken. Zuletzt dachte er, ein Kind braucht eine Mutter, und er nahm sie zur Frau und führte sie und die beiden Mädchen in sein Haus.

Anfangs war alles gut anzusehen. Die Stiefmutter sprach sanft, und die beiden Schwestern nannten Wassilissa Schwesterchen und flochten ihr das Haar. Aber Wassilissa war schöner als sie, und je älter sie wurde, desto deutlicher wurde es, und das ertrugen die drei nicht. Sie hofften, die Arbeit werde sie hart und rau machen und die Sonne ihr das Gesicht verbrennen. Darum schickten sie sie hinaus, sooft sie konnten, aufs Feld, an den Bach, in den Wald hinter der Hecke.

An einem Morgen im Januar schickten sie sie zum Brunnen, weil das Wasser im Haus ausgegangen war. Der Eimer war am Seil festgefroren, und Wassilissa musste das Eis mit dem Absatz aufschlagen, bis es in Scherben auf dem Rand lag. Als sie zurückkam, saßen die beiden Schwestern dicht beim Ofen und hielten die Füße an die warmen Kacheln, und die eine sagte, stell den Eimer dorthin, du bist ja doch schon draußen gewesen. Wassilissa stellte ihn hin und sagte nichts dazu.

Wassilissa aber trug die Puppe immer bei sich, in der Tasche ihres Rockes. Am Abend, wenn alle schliefen, schloss sie sich in ihre Kammer, stellte ein Schälchen Milch und ein Stück Brot vor die Puppe hin und sagte, iss ein wenig und höre mein Leid an. Dann erzählte sie alles der Reihe nach. Die Puppe aß, und ihre Augen glänzten dabei wie zwei kleine Kerzen, und danach sagte sie, leg dich schlafen, der Morgen ist klüger als der Abend.

Und während Wassilissa schlief, wurde die Arbeit getan. Das Unkraut lag gejätet am Rain, die Kohlbeete waren begossen, das Wasser stand in den Eimern, und die Asche war aus dem Ofen geräumt. Wassilissa brauchte nur noch im Schatten zu sitzen und Blumen zu brechen. So kam es, dass sie nicht rauer wurde, sondern schöner, und dass ihre Hände weiß blieben wie im ersten Jahr. Die Stiefmutter sah es und sagte nichts, aber ihr Mund wurde schmal.

So verging Jahr um Jahr, und keiner im Haus wusste, wovon das Mädchen lebte. Wenn die Stiefmutter nachts vor ihrer Kammertür stehen blieb, hörte sie nur ein Rascheln, wie von einer Maus im Stroh, und ein leises Reden, das gleich wieder aufhörte. Am Morgen war die Kammer leer bis auf das Bett und den Spinnrocken, und Wassilissa saß schon am Tisch und schnitt Brot, und ihr Gesicht war ruhig, als hätte sie die ganze Nacht durchgeschlafen.

In jenem Herbst musste der Kaufmann für lange Zeit über das Meer in ein fremdes Land. Kaum war er fort, zog die Stiefmutter mit den Mädchen in ein anderes Haus. Es stand am Rand eines dunklen Waldes, und auf einer Lichtung tief in diesem Wald wohnte die Baba Jaga. Niemand ging dorthin. Wer dorthin ging, kam nicht wieder. Die Stiefmutter schickte Wassilissa nun unter allerlei Vorwänden zwischen die Stämme hinein, aber das Mädchen kam jedes Mal heil zurück.

Dann kam ein Abend im Spätherbst, an dem der erste Frost auf den Zaunlatten lag. Die drei saßen in der Stube und arbeiteten bei einem einzigen Licht. Die ältere Schwester klöppelte Spitzen, die jüngere strickte einen Strumpf, und Wassilissa spann. Die Stiefmutter ging früh schlafen und nahm alle anderen Lichter mit hinaus. Sie hatten es verabredet, das merkte man an der Stille, die sie dabei einhielten, und daran, dass keine von ihnen aufsah.

Nach einer Weile stand die ältere Schwester auf, als wolle sie den Docht putzen, und ließ dabei die Flamme ausgehen. Nun war es finster in der Stube. Auch im Ofen glomm nichts mehr, im ganzen Haus war kein Fünkchen Feuer. Was sollen wir tun, sagte die eine. Wir müssen Feuer holen, sagte die andere. Ich gehe nicht, mir leuchten meine Nadeln. Und mir leuchten meine Spitzen. Also geht Wassilissa, sagten beide zugleich, und ihre Stimmen waren ganz ruhig dabei.

Sie schoben sie zur Tür hinaus und legten den Riegel vor. Draußen schlug ihr die Luft ins Gesicht, so kalt, dass sie zuerst nicht atmen konnte. Der Himmel stand klar über dem Hof, und über den schwarzen Wipfeln hingen die Sterne so dicht beieinander, wie sie nur im Frost hängen. Vom Wald her kam kein Laut. Wassilissa setzte sich auf die Schwelle, nahm die Puppe aus der Tasche und stellte ihr das letzte Stück Brot hin, das sie noch bei sich trug.

Iss ein wenig, sagte sie, und höre mein Leid an. Sie schicken mich zur Baba Jaga um Feuer. Die Puppe aß, und ihre Augen glommen auf im Dunkeln, und sie sagte, fürchte dich nicht. Geh, wohin sie dich schicken, und halte mich bei dir. Solange ich bei dir bin, geschieht dir nichts. Da band Wassilissa das Tuch fester unter dem Kinn, stand auf und trat auf den Weg, der in den Wald führte, und hinter ihr wurde das Haus erst ein dunkler Umriss und dann nichts mehr.

Sie war die ganze Nacht gegangen, und im ersten Grau hörte sie hinter sich Hufe. Ein Reiter kam den Weg herauf, ganz in Weiß, weißer Mantel, weißes Pferd, und selbst der Atem des Tieres stand weiß in der kalten Luft. Er ritt an ihr vorbei, ohne den Kopf zu wenden, und so leicht, dass das gefrorene Laub unter den Hufen kaum knirschte. Zwischen den Stämmen wurde er blass und war fort. Hinter ihm wurde es Morgen. Wassilissa blieb einen Augenblick stehen und ging dann weiter.

Als der Wald schon licht wurde, kam der zweite. Sie hörte ihn früher als den ersten, ein hartes gleichmäßiges Schlagen, das von hinten näher kam und lauter wurde, und dann war er neben ihr, rot gekleidet auf einem roten Pferd, und der Wind, den er mitbrachte, warf ihr das Tuch gegen die Wange. Einen Atemzug lang roch es nach heißem Eisen, so wie es an einer Schmiede riecht. In dem Augenblick, in dem er zwischen den Bäumen verschwand, ging die Sonne auf und lag rot auf dem Reif. Den ganzen Tag lief sie weiter über das gefrorene Laub, und die Puppe in ihrer Tasche wies ihr den Weg.

Gegen Abend sah sie zwischen den Stämmen eine helle Linie stehen, und als sie näher kam, erkannte sie, dass es ein Zaun war und dass er aus lauter Knochen bestand, dicht aneinandergestellt und oben mit Menschenschädeln besteckt. Das Tor bestand aus Beinen, der Riegel war eine Hand, und statt eines Schlosses hing ein Mund voller Zähne darin. Die Knochen waren glatt und hell wie Holz, das lange im Wasser gelegen hat, und auf den Rundungen der Schädel saß der Reif in einem feinen Rand. Dahinter stand eine kleine Hütte, niedrig und ohne ein Licht. Wassilissa blieb stehen und rührte sich nicht.

Die Dämmerung sank. Da hörte sie es zum dritten Mal, und diesmal kam es so schnell heran, dass sie kaum zur Seite treten konnte. Ein Reiter, schwarz von Kopf bis Fuß auf einem rabenschwarzen Pferd, ging dicht an ihr vorbei, so dicht, dass der Zug, den er machte, ihr kalt über das Gesicht strich, und am Tor nahm ihn die Luft, und er war nicht mehr da. Im selben Augenblick wurde es Nacht. Und in den Augenhöhlen der Schädel auf dem Zaun ging ein Licht an, eines nach dem anderen, bis der ganze Platz hell dalag wie ein Hof am Feiertag. Es war ein kaltes Licht, und es wärmte die Hände nicht, die sie hineinhielt.

Dann kam ein Rauschen durch den Wald, und die Bäume knackten. Die Baba Jaga fuhr heran in ihrem Mörser, trieb ihn mit dem Stößel und fegte die Spur hinter sich mit dem Besen zu. Am Tor hielt sie an, hob die Nase und sagte, hier riecht es nach Menschen. Wassilissa trat vor, verneigte sich tief und sagte, ich bin es, Großmütterchen. Die Töchter der Stiefmutter haben mich um Feuer geschickt. Ihre Stimme klang dünn und klein in der kalten Luft.

Die Alte musterte sie eine ganze Weile. Ich kenne sie, sagte sie. Bleib und arbeite für mich, dann bekommst du dein Feuer. Wenn nicht, so weißt du ja, wozu der Zaun da ist. Das Tor ging von selbst auf, und drinnen war es warm. Auf dem Ofen glomm Glut, und aus einer Truhe kam ein Essen nach dem anderen hervor, so viel, wie zehn Menschen nicht schaffen. Die Baba Jaga aß alles, und für Wassilissa blieb ein Krümchen Brot und ein Löffel Kohlsuppe.

Morgen, sagte die Alte, während sie sich hinlegte, fegst du den Hof, kehrst die Hütte, kochst das Essen und wäschst die Wäsche. Dann gehst du in die Kammer und liest mir den Weizen durch, Korn für Korn, und wirfst alles Verdorbene heraus. Ist es bis zum Abend nicht fertig, so sei dir das nicht wohl. Danach schlief sie ein und schnarchte so, dass die Balken zitterten, und draußen strich der Wind durch den Knochenzaun und pfiff leise darin.

Wassilissa stellte der Puppe die Reste hin und sagte, iss ein wenig und höre mein Leid an. Die Puppe aß und sagte, fürchte dich nicht. Iss du auch und bete und leg dich schlafen, der Morgen ist klüger als der Abend. Als sie am Morgen erwachte, war die Alte schon fort, und der Hof war gefegt, die Hütte gekehrt, die Wäsche gewaschen und hing steif im Frost an der Leine. Die Puppe hatte in der Nacht alles getan, ehe Wassilissa noch aufwachte. Ihr blieb nur, das Essen zu kochen, und das tat sie gründlich, denn sie wusste nicht, was die Alte am Abend nachsehen würde.

Der Weizen lag in der Kammer auf einer ausgebreiteten Decke, ein Haufen so hoch wie ein Knie, und wer hineingriff, hatte lauter schwarze und angelaufene Körner zwischen den guten. Es roch nach Staub und ein wenig nach Mäusen. Während Wassilissa am Herd stand und Holz nachlegte, hörte sie aus der Kammer ein feines gleichmäßiges Rieseln, wie wenn weit weg ein Regen auf ein Dach fällt. Als die Sonne sank, war kein verdorbenes Korn mehr darin, und die guten lagen aufgehäuft wie ein kleiner Berg, trocken und glatt.

Am Abend kam wieder der schwarze Reiter vorbei, und wieder gingen die Lichter in den Schädeln an. Die Baba Jaga ging durch das Haus, fuhr mit dem Finger über die Bänke und fand nichts. Dann rief sie in die Stube hinein, meine treuen Diener, mahlt mir den Weizen. Da kamen drei Paar Hände aus der Luft, nahmen das Korn und trugen es fort, und Wassilissa stand still dabei und fragte nicht, woher sie kamen. Sie sah ihnen ruhig nach.

Am zweiten Tag hieß es, nimm den Mohn, der dort in der Ecke steht, er ist voll Erde, und lies die Erde heraus, Körnchen für Körnchen. Das war die schwerere Arbeit, und die Alte gab weniger Zeit dafür. Der Mohn war schwarz, und die Erde war schwarz, und mit den Augen ließ sich zwischen beiden nichts unterscheiden, man musste es mit den Fingerspitzen tun. Wassilissa heizte den Ofen und setzte die Bohnen auf und ging zweimal an der offenen Kammertür vorbei. Drinnen war es diesmal ganz still.

Als sie am Nachmittag hineinsah, lag der Mohn zu einem flachen Kreis ausgestrichen, und daneben lag die Erde in einem kleinen dunklen Häufchen, und auf den Dielen ringsherum stand ein feiner Staub, der sich an die Hände hängte und sich nicht abwischen ließ. Am Abend rief die Alte wieder ihre Diener und ließ den Mohn zu Öl pressen, und wieder kamen die Hände und nahmen die Schüssel mit, und der Geruch von frischem Öl blieb noch lange in der Stube. Wassilissa sah zu Boden. In ihrer Tasche lag die Puppe ganz warm an ihrer Hüfte.

Warum fragst du nichts, sagte die Baba Jaga. Wenn du willst, darfst du fragen. Aber nicht alles, was man fragt, ist gut zu wissen. Da fragte Wassilissa nur nach den Reitern. Der Weiße, sagte die Alte, ist mein heller Tag. Der Rote ist meine rote Sonne. Der Schwarze ist meine dunkle Nacht. Sie alle drei sind meine treuen Diener. Und die Hände, dachte Wassilissa, aber die Puppe wurde schwer wie ein Stein in der Tasche, und sie schwieg.

Nun frage ich dich, sagte die Alte. Wie schaffst du die Arbeit, die ich dir aufgebe. Wassilissa antwortete, mir hilft der Segen meiner Mutter. Da fuhr die Baba Jaga auf und schob sie zum Tor hinaus. Gesegnete brauche ich hier nicht, sagte sie. Sie nahm einen Schädel vom Zaun, in dem das Feuer brannte, steckte ihn auf einen Stab und gab ihn dem Mädchen in die Hand. Hier hast du dein Licht, sagte sie, bring es deinen Schwestern und geh.

Wassilissa lief die ganze Nacht durch den Wald, und der Stab warf ihr das Licht auf den Weg, ein Licht wie von einer Laterne, nur weißer. Gegen Morgen kam Schnee, ganz fein und ohne Wind, und die Flocken fielen in den Schein und wurden darin sichtbar und verschwanden wieder. Am nächsten Abend sah sie das Haus der Stiefmutter vor sich liegen, dunkel und ohne einen Funken, denn seit jener Nacht hatte dort kein Feuer mehr brennen wollen.

Sie wollte den Schädel am Zaun stehen lassen, aber eine Stimme aus ihm heraus sagte, lass mich nicht hier. Bring mich hinein. Da trug sie ihn hinein, und die drei Frauen kamen ihr entgegen und redeten freundlich, wie sie lange nicht geredet hatten, denn sie froren seit vielen Tagen. Der Schädel aber wandte die brennenden Augen nach ihnen, und was in dieser Nacht in der Stube geschah, war am Morgen vorbei, und es lag nur noch Asche auf dem Boden.

Wassilissa grub den Schädel im Garten ein, schloss das Haus ab und ging in die Stadt, wo eine alte Frau sie bei sich aufnahm. Den Winter über spann Wassilissa einen Faden, so fein, dass man ihn durch ein Nadelöhr ziehen konnte wie ein Haar, und die Puppe baute ihr einen Webstuhl aus Rahmen und Schnüren. Bis zum Frühjahr lag ein Leinen auf dem Tisch, weiß wie Rauch über Schnee. Solches Leinen hatte in der Stadt noch niemand gesehen.

Die Alte trug es zum Zaren, und der Zar hielt es gegen das Licht und sagte, daraus will ich Hemden haben. Aber keine Näherin wagte sich an den Stoff. Da ließ er sagen, wer gewebt hat, soll auch nähen. So kam das Leinen zurück, und Wassilissa setzte sich ans Fenster und schnitt es zu. Draußen ging das Eis auf dem Fluss, man hörte es die halbe Nacht knacken, und drinnen brannte eine Kerze über ihrer Hand. Die Puppe saß neben der Schere auf dem Tisch.

Als die Hemden fertig waren, brachte sie sie selbst in den Palast, und der Zar sah zuerst die Naht und dann das Mädchen und wollte sie danach nicht mehr fortlassen. Ihr Vater kam im Sommer über das Meer zurück und fand sie dort wieder. Die alte Frau blieb bei ihr, und die Puppe trug Wassilissa bis an ihr Ende in der Tasche, ein kleines Ding aus Leinen und rotem Tuch mit einem gemalten Gesicht, das jeden Abend sein Schälchen Milch bekam.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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