Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Hurtigløberne · 3 Minuten zu lesen

Die Schnellläufer

Es war ein Preis ausgesetzt worden, genauer gesagt zwei: ein großer und ein kleiner, für die größte Schnelligkeit — nicht in einem einzelnen Wettlauf, sondern übers ganze Jahr gerechnet, damit es gerecht zugehe. Das Preisgericht bestand aus Tieren von Verstand und Ansehen, und es beriet lang und gründlich, wie Preisgerichte das tun, besonders wenn hinterher doch jeder unzufrieden sein soll.

Den ersten Preis bekam der Hase. Das leuchtete den meisten ein, denn schnell war er ohne Frage, und außerdem war er mit dem halben Preisgericht verwandt, was der Sache bekanntlich nie schadet. Den zweiten Preis aber — den bekam die Schnecke. Und nun erhob sich das große Gerede im ganzen Feld. Die Schnecke! Sie hatte ein volles halbes Jahr gebraucht, um über die Türschwelle zu kommen, und sich dabei in der Eile das Haus verrenkt. Aber das Preisgericht blieb fest: Gerade darin liege das Verdienst. Die Schnecke habe ihr ganzes Leben in den Dienst des Laufens gestellt, sie sei sozusagen die Schnelligkeit selbst, nur eben auf lange Sicht, und Fleiß und guter Wille seien höher zu achten als bloße Begabung. So wurde es zu Protokoll gegeben, und dagegen läuft man nicht an, am wenigsten schnell.

Die Schwalbe, die schnellste von allen, ging leer aus; sie sei zu viel im Ausland, hieß es, und wer den Sommer über fortfliege, könne nicht erwarten, dass man ihn daheim auszeichne. Die Fliege erklärte daraufhin, sie ziehe ihre Bewerbung zurück, sie habe es ohnehin nicht nötig, sie sei schließlich schon jedem davongeflogen, der nach ihr geschlagen habe. Und der alte Zaunpfahl, der das alles mit anhörte, sagte zu dem Landvermessungszeichen neben sich: In meiner Jugend, da liefen die Preise noch anders. Worauf das Zeichen erwiderte, es stehe seit vierzig Jahren an derselben Stelle und habe noch keinen Preis anders laufen sehen als vorbei. So hatte jeder seine Meinung, und der Maulesel, der auch im Preisgericht saß, fasste zusammen: Ich muss sagen, ich erwarte viel von der Zukunft. Es hat schon so gut angefangen.

Die Schnecke selbst nahm ihren zweiten Preis übrigens mit vollkommener Würde entgegen. Sie bedankte sich in einer Rede, die zwei volle Tage dauerte, weil sie zwischen den Sätzen ausruhte, und schloss mit dem Satz, sie habe immer gewusst, dass Beharrlichkeit am Ende gesehen werde — man müsse dem Ende nur genügend Zeit lassen. Das schrieben sich einige hinter die Ohren, und es ist vielleicht das einzig wirklich Brauchbare, das bei dem ganzen Wettbewerb herausgekommen ist.

Der Hase übrigens genoss seinen ersten Preis genau einen Nachmittag lang; dann hatte er den Kohlgarten satt, im wörtlichsten Sinn, und lief wieder seine Runden über das Feld, ohne Preis und ohne Grund, aus purer Freude am Laufen. Das war vielleicht das Vernünftigste, was an diesem ganzen Wettbewerb geschah — es sah ihm nur keiner mehr zu.

Nur die wilde Rose am Zaun sagte während der ganzen Verhandlung kein einziges Wort. Sie hätte sagen können, dass die Sonne in einer Minute über das ganze Feld läuft und keinen Preis dafür verlangt, oder dass der Duft, den sie selbst verströmte, schneller bei den Herzen ankam als der Hase am Kohlgarten. Aber Rosen bewerben sich nicht; das ist ihre Art von Vornehmheit. So blieb es bei den zwei Preisen und dem vielen Gerede, und das Jahr lief weiter, so schnell und so langsam wie immer — es war, wenn man es genau nimmt, der einzige wirkliche Schnellläufer in dieser ganzen Geschichte, und es hat bis heute keinen Preis dafür bekommen. Vielleicht, weil niemand da wäre, ihn zu überreichen. Es sind eben alle immer mittendrin.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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