Nach Wilhelm Hauff · 13 Minuten zu lesen
Die Sage vom Hirschgulden
Es war einmal, vor vielen hundert Jahren, da standen auf der Schwäbischen Alb drei Burgen auf drei Bergen, so nah beieinander, dass man von der einen zur anderen hätte rufen können, wenn der Wind günstig stand. Die eine hieß Zollern und war die stolzeste, hoch oben auf einem runden, steilen Berg, von dem aus man weit und frei ins Land sah. Die zweite hieß Hirschberg, und die dritte Schalksberg. Und auf diesen Burgen, so erzählt man sich, nahm vor langer Zeit eine Geschichte ihren Anfang, die von Hochmut und Habgier handelt — und davon, wie ein gutes, stilles Herz am Ende doch das letzte Wort behält.
Auf der Burg Zollern lebte damals ein Graf, der von Natur ein sonderbarer, mürrischer Mann war. Er drückte seine Untertanen nicht, und er lebte mit niemandem in Fehde, und doch traute ihm keiner recht über den Weg. Denn er sprach wenig, und wenn man ihm etwas erzählte, so brummte er meist nur: Weiß schon, dummes Zeug. Misstrauisch war er und schwer zufriedenzustellen, und so saß er oft allein in seinen kalten Gemächern, während draußen die Sonne über das weite Land zog.
Eine aber gab es, die ihn liebte, wie er war: seine Frau, die gute Gräfin Hedwig. Sie verzieh ihm seine Grobheiten und seine düsteren Launen, und sie schenkte ihm einen Sohn, den nannten sie Kuno. Kuno war ein sanfter, freundlicher Knabe, mit hellen Augen und einem offenen Wesen, und seine Mutter liebte ihn von Herzen. Der Graf aber wusste mit so viel Sanftmut wenig anzufangen, denn er hatte sich einen rauen, derben Buben gewünscht und keinen stillen Träumer.
Eines Tages ritt der Graf zur Jagd, und er nahm den kleinen Kuno mit, der noch keine sechs Jahre alt war. Man setzte das Kind auf ein ruhiges Pferd, und Konrad, der treue Knappe, hielt sich dicht an seiner Seite. Doch im Wald, als die Hörner bliesen und die Hunde bellten, da scheute Kunos Pferd vor einem aufgeschreckten Wild, riss sich los und jagte davon, und der kleine Kuno, der mit dem Fuß im Bügel hängen geblieben war, wurde mitgeschleift über Wurzeln und Steine.
Der Graf erbleichte, und Konrad sprengte hinterher, so schnell sein Ross ihn trug. Aber das scheue Pferd war schneller, und bald war es zwischen den Bäumen verschwunden. Lange suchten sie, und der Graf glaubte schon, seinen Sohn nicht mehr lebendig wiederzusehen. Da, am Rand einer stillen Lichtung, fanden sie ihn endlich — wohlbehalten, in den Armen einer alten Frau, die ihn an sich gedrückt hielt und ihm sanft über das Haar strich.
Es war die Frau Feldheimerin, eine uralte Frau, die tief im Wald wohnte und von der die Leute sagten, sie verstehe sich auf mancherlei, was anderen verborgen blieb. Sie hatte das durchgehende Pferd am Wege gesehen, hatte das Kind aus dem Bügel gelöst, ehe ihm Schlimmes geschah, und es beruhigt, bis es nicht mehr weinte. Nun hielt sie es dem Vater entgegen und sagte ruhig: Bist ein guter, frommer Junge. Bleibe nur so, und es wird dir nichts fehlen.
Der Graf war erleichtert, wie nur ein Vater erleichtert sein kann. Doch kaum hatte er den Schreck überwunden, da kehrte schon seine alte mürrische Art zurück. Die Frau Feldheimerin meinte, ein Hirschgulden sei ein angemessener Lohn für eine so gute Tat — ein Hirschgulden, das war ein altes Silberstück, auf dem ein springender Hirsch geprägt war. Der Graf aber, knauserig und misstrauisch, wollte ihr den Gulden nicht geben. Stattdessen griff er höhnisch in seinen Beutel und hielt ihr drei dünne Kupferpfennige hin, als sei das mehr als genug für ein altes Weib aus dem Wald.
Da geschah etwas Seltsames. Die Frau Feldheimerin nahm die drei Pfennige, sah sie einen Augenblick an — und schnippte sie mit den Fingern in die Luft. Und die Münzen flogen, als zöge sie eine unsichtbare Hand, zurück in den Geldsack des Grafen, hinein, mitten zwischen sein anderes Geld. Dem Grafen blieb vor Staunen das Wort im Halse stecken, und für einen Moment kam ihm die Alte fast wie eine Hexe vor.
Die Frau Feldheimerin aber ließ sich nicht beirren. Sie drohte ihm sacht mit dem Finger und sprach die Worte, die später noch oft wiederholt werden sollten: Zollern, Zollern, den Hirschgulden bleibt Ihr mir noch schuldig! Und sie fügte hinzu, halb zu sich selbst: Man werde schon noch sehen, wie viel von seinem ganzen Erbe einmal um einen einzigen Hirschgulden zu kaufen sei. Dann stützte sie sich auf ihr Stäbchen und schritt langsam in den Wald hinein, unbekümmert um das Schimpfen des Grafen. Konrad aber, der Knappe, hob den kleinen Kuno zitternd in den Sattel, schwang sich hinter ihn und ritt seinem Herrn nach, den Schlossberg hinauf.
Von jenem Tag an aber, so seltsam es klingt, erlosch das Wenige, das der Graf für seinen Sohn empfunden hatte. Er hielt ihn nun für einen Weichling, weil er sich hatte mitschleifen lassen, und er wandte sich von ihm ab. Die gute Gräfin Hedwig, die das mit ansehen musste, härmte sich darüber, und ihr Kummer zehrte an ihr, bis sie krank wurde und still verschied. So verlor der kleine Kuno früh seine Mutter, und er stand allein in der großen, kalten Burg.
Nicht lange danach nahm sich der Graf eine neue Frau, eine Witwe, die selbst zwei Söhne mitbrachte, Wolf und Schalk hießen sie. Die beiden waren so rau und derb, wie der Graf es sich immer gewünscht hatte, und sie wussten ihn zu nehmen. Die Stiefmutter aber sah in Kuno nur ein Hindernis, das zwischen ihren eigenen Söhnen und dem Erbe stand, und Tag für Tag träufelte sie dem Grafen leise Worte ins Ohr, bis sein Herz sich ganz von Kuno abgewandt hatte.
Die Jahre gingen, und der alte Graf wurde schwächer, und endlich kam der Tag, da er starb. Als man sein Testament öffnete, zeigte sich, was die Stiefmutter erreicht hatte. Kuno, der Erstgeborene, dem von Rechts wegen die Burg Zollern zugestanden hätte, die stolze Stammburg, in der auch seine leibliche Mutter begraben lag, Kuno bekam sie nicht. Ihm wurde nur die Burg Hirschberg zugesprochen. Den Zollern erhielt der eine Stiefbruder, Wolf, und die Schalksberg der andere, der Schalk.
Kuno aber war nicht der Mensch, der mit dem Schicksal haderte. Er zog auf die Burg Hirschberg, und weil sein Herz gut und einsam war, holte er die zwei Menschen zu sich, die ihm aus seiner Kindheit lieb geblieben waren: den alten Schlosskaplan, der ihn einst getauft und ihm Lesen und Beten beigebracht hatte, und die uralte Frau Feldheimerin, die ihn damals im Wald gerettet hatte. Die beiden alten Leute durften nun auf Hirschberg ihren Lebensabend verbringen, in Ruhe und Wärme, und Kuno saß abends bei ihnen am Feuer und hörte ihren Geschichten zu, und es war ein stilles, gutes Leben.
Zu Kunos Besitz gehörte auch die kleine Stadt Balingen am Fuß des Berges und ein klarer Fischteich, und Kuno war seinen Leuten ein milder, gerechter Herr. Er nahm keinem das Seine, er half, wo er konnte, und die Menschen in Balingen hatten ihn von Herzen gern. Nur eines wollte ihm nicht gelingen: der Friede mit seinen Brüdern.
Denn Wolf und Schalk waren gierig geraten, ganz nach dem Sinn ihrer Mutter. Sie sahen scheel auf Kunos Hirschberg, auf die Stadt Balingen, auf den Fischteich, und vor allem hatten sie es auf den kostbaren Schmuck abgesehen, den Kunos verstorbene Mutter, die Gräfin Hedwig, hinterlassen hatte. Sie hofften im Stillen, Kuno möge bald sterben, denn er hatte keine Kinder, und dann fiele alles an sie. Kuno aber, der nichts so sehr wünschte wie Eintracht, ritt mehr als einmal zu ihnen hinüber, bot ihnen die Hand und suchte Versöhnung. Doch jedes Mal wurde er kühl abgewiesen, mit Spott und mit verschlossenen Toren, und jedes Mal ritt er trauriger nach Hause.
Eines Tages kam Kuno zu Ohren, was seine Brüder einander versprochen hatten: An dem Tag, an dem er sterben würde, wollten sie zur Feier von ihren Burgen Freudenschüsse abfeuern, laut und weithin hörbar, dass das ganze Land es vernehme. Kuno wollte es zuerst nicht glauben. Aber er beschloss, es auf die Probe zu stellen. Er ließ die Nachricht ausstreuen, der Herr von Hirschberg liege im Sterben. Und es dauerte nicht lange, da rollte es von den beiden anderen Bergen herüber, ein dumpfes Donnern, einmal, zweimal, von Zollern und von der Schalksberg, Freudenschüsse, hell und froh, wie man sie zu einem Fest abfeuert.
Kuno stand auf seiner Burg und hörte es, und er wusste nun, woran er war. Es tat ihm weh, tiefer, als er gedacht hätte. Aber er weinte nur kurz, und dann wurde sein Blick ruhig und klar. Von diesem Tag an wusste Kuno, was er zu tun hatte.
Er ließ heimlich einen Boten zum mächtigen Grafen von Württemberg reiten, und er setzte mit ihm eine Urkunde auf, fest gesiegelt und unanfechtbar. Darin verfügte Kuno, dass sein ganzes Erbe — die Burg Hirschberg, die Stadt Balingen, der Wald, das Feld und selbst der Fischteich — auf den Fall seines Todes an Württemberg verkauft sei. Und der Preis für all das, für dieses ganze schöne Gut? Ein einziger Hirschgulden.
Den Schmuck seiner Mutter aber, das Liebste, was er besaß, nahm Kuno aus dem Handel heraus. Er bestimmte, dass man dafür in der Stadt Balingen ein Armenhaus errichten solle, ein Haus, in dem die Alten und die Kranken und die Verlassenen ein Dach über dem Kopf und ein warmes Lager finden würden. So sollte das Andenken seiner Mutter weiterleben — nicht als Schmuck an gierigen Händen, sondern als Trost für die, die nichts hatten.
Kuno lebte danach noch eine geraume Weile, still und in Frieden auf seiner Burg. Seine beiden alten Freunde aber, der Schlosskaplan und die Frau Feldheimerin, waren hochbetagt, und einer nach dem anderen schlief sanft hinüber, wie eine Kerze, die ruhig herunterbrennt. Kuno betrauerte sie und blieb nun ganz allein. Und auch ihm war kein langes Leben beschieden — er war noch jung, erst achtundzwanzig Jahre alt, als er eines Tages still und ohne Klage seine Augen schloss. Die Leute von Balingen aber trauerten aufrichtig um ihn, denn sie hatten einen guten Herrn verloren.
Kaum hatte sich die Kunde von Kunos Tod verbreitet, da eilten Wolf und Schalk herbei. Sie machten lange Gesichter und klagten und wehklagten, aber in ihren Herzen waren sie fröhlich, denn nun, so meinten sie, falle ihnen das ganze schöne Erbe zu, die Burg, die Stadt, der Schmuck, alles. Sie standen schon und teilten in Gedanken, was ihnen gehören sollte.
Da aber trat ein Ritter aus Württemberg vor sie hin, ein Kommissär des Grafen, und er zog ein Pergament hervor, mit hinlänglichen Siegeln. Er las ihnen vor, was der dumme Kuno, wie sie ihn genannt hatten, verfügt hatte: dass sein ganzes Erbe an Württemberg verkauft sei, um einen elenden Hirschgulden. Und dass der Schmuck der Mutter einem Armenhaus in Balingen gehöre. Dann legte der Kommissär jedem der Brüder einen einzigen Hirschgulden in die Hand. Das war ihr ganzes Erbe.
Die Brüder erstarrten. Sie lachten nicht und sie schrien nicht, sie bissen nur die Zähne zusammen, denn gegen das mächtige Württemberg war nichts auszurichten. So hatten sie das schöne Gut verloren, Wald und Feld, die Stadt Balingen und sogar den Fischteich, und nichts geerbt als einen schlechten Hirschgulden.
Wolf steckte die Münze trotzig in sein Wams, warf das Barett auf den Kopf und ritt ohne Gruß davon, hinauf nach Zollern. Am anderen Morgen aber, als die Stiefmutter ihn mit Vorwürfen plagte, dass sie nun alles verscherzt hätten, da ritt Wolf hinüber zur Schalksberg, zu seinem Bruder. Wollen wir unser Erbe verspielen oder vertrinken, fragte er. Vertrinken ist besser, sagte der Schalk, dann haben wir wenigstens beide etwas davon. Wir reiten nach Balingen und lassen uns den Leuten zum Trotz dort sehen.
Und so ritten die beiden hinab in die Stadt, in das Wirtshaus zum Lamm, und ließen sich Wein bringen und tranken, einen ganzen Hirschgulden wert. Als es ans Bezahlen ging, zog Wolf das Silberstück mit dem springenden Hirsch hervor, warf es auf den Tisch und sagte: Da habt Ihr Euren Gulden, so wird es stimmen. Der Wirt aber nahm die Münze, drehte sie nach links, drehte sie nach rechts, und sagte lächelnd: Ja, wenn es kein Hirschgulden wäre. Aber gestern Nacht kam ein Bote aus Stuttgart, und heute früh hat man es im Namen des Grafen von Württemberg ausgetrommelt: Die Hirschgulden sind abgewertet und gelten nichts mehr. Gebt mir anderes Geld.
Da sahen sich die beiden Brüder erbleichend an. Zahl du, sagte der eine. Hast du keine andere Münze, sagte der andere. Aber sie hatten keine. Und so mussten sie den Wein schuldig bleiben im Lamm zu Balingen — sie, die einst auf drei Burgen geboren waren, hatten am Ende sogar weniger als gar nichts.
Schweigend und nachdenklich ritten sie ihres Weges, und als sie an den Kreuzweg kamen, wo es rechts nach Zollern und links nach Schalksberg ging, da fiel ihnen ein, was die alte Frau Feldheimerin vor so langer Zeit gesagt hatte: dass man einmal sehen werde, wie viel von dem ganzen Erbe um einen Hirschgulden zu haben sei. Nun war es eingetroffen, Wort für Wort.
So endet die Sage vom Hirschgulden. Die gierigen Brüder gingen leer aus, wie es jenen am Ende oft ergeht, die nur an sich denken. Der stille, gütige Kuno aber, den sie verlacht hatten, lebt weiter in dieser Geschichte — und lebte weiter in dem Armenhaus zu Balingen, das vielen Müden ein Obdach gab, lange noch, nachdem die Burgen längst still geworden waren. Denn was aus einem guten Herzen kommt, das überdauert das Gold.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.