Frei nach Hans Christian Andersens En Rose fra Homers Grav · 4 Minuten zu lesen
Die Rose vom Grabe Homers
Alle Lieder des Morgenlandes erzählen von der Liebe der Nachtigall zur Rose: In den stillen sternklaren Nächten singt der Vogel seiner duftenden Blume das Ständchen, und die Rose hört zu, wie Rosen zuhören — still und ein wenig zu schön, um ganz bescheiden zu sein. Nicht weit von Smyrna, unter hohen Platanen, liegt ein alter Grabhügel, von dem die Menschen seit je sagen: Hier ruht Homer, der größte Sänger der alten Zeit. Und auf diesem Hügel blühte ein Rosenstrauch, und die schönste seiner Rosen war die Heldin dieser kleinen Geschichte.
Es ist ein besonderer Ort, dieser Hügel unter den Platanen. Am Tag flirrt die Luft über den Steinen, die Zikaden sägen ihr endloses Sommerlied, und Hirten treiben ihre Ziegen vorbei, ohne zu ahnen, an wem. Aber am Abend, wenn die Hitze abzieht und das Meer in der Ferne violett wird, bekommt der Hügel etwas Feierliches: Dann liegt er da wie ein Altar, den niemand mehr bedient und der es nicht nötig hat, denn das Größte, was auf ihm geopfert wurde, sind ja die Lieder, und die brennen noch. Reisende, die dort gesessen haben, sagen, man höre das Meer und die Zikaden auf einmal wie Verse. Das bildet man sich ein, gewiss. Aber an solchen Orten ist Einbildung die genaueste Art wahrzunehmen.
Um sie sang eine Nachtigall Nacht für Nacht ihr süßestes Lied. Die Rose aber dachte bei sich: Ich blühe auf dem Grab des größten Sängers der Welt — was ist mir da ein Vogel im Gezweig? So kann man denken, wenn man auf berühmter Erde wurzelt, und die Nachtigall sang trotzdem weiter, denn echte Sänger fragen nicht nach dem Dank; das hatte sie mit dem alten Herrn unter dem Hügel gemeinsam.
Man muss der Rose ihren Stolz übrigens ein wenig nachsehen, denn sie hatte ihn nicht ganz von selbst. Die Reisenden, die zum Hügel kamen, redeten ja ständig auf sie ein: Da blüht sie, die Rose von Homers Grab, riefen sie und zeichneten sie in ihre Bücher, und mancher nahm ein Blatt als Andenken. Wenn einem jeden Tag gesagt wird, man sei etwas Besonderes, dann glaubt man es am Ende — Rosen geht es da wie Menschen. Die Nachtigall hätte ihr erzählen können, dass das Besondere nicht am Wohnort hängt, sondern am Blühen selbst; Nachtigallen wissen das, sie singen ja auch im Gebüsch am Straßenrand nicht schlechter als am Königsgrab. Aber die Rose fragte nicht. Schönheit fragt selten. Das ist ihr einziger Fehler, und sie hat ihn seit Homers Zeiten.
Eines Morgens dann, als die Rose eben aufgeblüht war, kam ein Fremder aus dem hohen Norden den Weg herauf, ein Reisender mit hellen Augen, der das Grab des Dichters sehen wollte, dessen Verse ihn durch sein halbes Leben begleitet hatten. Er brach die Rose — behutsam, wie man etwas bricht, das man ehren will —, legte sie zwischen die Seiten des Buches, das er bei sich trug, und es war kein geringeres Buch als der alte Homer selbst. So gepresst und geborgen reiste die Rose mit ihm fort, über das Meer, durch fremde Länder, bis in seine ferne Heimat, und die Nachtigall am Grab sang ihr Abschiedslied allein in den Morgen. Der Rose aber träumte auf der langen Reise, sie sei noch daheim und die Nachtigall singe — und als sie erwachte, lag sie zwischen den Versen des großen Sängers und begriff, dass sie nun für immer dort wohnen würde, wo die Lieder selbst wohnen.
Dort liegt sie noch heute: eine trockene stille Rose zwischen den Seiten eines viel gelesenen Buches, in einem Land voller Winter, und duftet noch ganz leise, wenn man das Buch an der richtigen Stelle aufschlägt. Sie ist nie verwelkt, sie hat nur die Gestalt gewechselt — aus einer Blume ist ein Andenken geworden, und Andenken blühen länger. Am alten Hügel bei Smyrna aber blüht der Strauch jedes Jahr aufs Neue, und jedes Jahr singt eine neue Nachtigall einer neuen schönsten Rose ihr Lied. So hat jede Nacht dort ihre Musik — seit Homers Zeiten, und so bald hört das nicht auf.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.