Nach griechischer Überlieferung · 9 Minuten zu lesen
Die Rinder des Helios und die Insel der Kalypso
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über Meer und Wind geboten, trieb ein einzelnes Schiff auf dem weinroten Wasser. Es war das letzte Schiff des listenreichen Odysseus, der Sohn des Laertes, und seine Männer ruderten mit müden Armen, denn sie hatten Dinge gesehen, die kein Sterblicher je vergessen würde. Hinter ihnen lagen die Unterwelt, der Gesang der Sirenen, und die donnernde Enge zwischen Skylla und Charybdis, jener reißende Strudel, der das Wasser in sich hineinzog wie ein schlafendes Ungeheuer den Atem. Odysseus saß am Heck und blickte voraus, wo am Horizont eine dunkle Linie erschien, die Umrisse einer Insel, die im Abendlicht ruhig und golden dalag.
Die Männer erkannten die Insel bald, denn die Zauberin Kirke hatte sie gewarnt: Es war Thrinakia, die Insel des Sonnengottes Helios, auf der die heiligen Rinder weideten. Zwölf Herden standen dort auf den Wiesen, und so viele Schafe dazu, dreihundertfünfzig an der Zahl in jeder Herde, ewig gleichbleibend, denn keines dieser Tiere wurde je geboren und keines starb. Helios, der die Sonne täglich über den Himmel lenkte, liebte diese Tiere wie kein anderes Gut auf Erden, und die Götter selbst hatten ihn darin bestärkt. Kirke hatte gemahnt, und auch der Seher Teiresias hatte es gesagt: Berührt diese Tiere nicht, und ihr werdet Heimat sehen.
Odysseus kannte die Warnung. Noch bevor der Kiel auf dem Sand der Insel auflief, trat er zu seinen Männern und sprach mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme. Hört mich, Gefährten. Diese Insel birgt eine Gefahr, die keine Waffe abwehren kann. Die Rinder hier sind heilig, dem Sonnengott geweiht. Lasst sie unberührt, esst von den Vorräten, die wir an Bord haben, und sobald der Wind günstig steht, stechen wir wieder in See. Die Männer nickten, und der treueste unter ihnen, Eurylochos, schwor im Namen aller, kein einziges Tier anzurühren. So legten sie an und zogen ihre Schiffe auf den Strand.
In den ersten Tagen hielten sie ihr Wort. Sie aßen vom Brot und vom gesalzenen Fleisch ihrer Vorräte, sie tranken frisches Wasser aus einem Bach, der klar durch die Wiesen lief, und sie saßen abends am Feuer und blickten auf das Meer, das glatt und windlos dalag. Aber der Wind blieb aus. Einen Tag, dann zwei, dann eine Woche, und noch eine. Das Meer lag wie blankes Metall, ohne Wellenkamm, ohne Brise, und der Himmel über der Insel war tagsüber von gleißendem Sonnenlicht erfüllt, als schaute Helios selbst herunter und hielt die Winde in seiner Faust. Die Vorräte schwanden, und die Männer wurden hungrig.
Odysseus zog sich oft allein in das Innere der Insel zurück, um zu beten. Er wandte sich an alle Götter des Olymp und flehte um günstigen Wind, um Abfahrt, um Rettung. Eines Tages, als er so betete und die Erschöpfung ihn überwältigte, fiel er in tiefen Schlaf unter einem Olivenbaum, und die Götter ließen ihn schlafen. In seiner Abwesenheit aber geschah, was geschehen musste. Eurylochos, den die Verzweiflung der Männer drückte wie ein Stein auf der Brust, trat vor die Gefährten und sprach. Er sagte, alle Tode seien bitter, aber der Tod durch Hunger sei das Bitterste, und die Rinder hier seien fett und gesund, und nach der Heimkehr könnten sie dem Sonnengott einen Tempel bauen, der schöner sei als jeder andere.
Die Männer trieben einige der heiligen Rinder zusammen, und sie töteten sie, und sie rösteten das Fleisch über dem Feuer. Als Odysseus erwachte und den Rauch roch und die Düfte erkannte, fuhr er auf und lief zurück zum Strand, und sein Herz wurde schwer, denn er wusste, was dieser Rauch bedeutete. Doch das Fleisch war bereits am Feuer, und die Götter hatten schon gesehen, was geschehen war.
Es heißt, dass die Häute der getöteten Tiere sich bewegten wie lebendige Dinge, und dass das Fleisch am Spieß seltsame Laute von sich gab. Drei Tage lang aßen die Männer und warteten. Am vierten Tag endlich regte sich der Wind. Sie stachen in See, und die Insel versank hinter ihnen im Dunst. Aber die Götter hatten beraten, und ihr Urteil war gefällt. Zeus, der wolkenversammelnde Herrscher des Olymp, hatte Helios gehört, der klagte und drohte, seine Sonne in die Unterwelt zu lenken, wenn seine Rinder nicht gerächt würden.
Wisse, Helios, sprach Zeus in den goldenen Hallen des Olymp, dein Schmerz wird nicht unbeantwortet bleiben. Gerecht ist, was du forderst. Und Zeus griff nach dem Donnerkeil. Kaum war das Schiff der Ithakeer auf offener See, da zogen Wolken zusammen, schwer und dunkel, und der Wind wurde zum Sturm. Ein Blitz fuhr in den Mast. Der Mast brach und schlug die Männer nieder, die ihn hatten halten wollen. Das Schiff zerbrach, und die See verschlang es. Von allen Männern, die mit Odysseus aus Troja aufgebrochen waren, überlebte an jenem Tag keiner außer Odysseus selbst. Er klammerte sich an Balken und Planken und trieb auf dem Wasser, und das Meer warf ihn lange hin und her.
Er hatte alles verloren, seine Schiffe, seine Gefährten, die Männer, mit denen er zehn Jahre lang gekämpft und gereist und gelitten hatte. Nur er allein trieb weiter, unter dem leeren Himmel, auf dem weinroten Meer. Der Strom trug ihn durch die Nacht und durch den folgenden Tag, bis er schließlich auf ein felsiges Ufer gespült wurde. Es war eine Insel, grün und still, von Bäumen umgeben, die er nicht kannte, und von einem Vogelruf, den er noch nie gehört hatte.
Er lag am Strand und schlief, und als er erwachte, stand jemand vor ihm. Eine Frau stand da, schön wie das Licht des frühen Morgens, in ein blaues Gewand gekleidet, das im Wind bewegte. Es war Kalypso, die Nymphe, Tochter des Atlas, die auf dieser Insel lebte, fern von allen anderen Wesen der Welt. Die Insel hieß Ogygia, und es war ein Ort, den keine Sterblichen je von sich aus fanden.
Kalypso nahm den erschöpften Mann in ihre Höhle, die von wilden Reben umrankt war und nach Zedernholz und Wacholder duftete. Sie pflegte ihn, gab ihm zu essen und zu trinken, und Odysseus erholte sich langsam. Kalypso war gut zu ihm, in ihrer Art, und sie liebte ihn, wie eine unsterbliche Nymphe einen Sterblichen lieben kann: vollständig und ohne Abstand. Sie bot ihm an, was keine andere Göttin je einem Menschen angeboten hatte. Sie sagte, sie würde ihn unsterblich machen, wenn er bei ihr bliebe. Sie würde ihm ewiges Leben geben, und ewige Jugend, und sie würden gemeinsam auf dieser grünen, stillen Insel bleiben, während die Welt draußen sich drehte und die Sterblichen kamen und gingen wie Gras im Wind.
Aber Odysseus blieb, was er war: ein Mensch, der nach Hause wollte. Am Tage saß er oft auf den Klippen der Insel und blickte auf das Meer hinaus, in die Richtung, in der er Ithaka vermutete, und seine Augen waren weit und seine Gedanken weiter. Er dachte an Penelope, seine Frau, die auf ihn wartete und die er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er dachte an Telemachos, seinen Sohn, der als Kind gewesen war, als er auszog, und der nun ein Mann sein musste. Die Unsterblichkeit, die Kalypso ihm bot, war ihm nicht genug, denn sie enthielt nicht das eine, was ihm fehlte.
So vergingen Jahre auf Ogygia, sieben Jahre, in denen die Welt draußen weiterlebte und Odysseus auf der Insel blieb. Die Insel war schön, das lässt sich nicht bestreiten: Die Vögel sangen in den Zedern, das Meer glitzerte blau um die Klippen, und die Höhle der Kalypso war warm und sicher und weit entfernt von Krieg und Sturm und Gefahr. Aber Schönheit und Sicherheit sind nicht dasselbe wie Zuhause, und Odysseus wusste das, auch wenn er es an manchen langen Abenden fast vergessen wollte.
Die Götter des Olymp aber hatten ihn nicht vergessen. Athene, die eulenäugige Göttin, die ihn von jeher beschützt hatte, trat eines Tages vor Zeus und sprach für Odysseus, der auf seiner fernen Insel saß und das Meer betrachtete. Zeus hörte sie, und er wandte sich an Hermes, den Götterboten, der mit seinen geflügelten Sandalen über die Wellen fliegt wie ein Vogel über die Stoppelfelder. Hermes kam auf Ogygia nieder und trat vor Kalypso, und er richtete ihr aus, was die Götter beschlossen hatten: Odysseus müsse heimkehren dürfen. So war es bestimmt, und so sollte es sein.
Kalypso hörte die Botschaft, und sie war traurig, auf die stille, würdevolle Weise, die Unsterbliche haben, wenn sie trauern. Aber sie gehorchte. Sie trat zu Odysseus, der an den Klippen saß, und sie sagte ihm, dass er gehen dürfe. Sie half ihm, ein Floß zu zimmern, gab ihm Proviant und Wasser und zeigte ihm, nach welchen Sternen er segeln solle. Am Morgen, als die rosenfingrige Eos die Nacht zurückschob und das Meer zartrosa schimmerte, schob Odysseus sein Floß ins Wasser.
Er ruderte hinaus, bis die Insel hinter ihm verschwand, und die Wellen trugen ihn wieder ins offene Meer, dem Morgenwind entgegen, auf den Weg zurück in die Welt der Sterblichen. Die Insel Ogygia lag still und grün zurück, wie sie immer gelegen hatte, weit draußen im Ozean, dort wo keine Schiffe fahren. Kalypso stand an ihrer Klippe und blickte dem kleinen Floß nach, bis es nur noch ein Punkt auf dem Horizont war, und dann war auch dieser Punkt verschwunden.
Odysseus aber saß auf seinem Floß und blickte voraus in die Richtung, die die Sterne ihm wiesen, und zum ersten Mal seit sieben Jahren fühlte er, dass das Meer ihn trug, anstatt ihn zu halten. Die Wellen hoben ihn sanft, der Wind war mild, und irgendwo, noch weit entfernt, wartete eine Küste, und nach der Küste warteten Menschen, und nach den Menschen wartete der Weg nach Hause. Nausikaa und das Volk der Phäaken.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.