Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 10 Minuten zu lesen
Die Reise zur Insel der Vögel
In jener Nacht, als der Mond über den silbernen Wassern des großen Meeres stand und die Wellen sanft gegen den Kai von Basra schlugen, da begab es sich, dass ein Kaufmann namens Dschamal auf seinem Teppich saß und in die Sterne blickte. Die Nacht war warm und roch nach Salz und fernen Ländern, nach Zimt aus Indien und Weihrauch aus dem Süden, und in seinem Herzen lebte eine Sehnsucht, die ihn nicht schlafen ließ.
Er hatte viel gewonnen in seinem Leben, seidene Gewänder, Häuser mit Marmorbrunnen, Gärten voller Granatapfelbäume, und doch fühlte er, dass irgendwo auf den Wassern dieser Welt etwas auf ihn wartete, das er noch nicht kannte. So kam es, dass Dschamal am nächsten Morgen seinen Wesir zu sich rief, ihm die Verwaltung seines Hauses übertrug und ein Schiff ausstattete, mit Vorräten für eine lange Reise, mit feinen Waren zum Tauschen, mit Teppichen und Gewürzen und kleinen Schachteln aus Elfenbein, in denen duftende Öle schliefen.
Die Matrosen waren zwölf an der Zahl, allesamt erfahrene Männer, die das Meer kannten wie ihre eigene Handfläche. Und als der Wind sich günstig wendete und die Palmen am Ufer sich verneigten, da stach das Schiff in See. Die ersten Wochen vergingen ruhig. Die Tage waren blau und golden, die Nächte voll von Sternen, die Dschamal noch nie zuvor so klar gesehen hatte, so nah, als könnte er sie greifen, als wären sie Lampen, die ein unsichtbarer Diener für ihn aufgehängt hatte. Die Matrosen sangen abends ihre Lieder, die Wellen schaukelten das Schiff in einem sanften Rhythmus, und Dschamal schlief tief und träumte von Inseln, die noch keinen Namen trugen.
Dann, an einem Abend, als die Sonne wie eine reife Granatapfelblüte ins Meer tauchte, rief der Ausguck vom Mast herab: Land! Land in Sicht! Dschamal trat an die Reling und sah, zunächst nur einen dunklen Strich am Horizont, dann, als das Schiff sich näherte, immer deutlicher, eine Insel von solcher Schönheit, dass ihm der Atem stockte. Die Bäume waren unbekannter Art, mit Blättern, die im Abendlicht wie geschmolzenes Kupfer leuchteten. Die Küste war von weißem Sand gesäumt, und dahinter erhoben sich sanfte Hügel, auf denen Blumen blühten, deren Farben Dschamal noch keinen Namen geben konnte. Doch noch ehe das Schiff ankerte, bemerkte Dschamal, dass die Luft über der Insel sich bewegte, nicht wie Wind, sondern wie tausend Flügel.
Und dann sah er sie: Vögel. Vögel in einer Zahl, die er sich nicht hätte vorstellen können, Vögel jeder Gestalt und Farbe, die über dem Wald kreisten wie ein lebendiges Tuch, gewoben aus Gefieder und Gesang. Es gab Vögel, die leuchteten wie kleine Sonnen, goldgelb und glutrot. Es gab Vögel, deren Federn blau schimmerten wie der tiefste Teil des Meeres. Und es gab einen Vogel, größer als alle anderen, weiß wie der erste Schnee, mit einem Schweif aus langen Federn, die silbern funkelten, der über dem Gipfel des höchsten Hügels im Kreis flog, langsam und majestätisch, als wäre er der Herrscher dieses Ortes.
Dschamal ließ das Boot zu Wasser, und allein, denn seine Matrosen zögerten, und er bat sie zu warten, ruderte er zur Küste. Der Sand unter seinen Füßen war warm und fein wie gemahlenes Elfenbein. Die Luft roch nach Jasmin und nach etwas anderem, das er nicht benennen konnte, etwas Süßem und Altem, wie der Duft eines Gartens aus einem vergessenen Traum. Und die Vögel, die Vögel sangen. Nicht wild und durcheinander, wie Vögel singen, wenn sie aufgeschreckt werden, sondern geordnet, wechselnd, als führten sie ein Gespräch, das er nur nicht verstand.
Er folgte einem Pfad, der sich zwischen den kupferfarbenen Bäumen hindurchschlängelte, und nach einer Weile öffnete sich der Wald, und Dschamal trat auf eine Lichtung, und was er dort sah, ließ ihn stillstehen. Mitten auf der Lichtung stand ein Baum, größer als alle anderen, so groß, dass seine Krone den Himmel zu berühren schien, und an seinen Ästen saßen Hunderte von Vögeln, Schulter an Schulter, Flügel an Flügel, und alle schwiegen.
Und auf dem untersten Ast, genau auf Augenhöhe, saß der weiße Vogel mit dem silbernen Schweif. Er hatte Augen wie schwarze Edelsteine, tief und ruhig, und er sah Dschamal an, als hätte er ihn erwartet. Dann öffnete der Vogel den Schnabel, und er sprach. Willkommen, o Kaufmann, sagte der Vogel, und seine Stimme war wie das Rauschen von Wasser über Steine, weich und klar und alt.
Wisse, dass diese Insel nicht auf den Karten der Menschen steht. Wisse, dass sie nur jene finden, die mit offenem Herzen auf das Meer hinausfahren, ohne zu wissen, wonach sie suchen. Du hast mich gesucht, ohne es zu wissen, und nun bist du hier. Dschamal kniete nieder, wie man vor einem Herrn kniet, und sprach: O weiser Vogel, ich weiß nicht, wie ich würdig bin, auf diese Insel zu treten. Aber mein Herz hat sich immer nach etwas gesehnt, das ich nicht benennen konnte, vielleicht warst du es, den ich gesucht habe.
Der weiße Vogel neigte den Kopf, und die Federn seines Schweifes schimmerten im letzten Licht der Sonne. Ich werde dir drei Dinge zeigen, sprach er, und dann wirst du wählen, was du mit nach Hause nimmst. Aber wisse: Du kannst nur eines tragen. Das erste ist Reichtum, größer als alles, was du dir vorstellen kannst. Das zweite ist Wissen, tiefer als das Meer, das dich hergebracht hat. Das dritte ist Frieden, und Frieden lässt sich nicht zeigen, er lässt sich nur fühlen. Die Nacht kam, und der Vogel führte Dschamal durch den Wald.
Zunächst zu einem Ort, wo aus dem Boden eine Quelle floss, und das Wasser dieser Quelle war golden, nicht wie Farbe, sondern wirklich golden, und wo es den Boden berührte, blieben kleine Goldklumpen zurück, rein und leuchtend. Dschamal sah diesen Reichtum, und sein Kaufmannsherz schlug schneller, und für einen Moment träumte er von allem, was er damit tun könnte. Aber dann dachte er daran, wie er auf seinem Teppich gesessen hatte, umgeben von all seinem Reichtum, und die Sehnsucht hatte ihn dennoch nicht schlafen lassen.
Dann führte der Vogel ihn zu einem zweiten Ort: einem kleinen See, spiegelglatt, und auf seiner Oberfläche spiegelten sich nicht die Sterne des Himmels, sondern Bilder, Bilder ferner Länder, vergangener Zeiten, zukünftiger Dinge. Dschamal sah darin das Geheimnis der Gezeiten und die Sprache der Winde, die Wege der Karawanen und die Namen der Sterne. Er sah, wie Dinge entstanden und vergingen, und einen Moment lang verstand er alles, alles, und es war wunderbar und erschreckend zugleich. Doch dann wanderten seine Gedanken, und das Verstehen glitt davon wie Wasser durch geöffnete Finger. Schließlich setzte der Vogel sich nieder, faltete den silbernen Schweif, und es war, als ob die ganze Insel innehielte.
Die Vögel im Wald schwiegen. Der Wind legte sich. Die Wellen am Ufer wurden leiser, leiser, fast zu einem Flüstern. Und Dschamal, der auf dem weichen Moos der Lichtung saß, spürte etwas in seiner Brust, eine Wärme, die er nicht erzeugt hatte, ein Stillwerden, das von selbst kam, als würden alle Fragen, die er je gestellt hatte, langsam, sanft, ohne Antwort einfach aufhören zu brennen.
Das ist der Frieden, sprach der Vogel leise, den ich dir zeige. Nicht die Abwesenheit von Mühe oder Schwere. Sondern das Wissen, dass du dort bist, wo du sein sollst, in dieser Nacht, auf dieser Erde, in diesem Atem. Dschamal saß lange so. Die Nacht war warm um ihn herum, der Himmel voller Sterne, und in seiner Brust lebte etwas, das er kannte, das er immer gekannt hatte, irgendwo, tief in sich, aber das er so lange nicht gespürt hatte, dass er vergessen hatte, wie es sich anfühlte.
Er saß, und er atmete, und er war ruhig. Als er dem Vogel schließlich antwortete, sprach er leise: Ich wähle den Frieden, o weiser Vogel. Denn Reichtum habe ich gekannt, und er hat mich nicht zur Ruhe gebracht. Und Wissen ist groß und schön, aber ich fürchte, es würde mich noch weiter forttragen von dem, was ich wirklich suche. Aber dieses, dieses möchte ich mit nach Hause nehmen.
Der weiße Vogel neigte den Kopf, und ein einzige Feder löste sich sanft aus seinem Schweif und schwebte, langsam, langsam, zu Boden. Nimm diese Feder, sprach er. Sie wird dir nichts geben, was du nicht schon in dir trägst. Aber wenn du sie ansiehst, in Stunden der Unruhe und der Sehnsucht, dann wirst du dich erinnern, an diese Nacht, an diese Stille, an das Gefühl, das du hier gespürt hast. Und die Erinnerung ist stark genug.
Dschamal nahm die Feder — sie war leicht wie ein Atemzug, und wo er sie berührte, kribbelte die Haut an seinen Fingern sanft, wie bei einem langen Ausatmen nach einer schweren Last. Er trug sie zu seinem Schiff, und die Matrosen, die gewartet hatten, fragten ihn, was er auf der Insel gefunden habe, und er sagte: Etwas Kleines und sehr Wertvolles. Mehr sagte er nicht. Die Heimreise war ruhig. Die Winde waren freundlich, das Meer lag glatt wie ein Tuch aus blauem Seide, und nachts, wenn die Sterne über dem Schiff standen, saß Dschamal an der Reling und hielt die Feder in der Hand und spürte jenes Stillwerden wieder, leise, aber da.
Die Matrosen bemerkten, dass ihr Herr anders war: nicht weniger fröhlich, nicht stiller als sonst, aber ruhiger, irgendwie, wie ein See, der auch beim Wind nicht aufgewühlt wird. Zurück in Basra, in seinem Haus mit den Marmorbrunnen und den Granatapfelbäumen, ließ Dschamal die silberne Feder in einer kleinen Schachtel aus Zedernholz aufbewahren, neben seinem Bett. In Nächten, wenn die Geschäfte des Tages in seinem Kopf nachhallten und die alten Sehnsüchte ihn unruhig machten, öffnete er die Schachtel und betrachtete die Feder im Lampenlicht, und erinnerte sich an die Insel, an die Stille, an die Stimme des weißen Vogels, und an das Gefühl, vollkommen dort zu sein, wo man ist.
Und es heißt, dass die Insel der Vögel noch immer auf den Wassern der Welt liegt, unsichtbar für die Karten der Gelehrten, wartend auf jene, die mit offenem Herzen fahren. Manchmal, in stillen Nächten, wenn das Meer ruhig ist und der Wind schweigt, sollen Schiffer eine Musik gehört haben, fern und klar und schön, und wenn sie ihr folgten, fanden sie nichts als offenes Wasser.
Aber sie kamen nach Hause mit einem Lächeln, das sie sich nicht erklären konnten, und schliefen tief und ruhig, als hätten sie etwas Schweres abgelegt, ohne zu wissen, was es gewesen war. So ruhe nun auch du, und lass die Nacht ihre Arbeit tun, denn auch du bist dort, wo du sein sollst, in dieser Stunde, in dieser Stille, in diesem Atem.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.